Allgemeine Berichte | 11.03.2026, 23:16 Uhr

Handwerker auf Walz

Ein wandernder Geselle bei der Kolpingfamilie Lahnstein, St. Martin

Über das Leben „auf der Walz“ informierte Vincent Stenmans im Lahnsteiner Pfarrzentrum bei der Kolpingfamilie St. Martin
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Vincent Stenmans aus Grefrath-Oedt gab in Lahnstein spannende Einblicke in seine vierjährige Wanderschaft als Raumausstattergeselle durch 16 europäische Länder. Er erklärte die Tradition, Regeln und Highlights der Walz und berichtete von seinen Erfahrungen und Begegnungen während der Reise.

Lahnstein. Der 31jährige Raumausstatter Vincent Stenmans aus Grefrath-Oedt nahm die über 30 Besucherinnen und Besucher „an die Hand“ und ging mit ihnen vier Jahre und eine Woche „auf die Walz“. Anschaulich gab er mit seinem Lichtbildervortrag Einblick in eine jahrhundertealte Tradition mit strengen Regeln, er berichtete von seiner „Tippelei“ ins Leben. 16 europäische Länder hat der Handwerker gesehen. Seine Reise führte ihn von Dänemark bis Südspanien und von Portugal bis zum Schwarzen Meer. In Rumänien arbeitete er zum Gemeinwohl für das dortige Kolpingwerk.

Aber der Reihe nach: Der wandernde Geselle berichtete von den Bedingungen für die „Walz“: Man sollte unter 30 Jahre alt sein, einen Gesellenbrief haben, schuldenfrei sein (sowohl monetäre Schulden als auch Ehrenschulden), kinderlos sein, nicht verheiratet sein und keine Vorstrafen haben. Dann schlug er mit dem Wanderstab, genannt Stenz, kräftig auf den Boden auf und sprach seinen Wanderspruch, mit welchem er bei verschiedenen Arbeitgebern um Anstellung nachfragte. Ein Türöffner auf seiner Reise war oftmals die traditionelle Kluft. Sie besteht aus einer Hose mit zwei Reißverschlüssen, einer roten Weste und einem roten Jackett, wobei die Farbe rot für das Gewerk des Gesellen steht, als Raumausstatter gehört er zum Textilgewerbe.

„Der schwarze Hut ist unsere Freiheit, wir ziehen ihn vor niemanden“, so Stenmans. Die Anzahl der Knöpfe auf der Weste steht für den Acht-Stunden-Tag und die sechs Knöpfe auf der Jacke versinnbildlichen die Sechs-Tage-Woche. Die Anzahl der Manschetten symbolisieren drei Jahre Ausbildung sowie mindestens drei Jahre Wanderschaft. Die Wanderschaft beginnt mit dem Übersteigen des Ortsschildes der Heimatgemeinde. Auch bei der Rückkehr geht es über das Ortsschild, jeweils umjubelt von vielen Freundinnen und Freunden. Während der Wanderschaft dürfen die Gesellen ihrem Heimatort nicht näher als 50 Kilometer kommen.

Traditionelle Regeln und Ausrüstung prägen die Wanderschaft

Ihren Lebensunterhalt verdienen sie durch Arbeit, aber für Reise und Unterkunft dürfen sie nicht selber bezahlen. Ein Handy ist nicht erlaubt, höchstens eine kleine Kamera, um Erinnerungen festzuhalten. Vincent war im freien Begegnungsschacht unterwegs, einer der wenigen von insgesamt neun Schächten, in denen auch Frauen willkommen sind. Trampend zog Stenmans durch Europa, oft begleitet von anderen Handwerkerinnen und Handwerkern auf der Walz.

„Du weißt nicht, wo du am Abend sein wirst“. Er erzählte von den Herausforderungen, gute Schlafplätze zu finden, also „Platte zu machen“. Neben den Unterkünften beim Chef, manchmal auch als „Krauterer“ bezeichnet, bieten sich auch Kolpinghäuser als gute Anlaufpunkte auf der Walz an. Hier wird insoweit eine lange Tradition des „Gesellenvaters“ Adolph Kolping fortgeführt.

Im mitgeführten Wanderbuch werden Stempel von besuchten Städten gesammelt und vor allen Dingen Arbeitszeugnisse. Wie in einem Tagebuch werden berufliche und persönliche Erlebnisse festgehalten. Der „Charlottenburger“ ist ein zum Bündel gebundenes Stofftuch. Was der wandernde Geselle mit sich tragen will, muss dort hineinpassen. Das Gepäck wiegt zwischen acht und 15 Kilogramm. Es besteht aus einer Hauptrolle, in der die Arbeitskleidung ist, und zwei „Specki“, in denen Schlafsachen und Wechselklamotten verstaut sind.

Erlebnisberichte und Gepäck der wandernden Gesellen in Europa

Als Schmuck ist nur ein Ohrring erlaubt, der ins linke Ohrläppchen genagelt wird. Beim Anblick des Fotos vom „Festnageln auf die Walz“ mussten einige aus dem Publikum schreckhaft wegsehen. Wandergesellen wird bei unehrbarem Verhalten dieser Ohrring herausgerissen. Er gilt fortan als „Schlitzohr“. Arbeitseinsätze führten den Referenten unter anderem nach Wien, Paris, Helgoland und an die dänische Küste. Viele Anekdoten bereicherten die Reise ins Ungewisse mit einer gewissen Abenteuer-Romantik.

In Lissabon wurde mit der Kluft am Weltjugendtag teilgenommen. Beim Start der Tippelei hatte Stenmans nur den „Notgroschen“ von fünf Euro dabei. Mit dem gleichen Betrag kehrte er zurück. Auf der Walz soll es nicht um das Anhäufen von Reichtum gehen, sondern um das Sammeln von Erfahrungen. „Ich habe handwerklich in den vier Jahren in den verschiedensten Betrieben mehr gelernt, als bei der Meisterprüfung“, so der Vortragende.

Die Gesellenwanderung „Walz“ ist inzwischen immaterielles Kulturerbe in Deutschland. 500 bis 600 Gesellen und Gesellinnen sind heute in Deutschland „auf der Walz“, Tendenz steigend! Sie helfen vielerorts, den Mangel an Fachkräften zu lindern, bis sie weiterziehen.

Wandertradition als Kulturerbe und Beitrag zum Fachkräftemangel

Der Abend bot die seltene Gelegenheit, einmal einen ganz anderen Arbeitsalltag kennen zu lernen und steigerte auf jeden Fall die Wertschätzung für die aus freiem Willen ehrbaren wandernden Gesellen, die fast eine Subkultur mit ihren Bräuchen und Traditionen darstellen. „Die Wanderschaft ist persönlichkeitsentwickelnd. Dadurch, dass man auf Menschen zugehen muss, lernt man viele Leute kennen, die einem oft helfen.“

Der Vortrag zeigte deutlich, dass die Welt gar nicht so schlecht ist, dass Gastfreundschaft und Herzlichkeit keine bloßen Worte sind. „Sprechen Sie die Handwerker auf der Walz ruhig an“, ermunterte Vincent Stenmans. Sie freuen sich über ein Getränk, ein gutes Wort und manchmal auch über eine warme Dusche.

Für die Kolpingfamilie Lahnstein, St. Martin war der Abend ein Deja Vu mit dem früheren Handeln Adolph Kolpings (1813-1865), der ja Gesellenhäuser baute. (Auch Lahnstein hatte einstmals zwei Gesellenhäuser mit Übernachtungsmöglichkeiten)

Früher gehörte die Wanderschaft und damit die Berufserfahrung zwingend zu einem Handwerkerleben, ohne die niemand die Meisterprüfung ablegen konnte. Etwas Gutes bewirkte der Abend auch noch: Für die Arbeit des Kolpingwerkes in Rumänien wurden 344 Euro unter den Zuhörenden gesammelt. Die Hutsammlung hatte Stenmans selbst organisiert.

Ulrike Schneider aus der Kolpingfamilie St. Martin sorgte für die herzliche Begrüßung und Verabschiedung von Referent und Besuchern. Sie hatte Stenmans kennen gelernt beim Kölner Rosenmontagszug 2025, als die wandernden Gesellen in ihren original Kluften als „Kamelleläufer“ für die Kolping-Heinzelmännchen-Gruppe eingesetzt waren.

Gut besucht war der Vortragsabend über einen seltenen Arbeitsalltag auf Wanderschaft.

Gut besucht war der Vortragsabend über einen seltenen Arbeitsalltag auf Wanderschaft. Foto: Thomas Schneider

Im „Charlottenburger“, einem Stofftuch wird das Gepäck auf der Wanderschaft im Bündel verstaut.

Im „Charlottenburger“, einem Stofftuch wird das Gepäck auf der Wanderschaft im Bündel verstaut. Foto: Thomas Schneider

Der Referent zeigte, was „auf der Walz“ mitgenommen wird.

Der Referent zeigte, was „auf der Walz“ mitgenommen wird. Foto: Thomas Schneider

Fotostrecke

Ein wandernder Geselle bei der Kolpingfamilie Lahnstein, St. Martin
Ulrike Schneider aus der Kolpingfamilie St. Martin bedankte sich beim Referenten und dem aufmerksamen Publikum.

Foto: Thomas Schneider

Ein wandernder Geselle bei der Kolpingfamilie Lahnstein, St. Martin

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Über das Leben „auf der Walz“ informierte Vincent Stenmans im Lahnsteiner Pfarrzentrum bei der Kolpingfamilie St. Martin Foto: Thomas Schneider

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