Veranstaltung „R(h)einwandern in den Frühling“ in und um Unkel
„Eckenblut und Terra Stux“
Schauspieler des Geschichtsvereins Unkel stellten in szenischen Bildern den Revolutionsdichter und Retter des Rolandsbogens, Ferdinand Freiligrath vor
Unkel. Am Haus Parzival von Karl Simrock startete am Freitag, 1. Mai, die geführte Themenwanderung „Eckenblut und Terra Stux“, Teil der Veranstaltung „R(h)einwandern in den Frühling“. Nachdem die Teilnehmer bereits Spannendes zur Weinlage des Germanisten und Übersetzers des Nibelungenlieds erfahren hatten, lernten sie im Museum für Heimatgeschichte Rheinbreitbach als Weinort kennen, um dann den Römerhof in Unkel-Scheuren anzusteuern.
„Hier ist die erste Station, an der wir während der heutigen Themenwanderung in von Gudrun Küpper geschneiderten Originalkostümen eine Freiligrath-Szene aufführen“, erklärte der Vorsitzende des Unkeler Geschichtsverein, Piet Bovy. Stadtarchivar Wilfried Meitzern war in die Rolle des Dichters geschlüpft, während dessen Jugendfreund Carl Stumpf von Detlef Blöcker gespielt wurde, der in dem ehemaligen Weingut wohnt. Das hatte der Liederdichter und Sänger von seinem kinderlosen Schwager Franz Backers geerbt.
„Wir laden Sie zu einer Zeitreise in das Jahr 1870 ein. Ferdinand Freiligrath befindet sich auf einer Rundreise, um alte Freunde zu besuchen und mit ihnen Erinnerungen auszutauschen“, verkündete Petra Römer von einem kleinen Fenster im ersten Stockwerk. Und schon klingelte der Revolutionsdichter an der Innenhoftür. „Da bist du ja. Schön, dass du dich entschlossen hast, alte Freunde zu besuchen“, begrüßte Carl Stumpf seinen Freund, den er vor dessen Unkeler Zeit bereits 1825 in Soest kennengelernt hatte. Als Freiligrath dann 1839 in Unkel aufgetaucht sei, sei er direkt der Mittelpunkt der Gesellschaft gewesen, und das nicht nur bei den Weinlese-Kampagnen. „Du hast damals lieber romantische Gedichte geschrieben, als dich mit Landschaftsbeschreibungen abzugeben“, erinnerte Carl Stumpf den Dichter an sein recht unstetes Leben in Unkel.
Für das stand etwa das Lied von Jörg Ritzel „Im Rolandsbogen“, das Detlef Blöcker als Tenor im berühmten Kölner Männergesangverein schmetterte: „Ich kam von fern gezogen, zum Rhein, zum Rhein. Beim Wirt vom Rolandsbogen, da kehrt ich ein. Ich trank mit seiner Base auf du und du. Der Mond mit roter Nase sah zu, sah zu!“ „So hab ich’s in Erinnerung“, freute sich Freiligrath und rezitiert prompt „Ich schritt hinab den Rhein, am Hag die Rose glühte“, aus seinem Gedicht „Mit Unkraut“. Kein Wunder, dass den beiden die Kehle ganz trocken wurde. „Morgen kommen Simrock und auch Wolfgang Müller aus Königswinter“, verriet Stumpf dem Freund, bevor sie sich im Weingut ihrem Lieblingsgetränk widmeten und die Wanderer zur zweiten Theaterstation an die Kelter auf den Neven-DuMont-Platz weiterzogen.
Romantik trifft Bodenständigkeit
Dort hatte sich André Bohnefaß, die von Werner Geißler verkörperte Romanfigur des Unkeler Schriftstellers Leonrad Reinirkens, auf dem Mäuerchen des Stadtweinbergs niedergelassen, als plötzlich Ferdinand Freiligrath vorbeischlenderte. Auf die Frage, was er mache, antworte dieser, er gehe spazieren und denke an seine geliebte Ida Melos. „Wer seid Ihr denn, dat ihr Üch solche Verzällcher erlauben könnt“, fragte André Bohnefaß. Er sei Poet und Revolutionär, erfuhr der Unkeler Winzersohn, der als kürfürstlicher Korporal gegen die französische Revolutionsarmee gekämpft hatte, von Freiligrath. „Der Rolandsbogen schaut durch mein Fenster, und die herrliche Landschaft führt mich in das Land der Poesie und Verse“, schwärmte er. Auf die fassungslose Frage des bodenständigen Rheinländers, ob er denn auch was Richtiges könne, erklärt der Dichter, dass er durch seine Spendensammlung den Rolandbogen, das Sinnbild der Rheinromantik gerettet habe. „Und auch der Satz ‚Wir sind das Volk!‘ stammt von mir“, entgegnete der Dichter, um sogleich das zweite Sinnbild der Rheinromantik, den Drachenfels lyrisch zu verherrlichen, auf den er am 1. September 1839 gewandert war.
Begegnung mit der großen Liebe
Weiterwandern bis zu dem barocken Haus an der Rheinpromenade, das den Namen des Dichters trägt, mussten dann auch die Teilnehmer an der Veranstaltung. Dort trafen sie auf ein junges Touristenpaar. „Hier hat Ferdinand Freiligrath seine Ida Melos, die damals Gouvernante bei Oberst von Steinacker im Nachbarhaus war“, berichtete Sabine Marquardt ihrem Schauspiel-Partner Wolfgang Ruland. Die 1817 im nordthüringischen Großmonra geborene Frau sei von dem sieben Jahre älteren Dichter fasziniert gewesen, der ihr nach einem Erntetag am Menzenberg abends am Rhein seine Liebe gestanden habe, obwohl er seinem Vater am Sterbebett versprochen habe, die jüngste Schwester seiner Stiefmutter, Lisa Schwollmann aus Soest, zu heiraten, obwohl diese zehn Jahre älter gewesen sei, berichtete Marquardt ihrem Begleiter nach der Lektüre der Novelle „Liebe in Unkel“ von Heinz Magka.
Und schon schlüpften die beiden in die Rolle der unglücklich Jungverliebten, denn auch Ida Melos war nicht mehr frei. „Ida, diese Nacht soll uns nicht gänzlich betrogen haben. Gewähr mir diese Bitte - lass mich dich, Ida, lass mich dich lieben dürfen wie - wie eine Schwester, Ida!“ Dass die geschwisterliche Liebe nicht von Dauer sein würde, war beiden wohl klar, auch wenn der Dichter über Weihnachten nach Soest zu seiner Verlobten fuhr. Bei seiner Rückkehr entdeckte er den eingestürzten Rolandsbogen und organisierte eine Sammlung zur Wiedererrichtung, was die königliche Besitzerin, Marianne Prinzessin Wilhelm von Preußen, verärgerte. Aus dieser Patsche half ihm Ida Melos heraus, indem sie ihn an die „Rheingräfin“ Sibylle Mertens, eine Freundin der Prinzessin erinnerte, mit der er über seinen Bekannten Levin Schücking und dessen Freundin Annette von Droste-Hülshoff Kontakt aufnehmen könne. Mit Erfolg, der Rolandsbogen durfte wieder aufgebaut werden.
Happy End in Thüringen
„Bis zum Sommer hielten die beiden schweren Herzens ihr Bruder-Schwester-Spiel durch“, erfuhr Wolfgang Ruland von seiner Begleiterin, der er dann als Ferdinand Freiligrath gesteht: „Nein, Ida, nein, nicht länger diese Lüge! Ich will nicht! Meine Liebe ist keine brüderliche. Ida, ich liebe dich!“ Während die beiden bei Magka lange am alten Turm in Unkel stehen und sich anschauen, gönnten sich die Schauspieler vor dem Freiligrath-Haus einen innigen Kuss. Das Entsetzen des Dichters war groß, als er erfuhr, dass Ida Melos kurz nach seiner Liebeserklärung Unkel in Richtung Thüringen verlassen hatte, aber nur, um kurz darauf zu schrieben: „Fern von Dir, Geliebter, ist es mir klar geworden, dass ich ohne Dich nicht leben kann. - Ewig Dein!“ Umgehend antwortete ihr Freiligrath: „Du hast genannt mich einen Vogelsteller! Als ob Du selber keine Garne zogst! O Gott, in Deine Garne flog ich schneller und blinder ja, als Du in meine flogst!“ Und in seinem Tagebuch vermerkte er: „Meine Mission in Unkel ist erfüllt. Ich habe eine Liebe erkämpft und den Rolandsbogen neu gebaut!“ Ende 1840 verließ er Unkel Richtung Thüringen, um die Tochter des Gymnasialprofessors und Buchautors Johann Gottfried Melos am 20. Mai 1841 in Großneuhausen zu heiraten und sich mit „seiner“ Ida in Darmstadt niederzulassen.
Viel anfangen konnte der bodenständige André Bohnefaß mit den schwärmerischen Dichter nicht.
