Trinitatis-Gemeinde zeigt „Was uns heilig ist“
Die Ausstellung mit interreligiösen Arbeiten ist Teil des Programms „Reformation und Toleranz“
Linz. Im Rahmen der Luther-/Reformationsdekade auf dem Weg zum Reformationsjubiläumsjahr 2017 ist das Themenheft der Evangelischen Kirche in Deutschland, EKD, bereits im Juni 2012 mit dem Titel „Schatten der Reformation“ auf das diesjährige Thema „Reformation und Toleranz“ eingegangen.
Um den „langen Weg zur Toleranz“ und um Fragen des Miteinanders der Evangelischen Kirche mit anderen Religionen ging es auch kürzlich in Linz zunächst im Gottesdienst, zu dem Pfarrer Christoph Schwaegermann Landeskirchenrat Rafael Nikodemus begrüßen konnte. „Er wird in seiner Predigt darauf eingehen, wo Toleranz beginnt und wo ihre Wurzeln liegen. Aber auch ob Toleranz bedeutet, dass man alle anderen Menschen widerspruchslos hinnehmen muss“, so der Pfarrer, der auf die Eröffnung der Ausstellung „Was uns heilig ist“ im Anschluss an den Gottesdienst im Katharinenhof hinwies. Dabei waren an den Längswänden der Kirche bereits zahlreiche Exponate christlicher, jüdischer und islamischer Künstler sowie eines buddhistischen Künstlers an Stellwänden zu sehen, die in thematischen Sequenzen präsentiert wurden.
„Im Gegensatz zu dem friedvollen Nebeneinander der Bilder haben wir eine 500-jährige schmerzvolle Lerngeschichte in Sachen Toleranz durchlaufen, die nicht abgeschlossen ist“, erinnerte Rafael Nikodemus. Die Reformatoren, allen voran Martin Luther, seien nicht gerade Vorbilder in Sachen Toleranz als unbeugsame Eiferer in der wahren Auslegung der Schrift gewesen. „Hinsichtlich ihrer Kompromisslosigkeit können wir die Toleranz bestenfalls als Enkelkind der Reformation bezeichnen, die auch Morde im Namen Gottes auf sich geladen hat und deren Geschichte nicht weniger gewaltsam und intolerant verlaufen ist, als die anderer Glaubensrichtungen“, erinnerte er etwa an den 30-jährigen Krieg.
Es sei allerdings ein gutes Zeichen, dass die Evangelische Kirche der Reformation nicht in reinen Jubelfeiern gedenke, sondern eben auch die dunklen Schattenseite, die Fehlbarkeit und die Schuldverstrickungen aller Menschen aufgreife, betonte der Landeskirchenrat, bevor er auf die Bergpredigt, Matthäus fünf, 44 einging. „Liebet eure Feinde; segnet, die euch fluchen; tut wohl denen, die euch hassen und bittet für die, so sie euch beleidigen und verfolgen“, zitierte er Jesus, der nicht nur wechselseitige Anerkennung, sondern sogar „Feindesliebe“ gepredigt habe.
Toleranz bedeute, unterschiedlichen Geisteshaltungen nebeneinander zu akzeptieren, die Andersartigkeit zu achten und anzuerkennen, allerdings nicht im Sinne einer gleichgültigen Beliebigkeit. Denn da, wo die Würde des Menschen missachtet und mit Füßen getreten werden, müsse man einschreiten. Vielfalt sei kein Betriebsunfall der Gesellschaft sondern ihr Kennzeichnen, das Andersartige sei keine Bedrohung, sondern eine Bereicherung. „Man kann seine eigene Identität nicht durch abwertende Abgrenzung definieren. Vielmehr erfahren wir durch die Begegnung und Verständigung mit anderen Lebenskonzepten nicht nur mehr über diese, sondern auch über uns selber“, schloss Rafael Nikodemus seine Predigt, um sich wenig später mit zahlreichen Besuchern im Gemeindesaal den Ausführungen von Jürgen Schaefer, einem der Kuratoren der Ausstellung zu widmen.
Wanderausstellung als Brücke des Friedens und der Toleranz
„Pfarrer Schwaegermann hat vor sechs Monaten angefragt, ob unsere Wanderausstellung noch existiere“, erinnerte er. Die Anfrage war nicht ganz unbegründet, waren die interreligiösen Gruppenarbeiten zum Thema „Dialoge eröffnen - Religionen begegnen sich“ doch deutschlandweit seit Beginn des Millenniums zwölf Jahre unterwegs gewesen, um zu Beginn des neuen Jahrtausends eine Brücke des Friedens und der Toleranz zwischen Nationen und Religionen zu schlagen. „Die Arbeiten waren längst bei den jeweiligen Künstlern, aber wir konnte sie aus deren Häusern und Ateliers wieder zu uns nach Heidelberg holen, wo sie Anfang des Monats dann den Weg nach Linz angetreten haben, um am Aschermittwoch hier aufgehängt zu werden“, erinnerte Jürgen Schaefer, dessen Frau Edita mit ihrer „Himmelsleiter“ zu den 20 Künstlern zählt.
„Sie werden überrascht sein über viel Ähnliches in den Bildern, aber sie können auch viel Fremdes, Fernes entdecken. Keine Arbeit ist wie die andere, keine nimmt für sich in Anspruch, die Wahrheit gepachtet zu haben. In dialogischer Toleranz präsentieren sich die Künstler im Miteinander ästhetischer und religiöser Wahrnehmungen“, hob der Kurator hervor. Anders als meist in modernen Ausstellungen üblich, würden die Künstler von „Was uns heilig ist“ Aussagen über die Arbeiten nicht dem Betrachter überlassen, sondern konkret dazu auffordern, darüber nachzudenken, wo man herkommt und wo man heute steht. „Dabei wird auf das geschriebenen Wort oder zumindest schriftähnliche Details großes Gewicht gelegt. Schließlich ist ohne Sprache keine dialogische Toleranz möglich und ohne diese wiederum keine Aussöhnung. Der friedfertige Umgang miteinander ist durch Aus- und Abgrenzungen in jüngster Zeit wieder etwas mühsamer geworden, aufgeben dürfen wir ihn jedoch keinesfalls“, mahnte Jürgen Schaefer.
Wenn christliche, jüdische und islamische Künstler sich sakraler Kunst widmen, können sie auf ein großes Reservoir an tradierten, heiligen Geschichten zurückgreifen. „Die Arbeiten der drei abrahamischen Religionen mit ihrem Bilderhaushalt haben wir noch um die des japanischen Kalligrafen und Zenmeisters Kokugyo Kuwahara ergänzt, durch welche unsere Vorstellungswelt relativiert wird“, so Edita Schaefer. Aus bewusster Konzentration und tiefer Meditation heraus habe er quasi in einem schnellen Atemzug mit einem einzigen Federstrich den „Enzokreis“ entworfen, das Sinnbild für das Leben im Universum, erklärte sie das linke der vier Hauptwerke an der Stirnseite des Gemeindesaals.
Daneben sind die „Zehn Gebote“ von Jacob Abitbol zu sehen, die Gott Moses als Orientierungshilfe für sein Volk übergeben hat. „Die zweimal fünf Buchstaben des hebräischen Alphabets auf blauem Grund stehen jeweils für eine Zahl und damit für eins der Gebote, sodass jeder gläubige Jude in dieser Reduktion Gott erkennt“, erläuterte die Künstlerin. Ganz anders das Bild von Rosemarie Vollmer von der „Schatzsuche“, die mit ihrer Farbenvielfalt und den Details allein schon durch die eigene Arbeit an dem Thema dem Betrachter vermittelt, wie mühsam die Suche nach dem Heiligen, also die Schatzsuche im Himmelreich ist und wie viel Tatkraft und Besonnenheit sie verlangt. „Ganz innerlich, meditativ-spirituell dagegen die Arbeit von Ismat Amiralai, der in die Welt der objektiven Wahrheit einzudringen versucht, indem er seine Individualität aufgibt. Mit seinen Sätzen in weitschwingender arabischer Schrift möchte er dem Betrachter die göttliche Dauerhaftigkeit vergegenwärtigen“, erläuterte Edita Schaefer das rechte Stirnwand-Bild.
Anstehende Termine
Sehen können Interessenten diese 20 Arbeiten im Katharinenhof sowie die in sieben Sequenzen zusammengefassten Bilder in der Trinitatiskirche, Am Grabentor, noch am Dienstag, 5. März, sowie an den Wochenenden, 2./3. und 9./10. März, jeweils von 10 bis 12 Uhr und am Donnerstag, 7. März, jeweils von 17 bis 19 Uhr.
Das Thema „Reformation und Toleranz“ wird zudem beim „Kino im Katharinenhof“ am Freitag, 1. März, aufgegriffen. Dort wird ab 20 Uhr der Film „Monsieur Ibrahim und die Blumen des Korans“, gezeigt mit einem anschließenden Nachgespräch.
Zu einer Podiumsdiskussion zum Thema „Gehört der Islam zu Deutschland“ lädt die Gemeinde für Mittwoch, 6. März, ab 19.30 Uhr in den Katharinenhof ein. Dem Thema widmet sich Moderator Volker Göttsche, Chefredakteur von „chrismon plus rheinland“, mit Verbandsbürgermeister Hans-Günter Fischer, Landeskirchenrat Rafael Nikodemus, Meike Nach, Mitarbeiterin in der Frauenbegegnungsstätte „Utamara“ Kasbach, sowie mit dem Dialogbeauftragten des Verbands der Islamischen Kulturzentren Köln, Erol Pürlü, und dem Vorstandsvorsitzenden der Jüdischen Gemeinde Neuwied, Jürgen Ries.
Andreas Schwaegermann begrüßte vor den drei abrahamischen Hauptwerken die Besucher der Ausstellung „Was uns heilig ist“.
