WBF-Vorsitzende Christoph Charlier hatte Brigitte Seebacher nach Unkel eingeladen
„Vollendung eines Lebenswerks“
Die Witwe von Willy Brandt schilderte die Empfindungen des Politikers nach dem Mauerfall
Unkel. Interessanten Besuch erwartete jüngst der Vorsitzende der Stiftung „Willy-Brandt-Forum“ (WBF), Christoph Charlier. Für einen Vortrag unter dem Titel „Nichts wird, wie es einmal war“ hatte er Brigitte Seebacher gewinnen könne, mit der er in den 80er-Jahren lange an der Spitze des SPD-Ortsvereins Unkel gestanden hatte. Begrüßen konnte er neben der Gastrednerin auch das WBF-Kuratoriumsmitglied Hermann Josef Richard, den Vorstandsvorsitzenden der Sparkasse Neuwied sowie den Stadtbeigeordneten Siegfried Brenke.
„Willy Brandt verschläft den Mauerfall in seinem neuen Haus am Rhein, schrieb die ‚Welt‘ am 2. November 2014. Dank Brigitte Seebacher wissen wir es besser. Sie hat die Geschichte vom Fall der Mauer und Willy Brandts Reise von Unkel nach Berlin am 10. November 1989 aus nächster Nähe erlebt“, so Charlier. „Es ist immer wieder schön, nach Unkel zu kommen und zu erleben, was aus dem Forum Tolles geworden ist, nachdem es ursprünglich gar nicht danach ausgesehen hatte“, lobte Seebacher ihrerseits das Engagement Charliers und seiner Mitstreiter.
„Unbefangene Freude“
„Willy Brandts unbefangene Freude über den Mauerfall ist so auch von seinen Parteifreunden nicht erwartet worden“, so Seebacher in ihrem Vortrag. Ihr Mann sei zwar 1933 als 19-Jähriger nach Norwegen emigriert, weil er in Deutschland gefährdet gewesen sei, habe aber trotzdem immer erklärt: „Hitler ist nicht Deutschland!“ Er habe sich zwar wegen der Nazi-Verbrechen geschämt, was ihm aber nichts von seinem Stolz genommen habe. „Der Warschauer Kniefall und das erhobene Haupt gehören bei ihm zusammen“, erklärte sie, um dann auf den Abend des Mauerfalls einzugehen.
An diesem Tag hatte Willy Brandt gerade erst sein Haus am Unkeler Rheinufer bezogen, das zu diesem Zeitpunkt zwar über einen Telefon-, nicht aber über einen Fernsehanschluss verfügt habe. „Gegen 4 Uhr morgens hat uns ein Redakteur des Hessischen Rundfunks angerufen und gefragt, war wir zu der Entwicklung in Berlin sagen würden. Erst von ihm haben wir erfahren, was dort passiert war“, erzählte Seebacher. So schnell sei Willy Brandt nie zuvor aus dem Bett gekommen, als sie ihn vom Mauerfall in Kenntnis gesetzt habe. Wenig später sei er mit einer britischen Militärmaschine nach Berlin gestartet, „wenige Stunden später stand er inmitten einer Menschenmenge vor dem Brandenburger Tor und fuhr anschließend zum Rathaus Schöneberger Rathaus, wo er gegen 13 Uhr den Satz sagte, der zu dem Wort der Wiedervereinigung wurde: Jetzt wächst wieder zusammen, was zusammengehört!“, so die Rednerin.
„Über den Tellerrand blicken“
Als Vorsitzender der Nord-Süd-Kommission habe ihr Mann im ersten Abschlussbericht 1980 erklärt, dass der Frieden abhängig sei von der Beherrschung der atomaren Waffen des Hungers sowie des Klimawandels. „Schon damals hat er von der Globalisierung gesprochen , weil Chancen und Probleme auf die Menschen zukämen, die von einem einzelnen Staat nicht zu beherrschen sein würden“, erinnerte die Historikerin an die Forderung Willy Brandts, weit über den nationalen Tellerrand hinauszublicken. Dieses Engagement habe bei vielen zu dem Fehlschluss verführt, er interessiere sich gar nicht mehr für Deutschland und die aktuelle innenpolitische Lage. „Dabei war der Mauerfall die Vollendung seines Lebenswerks, auch wenn Willy Brandt den Begriff ‚Wiedervereinigung‘ verabscheut und deshalb nie benutzt hat“, hob Seebacher hervor.
Deutschland sei ohne die ehemaligen „Ostgebiete“ um ein Drittel kleiner. Dafür sei die Demokratie in diesem Land mittlerweile genauso gesichert wie in England und Frankreich. Und Deutschland sei eingebettet in europäische wie globale Zusammenhänge, listete sie die drei wesentlichsten Unterschiede der Bundesrepublik zum Deutschland zwischen den Weltkriegen auf. Eben daraus ergebe sich Willy Brandts Überzeugung „Es wird nichts wieder so, wie es einmal war“, mit der er am 10. November 1989 die Frage nach einer möglichen Wiedervereinigung beantwortet hatte.
