Kunst- und Kulturkreis „ad Erpelle“ lud zur Theaterpremiere
Jedermann trifft auf den Tod im kühlen, feuchten Tunnel
Kölner Theaterensemble begeisterte mit Hugo von Hofmannsthals 100 Jahre altem Mysterienspiel
Erpel. Was bewegt jemanden, sich an einem wunderschönen Sommerabend in einen 13 Grad kalten, dunklen und feuchten Tunnel zu setzen? Ein Theaterstück, das diesem unwirklichen Ambiente auf den Leib geschnitten ist. Die Premiere des Stücks „Jedermann“ von Hugo von Hofmannsthal begeisterte im Erpeler Tunnel an der ehemaligen Brücke von Remagen gut 150 Zuschauer.
Kein Wunder, hatte doch der 130 Mitglieder zählende Kunst- und Kulturkreis „ad Erpelle“ die Theatergruppe des „Kölner Jedermann“ nach Erpel geholt. Dazu Vereinsvorsitzender Edgar Neustein: „Es sind einige Schauspieler, die auch zu unserem Stammstück ‚Die Brücke‘ gehören, die mir voriges Jahr ihr Heft gezeigt haben, was sie in Köln bieten. Dann habe ich gesagt: Leute, das müsst Ihr im Tunnel spielen, hier gehört das Stück auch rein.“
Inszenierung schlägt eine Brücke über ein Jahrhundert
Und der Erfolg gab Edgar Neustein Recht, denn alle drei Aufführungen waren nahezu ausverkauft. Schließlich verknüpft das Ensemble das 1910 entstandene Drama mit modernem Liedgut und Attributen wie beispielsweise Smartphones, auf denen die „Buhlschaft“ wie im heutigen Leben auch immer wieder herumtippt. Hinzu kommt noch die Kombo, die viele Szenen mit den Aussagen moderner Schlager oder Rocksongs kommentiert.
Bei dem „Spiel vom Sterben eines reichen Mannes“ geht es darum, dass niemand etwas mitnehmen kann ins Jenseits, sei er auch noch so wohlhabend. Trotz seiner Liebe zu Besitz und Geld ist der Herr Jedermann aber kein Geizhals, kein primitiver oder habgieriger Mensch, sondern ein energischer, kluger Mann auf der Höhe des Lebens. Geschickt und überlegt geht er mit seinem Reichtum um und will kaufen den „Tunnel von Erpell“. Er versteht es auch, seinen Knecht sicher und selbstbewusst anzuleiten. Sein Lebensstil entspricht seiner sozialen Stellung.
Er glaubt aber, sich jeden Wunsch mit Geld oder Macht erfüllen zu können. In diesem Bewusstsein lebt er sein Leben ohne Rücksicht auf seine Mitmenschen, ohne Mitleid, ohne Liebe. Alle Hilfe, um die man ihn bittet, muss mit gleicher Münze zurückgezahlt werden.
In der Begegnung mit der Mutter zeigt sich der Charakter Jedermanns unreif und oberflächlich. Er begegnet seiner Liebschaft und vielen weiteren Gestalten, die ihn anhimmeln. Doch bei einem Bankett an der Seite seiner Buhlschaft hört er den Tod seinen Namen rufen. Der Tod schreitet in Gestalt einer schwarz gekleideten „Lady“ durch den Tunnel und fordert im Bühnenvorraum Jedermann auf, ihm zu folgen. Die Gäste ergreifen die Flucht. Der Tod gewährt Jedermann eine kurze Frist, um einen Fürsprecher für sich zu gewinnen, der ihn auf seinem letzten Weg begleiten soll. Aber niemand will das, seine Buhlschaft nicht und auch nicht sein Reichtum, verkörpert in der allegorischen Figur des schnöden Mammons, die ihm schließlich sein Geld abnimmt.
Da erkennt Jedermann sein verfehltes Leben, und im Glauben durch Gott und Priester bestärkt tut er Buße. Seine Seele, die der Teufel schon für sich verbucht hatte, ist gerettet.
Die Handlung des Mysterienspiels ist eine Allegorie des christlichen Weltgefüges, vor dem sich Jedermann verantworten muss. Hofmannsthals Drama ist vollständig in Versen mit mittelhochdeutscher Färbung gehalten. Der Dichter hat hier vermutlich eine Art „imaginärer Sprache“ schaffen wollen, die eine bestimmte Stimmung der Vergangenheit heraufbeschwört, ohne diese historisch rekonstruieren zu wollen.
Kontrast zwischen Stück und Spielort erzeugte Spannung
So passte es auch, dass das Ensemble das Mysterienspiel mit modernen Aspekten verzierte, die aber dem geheimnisvoll wirkenden Tunnel mit seinen schrecklichen Kriegsereignissen eigentlich konträr gegenüberstanden. Aber das alles machte die Aufführung so spannend und erlebnisreich, und die Besucher dankten allen Protagonisten mit frenetischem Beifall.
Kombo und Buhlschaft (r.) kommentieren Jedermanns Begegnung mit einer liebreizenden jungen Frau. Fotos: HEP
Der Vorsitzende des Kunst- und Kulturkreises „ad Erpelle“, Edgar Neustein, begrüßte die Zuschauer zur Premiere. Nicht zuletzt seinem Engagement war es zu verdanken, dass die außergewöhnliche Inszenierung im Tunnel zu sehen war.
Als Jedermann Buße tut, geht der Teufel (r.), der die Seele schon für sich verbucht hatte, am Ende leer aus.
