Allgemeine Berichte | 03.12.2013

Der Geschichtsverein Unkel inszenierte das Schauspiel

„Schockschwerenot Herr Bürgermeister“

Mit seinen Aufführungen erinnert der Geschichtsverein an längst vergessene Zeiten des Kulturkampfes in Unkel

Erfolge feierte das Theater-Team des Geschichtsvereins mit seinem Kulturkampf-SchauspielDL

hUnkel. Im Unkeler Pfarrheim tobte vorige Woche drei Abende lang der „Kulturkampf“. Der Geschichtsverein hatte die Zeit des Machtkampfes zwischen dem preußischen Staat um den „Eisernen Kanzler“ Otto von Bismarck und der katholischen Kirche in den Jahren nach der Reichsgründung 1871 dort unter Leitung von Doris Fortuin auf die Bühne gebracht. Geschrieben hatten das Stück „Schockschwerenot, Herr Bürgermeister“ Elsbeth Bovy und Gisela Meitzner. Die Geschichte basiert auf historischen Dokumenten, die vom Vorsitzenden des Geschichtsvereins Piet Bovy und Stadtarchivar Wilfried Meitzner etwa im Landeshauptarchiv Koblenz und in der Bürgermeister-Chronik gesichtet und ausgewertet worden waren. „Mein Mann ist darauf angesprochen worden, dass in Unkel noch Nachfahren von Bürgermeister Altrock leben müssten“, erinnert Elsbeth Bovy. Sie selber schlüpfte in die Rolle der Frau des preußischen Beamten. Piet Bovys Gespräch mit Jakob Wierig führte dazu, dass er sich genauer mit dem Schicksal des unglücklichen Kommunalpolitikers beschäftigte.

Der war ab Mai 1981 offiziell von der protestantischen preußischen Administration, genauer von Landrat von Runkel in Neuwied als Bürgermeister von Unkel eingesetzt worden. Sein Vorgänger, Carl Bertram Fransquin, war zuvor wohl wegen der Querelen mit Pfarrer Johann Heinrich Stolten nach einem Schlaganfall gestorben.

Der ganze Frevel nur erdacht

„Über Bürgermeister Altrock geht das Gerücht, in der Jauchegrub sei er erstickt und dass man ihn dorthin geschickt. Neuste Forschung hat jedoch erbracht, dass solch ein Frevel nur erdacht!“, mit diesen Worten eröffnete Gisela Meitzner die Aufführung im Pfarrheim. Während einer Wanderung mit Elsbeth Bovy war die Idee aufgekommen, die brisanten Auseinandersetzungen zwischen protestantischer Obrigkeit und katholischer Geistlichkeit auf die Bühne zu bringen. Mit seiner Glocke laut scheppernd verkündete Gemeindediener Jupp, alias Günter Küpper im Pfarrheim: „Die Stadt wird jetzt von den Preußen us Berlin rejiert, dabei hatte doch bislang immer der Pastuur dat Sagen. Der muss jetz sojar aufpasse, wat he sät“. Damit spielte er auf den so genannten Kanzleiparagraphen an. Der war 1871 als „Maulkorbparagraph" erlassen worden, drohte er doch Geistlichen Strafe an, wenn diese Angelegenheiten des Staates in einer den öffentlichen Frieden gefährdenden Weise verkünden würden. Nur ein Jahr später entzog Berlin den Kirchen die Aufsicht über die Schulen, die nun einer staatlichen Inspektion unterstellt waren. Und so sahen die Zuschauer denn auch Pfarrer Stolten (Werner Geißler), wie dieser seinen Kommunionkindern alias Lena Schwarz, Hanna und Patrick Euskirchen, wegen „der Verbrecher in Berlin“ in der eiskalten Pfarrkirche statt in der warmen Schule Religionsunterricht gab.

Dies ging solange, bis die Kleinen von seiner Haushälterin (Daniela Görken-Bell) nach Hause geschickt wurden.Und schon wurde das Publikum nach Neuwied in das Amtszimmer des Landrats (Norbert Knoppik) entführt, wo dieser dem Ex-Oberstleutnant Theodor von Altrock (Wolfgang Ruland) die Ernennungsurkunde zum Bürgermeister übergab.

Ein ewiges Kräftemessen

„Dabei hät unser Pastuur doch bei der Beerdigung vom Fransquin so inständig ne Fürbitte jehalten, dat Unkel ene anständije katholische Bürjermeester bekäm“, wusste Jupp. So aber musste sich der kirchliche Amtsträger weiter verbissen gegen die Machteinschränkungen durch einen preußischen Protestanten wehren. Über den beschwerte sich Anfang 1885 sogar schriftlich der kaiserliche Kapitän zur See a.D. James Bothwell (Wilfried Meitzner) als Ratsmitglied bei Landrat von Runkel. Altrock habe sich der Amtsanmaßung schuldig gemacht, indem er auf einem Grundstück an der Rheinpromenade gegen den Willen der Besitzer Blumen gepflanzt habe. Ja sogar der Urkundenfälschung und des Betrugs bezichtigte der schottische Schwiegersohn von Carl Loewe den Bürgermeister. „Ich verbitte mir, dass Ihr dahergelaufener Gemeindebüttel Jupp auf meinem Kirchhof herumlungert. Können oder wollen Se die Toten nicht in Ruhe lasse?“, fuhr der Unkeler Pfarrer wenig später diesen „pingelichen preußischen Äätzezeller“, so der Geistliche, wenig später in dessen Amtsstube an. Der Grund: Auf Gemeindekosten hatte der Stadtchef das alte Rathaus zwecks Friedhoferweiterung abreißen lassen und beanspruchte deshalb die Aufsicht über das Gelände. Dagegen schloss sich das Gemeinderatsmitglied Matthias Kirchartz /Siegfried Müller) der Ansicht des Pfarrers an.

„Der Kirchhof gehört zur Kirche!“, so sein Credo und prompt zahlte er die Kosten für die Erweiterung in Höhe von 270 Mark aus eigener Tasche. Als der Bürgermeister dann auch noch der Polizeiverordnung vom Juni 1877 folgend „das Zieren der Häuser mit Maien“ und Fahnen an Fronleichnam verbieten wollte und drohte, Zuwiderhandlungen mit 15 Mark Strafe zu ahnden, musste der Landrat nach Unkel reisen, um den Streit zu schlichten.

Ein Maß an Zucht und Ordnung

„Die Unkeler brauchen endlich ein gewisses Maß an Zucht und Ordnung. Sie zertrampeln den ganzen Wald auf der Suche nach Birken und Buchen“, verteidigte Theodor von Altrock sein Vorgehen, das ja sogar gesetzlich abgesichert war. „Gewohnheitsrecht ist wichtiger als so eine blödsinnige Anordnung“, argumentierten dagegen Heinrich Stolten, James von Bothwell und Matthias Kirchartz, denen der Landrat um des lieben Friedens Wille zum Entsetzen des Stadtchefs recht gab. „Da neben Gemeindediener Jupp mit Frau Antweiler (Margret Dühsdorf) und Paula (Gudrun Küpper) der Bedienung in der Löwenburg auch einfache Bürger in dem Stück zu Wort kommen, wird deutlich, wie die Auseinandersetzungen auf höherer Ebene in voller Schärfe bis in die untere Gemeindeebene durchschlugen und wie die einfache Bevölkerung auf diese Dauerfehde reagiert hat“, so Wilfried Meitzner, während die Zuschauer begeistert die anschauliche Gesichtsstunde über eine Zeit feierten, die heute von den meisten kaum beachtet wird.

Nichts mehr hören wollte Pfarrer Stolten von den Argumenten des protestantisch-preußischen Bürgermeisters

Nichts mehr hören wollte Pfarrer Stolten von den Argumenten des protestantisch-preußischen Bürgermeisters

Erfolge feierte das Theater-Team des Geschichtsvereins mit seinem Kulturkampf-SchauspielFotos: DL

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