Politik | 17.09.2013

Brigitte Seebacher sprach im Willy-Brandt-Forum über den Führer der deutschen Arbeiterbewegung

August Bebel im Zentrum der Rückblicke

An ihrer Dauerleihgabe für das Forum, dem Original-Arbeitszimmer von Willy-Brandt, gedachte Brigitte Seebacher vor ihrem Bebel-Vortrag des anderen großen Sozialdemokraten.DL

Unkel. Am 13. August 1913 macht der „Vorwärts“, das Berliner Zentralorgan der SPD, nachmittags die Nachricht publik, dass August im Bad Passugg/Schweiz gestorben ist. Aus Anlass seines 100. Todestages hatte die Bürgerstiftung „Willy Brandt Forum“ Unkel am Wochenende zu einem Vortrag über den „Übervater der Sozialdemokratie“ eingeladen. Als Referentin hatten der Vorsitzende Klaus Henning Rosen und Geschäftsführer Rudolph Rupperath niemand Geringeren als die Historikerin Brigitte Seebacher, die dritte Frau des ersten SPD-Bundeskanzlers Willy Brandt gewinnen können. Seebacher hat 1988 über die Leitfigur der Arbeiterbewegung das Buch „Bebel - Künder und Kärrner im Kaiserreich“ geschrieben. Als Leiter des persönlichen Büros von Alt-Bundeskanzler Willy Brandt von 1976 bis 1989 ist dem Rheinbreitbacher Klaus Henning Rosen Willy Brandts Witwe natürlich bestens bekannt. Ende der 70er Jahre hatte diese ihre Chefredakteurin-Stelle beim SPD-Blatt „Berliner Stimme“ aufgegeben, um in die Pressestelle der Bonner Parteizentrale zu wechseln. 1979 hatte der Büroleiter seinem Chef und dessen neuer Lebensgefährtin ein Appartement in Unkel besorgt. Angesichts der prominenten Referentin konnte Rosen im Seminarraum des Forums zahlreiche Besucher begrüßen, darunter den früheren Bundestagsabgeordneten Manfred Scherrer, Peter Zoller, den Ehrenvorsitzenden der Kreis-SPD, den Abteilungsleiter in der Mainzer Staatskanzlei, Christoph Charlier, der jahrelang an der Seite von Brigitte Seebacher an der Spitze des SPD-Ortsvereins Unkel gestanden hatte, und Alt-Bürgermeister Werner Zimmermann, den die Brandt-Witwe zum feierlichen Staatsakt im Berliner Reichstagsgebäude und der anschließenden Beisetzung auf dem Waldfriedhof in Berlin-Zehlendorf eingeladen hatte. „August Bebel, der Gegenspieler von Reichskanzler Bismarck, ist aus der europäischen Geschichte nicht wegzudenken“, so Brigitte Seebacher über den in den Kasematten der Festung Deutz am Rheinufer in ärmlichsten Verhältnissen als Sohn eines preußischer Unteroffizier am 22. Februar 1840 geborenen Sozialdemokraten. Sein Vater stirbt 1844 an Schwindsucht, sein Stiefvater, der Zwillingsbruder, zwei Jahre später an derselben Krankheit. 1853 stirbt auch noch die Mutter. „August Bebel ist mit 13 Jahren Vollwaise und beginnt nach dem Besuch der Volksschule eine Lehre als Drechsler, bevor er mit 16 Jahren auf Wanderschaft geht“, so die Referentin. 1860 beendet August Bebel die Walz und nimmt eine Stelle in der Messe- und Industriestadt Leipzig an, die über eine bedeutende Industrie verfügt. 1861 wird er Mitglied des Gewerblichen Bildungsvereins, in dem er durch seine Reden auffällt. „Er liest extrem viel und setzte sich etwa mit den Schriften von Ferdinand Lassalle auseinander, den er 1863 am ersten Vereinstag Deutscher Arbeitervereine kennenlernt. Inzwischen selbstständiger Drechslermeister wird August Bebel 1865 Vorsitzender des Arbeiterbildungsvereins. Im gleichen Jahr macht er die Bekanntschaft mit Wilhelm Liebknecht, mit dem er die Sächsische Volkspartei gründet, als deren Abgeordneter er als 27-Jähriger ein Jahr später in den Norddeutschen Reichstag gewählt wird. Als Vorsitzender des Verbandes Deutscher Arbeitervereine arbeitet August Bebel auf die politische, ideologische und organisatorische Trennung von der liberalen Bourgeoisie hin. 1869 gründet er mit Wilhelm Liebknecht die Sozialdemokratische Arbeiterpartei (SDAP), zwei Jahre später zieht er in den Deutschen Reichstags ein, dem er bis zu seinem Tode ohne Unterbrechung angehört. „1872 wird August Bebel wegen angeblicher Vorbereitung zum Hochverrat zu zwei Jahren Festungshaft zu weiteren neun Monaten wegen Majestätsbeleidigung verurteilt. Vergessen haben ihn die Leute in dieser Zeit nicht“, so Brigitte Seebacher. Unmittelbar nach seiner Entlassung nimmt August Bebel in Gotha am Vereinigungsparteitag der SDAP und des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins zur Sozialistischen Arbeiterpartei (SAP) teil. „Das stark von den Ideen Lassalles geprägte Gothaer Programm der Partei stößt bei ihm zwar auf Kritik, die er jedoch nur zurückhaltend äußert, um die Einheit der Arbeiterbewegung nicht zu gefährden“, berichtete die Referentin. Zwei Attentate auf Kaiser Wilhelm I lastet Bismarck 1878 der SAP an und schürt die Revolutionsängste, sodass der Reichstag mit Stimmenmehrheit der Konservativen und Nationalliberalen das so genannte „Sozialistengesetz“ verabschiedet, nach dem sozialistische Parteien, Organisationen und Druckschriften verboten werden. „August Bebel wird im Reichstag zum schärfsten Kritiker der politischen Zustände im Deutschen Reich. Das Gesetz kann sozialistische Ideen nicht unterdrücken, sondern stärkt vielmehr das Klassenbewusstsein der Arbeiter, sodass die SAP trotz scharfer Repressionen ihre Stimmenzahl bei Reichstagswahlen verdreifachen kann“, berichtete Brigitte Seebacher. Den Sozialgesetzen des Reichskanzlers, 1883 dem Gesetz die Krankenversicherung betreffend mit Kranken- und Sterbegeld, dem Unfallversicherungsgesetz 1884 und der dritten Säule 1889 dem Gesetz die Invaliditäts- und Altersversicherung betreffend, stimmt August Bebel, weil nicht weitgehend genug, nicht zu. Nach Bismarcks Entlassung 1890 verlängert Wilhelm II das Sozialistengesetz nicht. Dies führt zur Neugründung der SAP als Sozialdemokratische Partei Deutschlands (SPD). „August Bebel ist maßgeblich an der Ausarbeitung des ‚Erfurter Programms‘ beteiligt, 1892 wird er in den Parteivorsitz gewählt“, berichtete die Referentin. Auf dem Dresdner Parteitag der SPD 1903 bekennt sich August Bebel zum revolutionären Marxismus. Entsprechend weigert er sich auch, Vizepräsident des Reichstages zu werden, ein Posten, der ihm als Vorsitzende der Fraktion angesichts deren Stärke 1903 zugestanden hätte. 1912 stellte die SPD dann erstmals die stärkste Reichstagsfraktion. „August Bebel hat den Bruch der Sozialisten glücklicherweise nicht mehr erlebt“, so Brigitte Seebacher. Dieser beginnt im Dezember 1915, als 20 SPD-Abgeordnete gegen die Bewilligung weiterer Kriegskredite stimmen, was im März 1916 zu ihrem Ausschluss aus der SPD-Fraktion führt, sodass sich diese im April 1917 zur USPD zusammenschließen. Parallel zu dieser Aufsplitterung vollzieht sich die Gründung der KPD. „Ich bin mir aber ziemlich sicher, dass sich August Bebel nicht in die Abhängigkeit von Moskau begeben hätte“, schloss die Historikerin ihren Vortrag.

An ihrer Dauerleihgabe für das Forum, dem Original-Arbeitszimmer von Willy-Brandt, gedachte Brigitte Seebacher vor ihrem Bebel-Vortrag des anderen großen Sozialdemokraten.Foto: DL

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