Frank Überall sprach im Willy-Brandt-Forum in Unkel
Plädoyer für kompetenten Journalismus
Aktionsreihe „Demokratie in Gefahr?!“ wurde mit einem Vortrag über Pressefreiheit und Extremismus eröffnet
Unkel. „Es ist schön, wenn eine politische Debatte Zuhörer findet. Und da sich das Willy-Brandt-Forum seinem Namensgeber als einem Mann des Dialogs verpflichtet fühlt, haben wir gerne unseren Seminarraum zur Verfügung gestellt, um der Frage nachzugehen, ob in Deutschland auf den Tag genau 70 Jahre nach Kriegsende die Demokratie in Gefahr ist.“ Mit diesen Worten begrüßte der Vorsitzende der Stiftung, Christoph Charlier, zahlreiche Zuhörer, darunter auch Verbandsgemeindebürgermeister Karsten Fehr und der Unkeler Stadtbeigeordnete Siegfried Brenke, die der Einladung von Britta Bellin-Schewe, Ute Giesen, Gabriela Mrozik und Christian Rosenzweig gefolgt waren, die das Projekt „Kunst trifft Politik“ ins Leben gerufen hatten. In ihrer ersten Veranstaltung präsentierten sie zusammen mit Rainer Bohnet vom Bonner Politik-Forum den Journalisten und Professor für Medien, Kommunikation und Wirtschaft Frank Überall, der sich dem Thema widmete: „Demokratie in Gefahr?!“
„Komplexe Themen einfach, aber unverfälscht darstellen“
Zunächst ging Überall ein auf die Pressefreiheit in Zeiten der Medienvielfalt, in denen selbst Leitmedien nicht mehr die große Öffentlichkeit erreichen und ungefilterte, ohne ethischen Kodex geschriebene Informationen per Internet abgerufen werden können. „In meiner Jugend hat es noch die ‚Straßenfeger‘ gegeben, Sendungen, die man einfach gesehen oder gehört haben musste, um mitreden zu können“, erinnerte sich Überall. Dieser gemeinsame Informationsstand sei heute nicht mehr gegeben. Gleichzeitig könne man die vielen Themen gar nicht mehr überblicken. „Dafür brauchen wir qualifizierte Journalisten, die zwar im Hinblick auf Verständlichkeit komplexe Themen vereinfachen, aber ohne sie zu verfälschen“, erklärte er.
Leider glaube man auf Seiten der Verantwortlichen vielfach, den Lesern, Hörern und Zuschauern nicht mehr allzu viel zumuten zu können. So stampften Sender politische Sendungen ein zugunsten leichter Unterhaltungskost, „Dabei muss ein fundiertes Grundwissen vorhanden sein, damit es zu demokratischen Entscheidungen, aber auch zu begründeten Protesten kommen kann“, warnte der Journalist, bevor er sich dem Extremismus zuwandte.
Missbrauch des Begriffs „Islamistische Gefahr“
Neonazis seien noch nie zuvor auf so breiter Front aufgetreten. Nach dem Prinzip „simplifizieren, emotionalisieren, dramatisieren“ würden national-populistische Gruppen und Parteien alle gesellschaftlichen Themen besetzen. Ein ganz großes sei die „islamistische Gefahr“, dabei werde der Koran nur von einigen wenigen Radikalen missbraucht. Die von diesen ausgehende Gefahr werde von den Medien und Teilen der Politik leider dramatisiert. Von ihr betroffen sei Deutschland aber nur in sehr geringem Maß. „Trotzdem wird die Situation genutzt, um Überwachungsmöglichkeiten auszubauen, ohne dass sich der Großteil der Bevölkerung dagegen wehrt“, merkte Überall an. Der Zuschauer sei fokussiert auf aufseherregende, von Gewalt dominierte Bilder. „Die nötige Auseinandersetzung und sachliche Aufarbeitung findet nur am Rande stand“, monierte er.
Angst als „größter Feind der Demokratie“
„Indem bei komplexen Problemen die Reduzierung drastisch auf die Spitze getrieben wird, öffnet sich ein Tor für viele, die sich in der Gesellschaft nicht mehr anerkannt fühlen. Nimmt diese Zahl weiter zu, dann ist unser pluralistisches System tatsächlich in Gefahr“, mahnte der Journalist. Radikale Linke, die das System bekämpften würden, gebe es zwar auch, erheblich gefährlicher seien jedoch Rechte, die nach dem Scheitern offen nationalistischer Gruppierungen jetzt scheinbar gemäßigt aufträten, um die Gesellschaft zu unterlaufen mit ihrer angeblichen „Anschlussfähigkeit“. „Diese erreichen sie auch durch eben das Konzept: simplifizieren, dramatisieren und emotionalisieren. Wurde zunächst noch vor einer Flüchtlings-Welle gewarnt, so ist inzwischen von einem ‚verheerenden Asylanten-Tsunami‘ die Rede. Mit diesem Ausdruck wird Angst geschürt, die der größte Feind der Demokratie ist“, hob der Referent hervor.
Um diese Gefahr in Schranken weisen zu können, brauche man Menschen, die Probleme ein- und zuordnen sowie Komplexität intelligent reduzieren könnten und die Bericht und Kommentar deutlich voneinander trennten, sprach er sich für eine Medienlandschaft mit engagierten wie kompetenten Journalisten aus.
