Vortrag im Polcher Forum
Bildung statt Fundamentalismus
Familie Erös baut Friedens-Schulen in Afghanistan
Polch. Die 1998 gegründete "Kinderhilfe Afghanistan" ist eine private Initiative der in der Nähe von Regensburg lebenden Familie Dr. med. Reinhard Erös, seiner Ehefrau Annette und mittlerweile auch ihrer fünf Kinder. Mithilfe afghanischer Mitarbeiter errichtet, betreibt und unterstützt die Organisation in den Ostprovinzen Afghanistans und in grenznahen Flüchtlingslagern Friedensschulen, Mutter-Kind-Kliniken, Gesundheitsstationen, Waisenhäuser, Solarwerkstätten und weitere Projekte, die allesamt realistische Perspektiven für eine friedliche Zukunft des Landes am Hindukusch bieten. Die Organisation, die zu der wohl effektivsten Hilfsorganisation in Afghanistan zählt, finanziert sich ausschließlich aus privaten Spenden und Erlösen aus Vorträgen. In Afghanistan arbeitet sie nur mit Einheimischen zusammen.
Profunder Kenner des Landes
Dr. Erös und seine Frau reisen jährlich mehrfach nach Afghanistan und zählen, nachdem sie mehrere Jahre dort gelebt haben, zu den profundesten Kennern des Landes und seiner Menschen. Für sein Afghanistan-Engagement wurde Dr. Erös unter anderem bereits mit dem Bundesverdienstkreuz und mit dem Europäischen Sozialpreis ausgezeichnet.
Von einem Vortrag des Arztes war Bürgermeister Maximilian Mumm so beeindruckt, dass er die IGS Maifeld für eine Zusammenarbeit gewinnen konnte. Die 8. bis 10. Klassen der Schule hatten daher kürzlich die Gelegenheit, viel über das Land und seine Menschen zu erfahren. Aus erster Hand gab es ungeheuer Interessantes für die Schüler zu hören und zu sehen, von dem man hier in Deutschland nichts ahnt. Als Schulträger hatte sich Landrat Dr. Saftig viel Zeit für den Vortrag genommen und gestand in seinen auf die Begrüßung durch Bürgermeister Mumm folgenden kurzen Worten unumwunden: „Ich verstehe das Land nicht, ich verstehe die Menschen nicht und ich verstehe den Konflikt nicht. Auch deshalb bin ich hier.“ Den Vortrag vor den Schulklassen hielt Annette Erös, die darin genau so erfahren ist wie Dr. Reinhard Erös selbst. Frau Erös schilderte und belegte anhand von Fotos zunächst das Land, das mit Temperaturen von minus 50 bis plus 50 Grad Celsius umgehen muss und in dem lediglich etwa zehn Prozent der Fläche zum Leben von Menschen geeignet ist; der überwiegende Landesteil besteht aus Sand-, Stein- und Eiswüsten. Etwa 80 Prozent der Bevölkerung von etwa 30 Mio. Einwohnern sind Bauern, weitere circa zehn Prozent leben in den Slums der fünf Großstädte. Tiefe Einblicke bot der Vortrag in das Leben einer ländlichen Großfamilie, die dort schon mal leicht 80 Personen umfassen kann. Energie zum Kochen und Heizen wird aus Kuhfladen gewonnen und vorwiegend Kinder sind einen Großteil des Tages damit beschäftigt, Wasser für den Tagesbedarf zu holen. Der muslimische Glaube ist fast ausschließlich in dem Land zu finden und die Gastfreundschaft nicht nur Floskel sondern ein hohes Gut.
Minenkunde wichtigstes Schulfach
Mit teilweise drastischen Bildern von verstümmelten Kindern setzte Frau Erös ihren Vortrag fort und berichtete den aufmerksam folgenden Schülern davon, dass Minenkunde in dem seit vielen Jahren vom Krieg gezeichneten aber eigentlich sehr friedliebenden Land das wichtigste Schulfach ist. Perfide Minen wurden zu Millionen in Afghanistan vergraben und haben eine nahezu unbegrenzte Lebensdauer. Zum Ende des Vortrages zeigte Frau Erös beeindruckende Bilder der Projekte, die die "Kinderhilfe Afghanistan" initiiert hat und weiterhin betreut. Dazu zählen Gesundheitsstationen, Waisenhäuser, Solarwerkstätten und vor allem Schulen, denn Bildung ist eine der wichtigsten Voraussetzungen für eine gesicherte friedliche Zukunft der afghanischen Gesellschaft, die im Vergleich zu unserer eine sehr junge ist. Und nicht umsonst war auf einem der Bilder über der Eingangstür einer Schule ein Sinnspruch des islamischen Religionsstifters Mohammed angebracht, dessen Übersetzung nicht nur sinngemäß lautet: Die Tinte eines Schülers ist heiliger als das Blut eines Märtyrers.
Bürgermeister Mumm dankte dem Ehepaar Erös für den intensiven und sicher nachhaltigen Vortrag. Konrektorin Frauke Wehner versicherte, dass der Stoff im Unterricht der Klassen nochmals nachbereitet wird und die Schüler bereits erste Ideen entwickelt haben, wie die Arbeit der Hilfsorganisation von ihnen unterstützt werden kann.
