Religion und Gesellschaft
Religion, Politik und gesellschaftlicher Zusammenhalt in Koblenz
aus Höhr-Grenzhausen
Koblenz. Ist Religion reine Privatsache? Braucht eine demokratische Gesellschaft religiöse Werte? Und was hält Europa in Zeiten zunehmender politischer Spannungen zusammen? Mit diesen Fragen beschäftigte sich eine abendliche Podiumsdiskussion der Veranstaltungsreihe DENKBARES am 1. Oktober im Koblenzer Dreikönigenhaus. Anlass war die Vorstellung des neuen Buches „Religion und Politik oder: Was Europa zusammenhält“ aus der Reihe „Koordinaten Europas“.
Auf dem Podium diskutierten die Politik- und Islamwissenschaftlerin Evelyn Bokler von der Universität Bonn, der Religionssoziologe Detlef Pollack von der Universität Münster und der Philosoph Holger Zaborowski. Moderiert wurde das Gespräch von Martin W. Ramb, der gemeinsam mit Zaborowski den neuen Sammelband herausgegeben hat.
Religion ist mehr als Privatsache
Religion ist mehr als Privatsache
Einigkeit bestand zunächst darüber, dass Religion zwar eine persönliche Angelegenheit ist, ihre Wirkung aber weit über das Privatleben hinausreicht. Religion stifte Gemeinschaft, vermittle Werte und beeinflusse damit auch das gesellschaftliche Zusammenleben. Pollack erinnerte daran, dass Religion seit jeher Menschen zusammenführe. Zaborowski verwies auf die vielfältigen sozialen Aufgaben der Kirchen, etwa in Bildung, Pflege und Wohlfahrt.
Dabei wurde auch die Frage diskutiert, welche Bedeutung die Kirchen angesichts sinkender Mitgliederzahlen noch besitzen. Pollack betonte, dass kirchliche Einrichtungen wie Caritas und Diakonie weiterhin großes Vertrauen genießen. Zaborowski erinnerte zugleich an den Glaubwürdigkeitsverlust der Kirchen durch die Missbrauchsskandale. Um gesellschaftlich wirksam zu bleiben, müssten sie bescheidener auftreten und neue Partnerschaften eingehen.
Wenn Überzeugungen zur Gefahr werden
Wenn Überzeugungen zur Gefahr werden
Kontrovers wurde die Frage diskutiert, ob der Rückgang religiöser Bindungen eine Lücke in der Gesellschaft hinterlässt. Während Bokler davor warnte, dass an die Stelle traditioneller Religionen neue, möglicherweise radikale Weltanschauungen treten könnten, widersprach Pollack der Vorstellung, dass Menschen ohne Religion keinen gesellschaftlichen Zusammenhalt entwickeln könnten.
Besondere Aufmerksamkeit galt der Gefahr des religiösen Fundamentalismus. Pollack unterschied zwischen Menschen, die an ihrer eigenen religiösen Wahrheit festhalten, und solchen, die diese Wahrheit allen anderen aufzwingen wollen. Als Beispiel für die politische Vereinnahmung von Religion wurde die russisch-orthodoxe Kirche genannt, die den Krieg gegen die Ukraine religiös rechtfertigt.
Zaborowski stellte die Freiheit des Einzelnen in den Mittelpunkt: Wo religiöse oder politische Überzeugungen die Freiheit und Würde anderer Menschen einschränkten, werde eine Grenze überschritten. Bokler betonte, wie wichtig es sei, unterschiedliche Überzeugungen auszuhalten, statt die eigene Sichtweise für absolut zu erklären.
Demokratie ist keine Selbstverständlichkeit
Demokratie ist keine Selbstverständlichkeit
Zum Abschluss richtete sich der Blick auf Europa. Freiheit, Gleichheit und Menschenwürde seien kostbare Errungenschaften, die immer wieder verteidigt werden müssten. Demokratie lebe nicht allein von Gesetzen und Institutionen, sondern auch von Menschen, die Verantwortung übernehmen, sich engagieren und unterschiedliche Meinungen respektieren.
Deutlich wurde an diesem Abend: Religion kann zum gesellschaftlichen Zusammenhalt beitragen, sie kann aber auch politisch missbraucht werden. Entscheidend ist, ob sie die Freiheit des Menschen stärkt oder einschränkt.
Die Veranstaltung fand im Rahmen von DENKBARES in Zusammenarbeit mit dem ISSO Institut statt. Sie zeigte, wie eng die Fragen nach Religion, Politik und dem Zusammenhalt Europas miteinander verbunden sind – und wie notwendig es bleibt, darüber miteinander im Gespräch zu sein.
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Ein DENKBARES-Abend im Kultursommer Rheinland-Pfalz im Dreikönigenhaus Koblenz. Foto: Foto: Beate Probst