Hans-Georg Ziesemer aus Polch feierte seinen 70. Geburtstag
Das Feuer lodert noch im „grauen Wolf“
In der Politik- und Fußballszene kennt und schätzt man ihn in der ganzen Region
Polch/Mayen. Nur wer genauer hinsieht, erkennt sein Alter. Der Bart, der schon seit ewiger Zeit zu ihm gehört, ist durch und durch grau geworden. Das rechte Auge tränt, die Knochen machen nicht mehr all das mit, was er sich so vornimmt. Hans-Georg „Schorsch“ Ziesemer aus Polch, der am 10. September seinen 70. Geburtstag feierte, hat dennoch viel vor. Auch wenn die Reisen kürzer werden und nicht mehr so weit in die Ferne führen wie früher, als er sich häufig auf seine Reise in die eigene Vergangenheit machte. „Jeder wird irgendwann mal älter“, gesteht Ziesemer. „Der eine früher, der andere später.“
Das Schicksal spielte schon früh eine Rolle in Ziesemers Leben. Am 10. September 1944 in Danzig-Brösen geboren, führte sein Weg im Januar 1945 notgedrungen nach Danzig-Gotenhafen, wo die Kriegsflüchtlinge auf die Schiffe nach Kiel verteilt wurden. Vater Emil Franz Albert, „1,60 Meter groß und zäh wie eine Flunder“, weilte in englischer Kriegsgefangenschaft. Mutter Ella Maria musste sich mit ihren sieben Kindern Harry (15), Horst (14), Helga (12), Erwin (10) und Lothar (6) sowie den beiden gerade mal vier Monaten alten Zwillingen Hans-Georg und Karl-Heinz durchschlagen. Die älteste Tochter Hildegard war da schon verstorben. Dass sie auf der Flucht vor der russischen Besatzungsmacht nicht auf der völlig überfüllten „Gustloff“, die später mit über 5000 Menschen an Bord versenkt werden sollte, sondern auf der „Deutschland“ landeten, hatten sie einer glücklichen Fügung zu verdanken: Ein Oberst teilte der Frau mit ihren sieben Kindern im Schlepptau aus Mitleid einen Platz auf der „Deutschland“ zu. Es sollte ihr Leben retten. „Das war schon Wahnsinn, was die Eltern in der Nachkriegszeit geleistet haben“, weiß Ziesemer. „Flucht, Kriegsgefangenschaft, viele Kinder, ein schweres Leben. Einfach unvorstellbar.“
Nach der Flucht über die Ostsee nach Kiel verbrachte Ziesemer die nächsten fünf Jahre im Flüchtlingslager Eddelak bei Büsum. Ab 1950 lebte er in Konstanz am Bodensee. Sein ältester Bruder Harry, der praktisch die Familie versorgen musste, hatte dort Arbeit gefunden - und der Umsiedlungsantrag war erfolgreich gewesen. Nachdem sein Vater aus der Kriegsgefangenschaft zurückgekehrt und in Gailingen von der Landwirtschaftsfirma Fahr eingestellt worden war, folgten ihm die Söhne Horst, Erwin und Hans-Georg, weil „wir uns ganz einfach mit der Arbeit identifiziert haben“. Der südbadische Akzent ist beim Jubilar immer noch unüberhörbar. Manchmal geht es auch ins Bayerische, schließlich verbrachte er von 1964 bis 1966 zwei Jahre bei den Gebirgsjägern in Garmisch-Partenkirchen, Berchtesgaden und Bad Reichenhall.
Seit über 45 Jahren in Polch
Im Sommer des Jahres 1967 lernte er seine Frau Rosemarie, von ihm liebevoll nur „Rosi“ genannt, (wieder) kennen. Im März 1968 folgte der Umzug nach Polch, seit über 45 Jahren sind sie nun dort sesshaft. Echte Gegensätze. Nachdem Ziesemer in seiner fußballerischen Anfangszeit für den SV Gailingen, den FC 08 Gottmadingen und den VfB Randegg die Schuhe geschnürt hatte, jagte er von 1968 bis 1972 in der Rheinlandliga und in der Bezirksliga für den TuS Mayen dem runden Ball hinterher. Zusammen mit Größen wie Josef Brodam, Richard Maas, Wolfgang Röttcher oder Elmar Klöckner, um nur einige zu nennen. Noch heute ist er in der Traditionsmannschaft des TuS Mayen ein gern gesehener Gast. 1972 begann er zu bauen, die Zeit wurde knapper.
Vorsitzender Leo Bierbrauer lockte ihn schließlich zum VfB Polch, wo er nach weiteren vier Jahren seine aktive Karriere beendete. Als Trainer im Seniorenbereich stand er bei der DJK Baar, beim VfB Polch, beim SV Eintracht Mendig und beim Maifelder SV auf der Kommandobrücke, später gab er seine Erfahrungen an die Jugendmannschaften des SV Eintracht Mendig, des VfB Polch und der SG Eintracht Mendig/Bell von der Seitenlinie aus weiter. „Seit zwei Jahren ist nun Schluss“, erklärt Ziesemer. „Ich bin aber weiter für alle Seiten offen.“ Das Feuer lodert noch im „grauen Wolf“.
Das Feuer für die Sozialdemokratie entfachte der große Willy Brandt in ihm, die Ostpolitik des ehemaligen Bundeskanzlers „faszinierte mich als Flüchtlingskind“ von Anfang an. 1972 trat er in die SPD ein, seit 1974 gehört er ununterbrochen dem Gemeinde- und Stadtrat an. 1979 war er zum ersten Mal im Verbandsgemeinderat aktiv, von 2009 bis 2014 vertrat er als Erster Beigeordneter den Polcher Bürgermeister Günter Schnitzler. Zweimal war er selbst als Bürgermeisterkandidat aufgestellt, gegen Leo Nell und Anton Reiter in der traditionellen CDU-Hochburg Polch aber chancenlos. „Ich habe immer gedacht, dass Leo Schönberg, der 20 bis 25 Jahre in der Politik verantwortlich tätig war, eigentlich verrückt sein muss. Und jetzt bin ich seit 40 Jahren im gleichen Fahrwasser. Ohne die Unterstützung meiner Frau wäre das alles nicht möglich gewesen“, erklärt Hans-Georg Ziesemer, den sie bei seinem letzten Arbeitgeber Kaiser Aluminium in Koblenz immer nur „Schorsch“ riefen. Von 1969 bis 2007, als er in Rente ging, war er dort als Programmierer, Leiter des Rechenzentrums und stellvertretender Betriebsratsvorsitzender aktiv.
Am Samstag, 18. Oktober, kommt es nun zur großen Familienfeier im „Alten Bahnhof“ in Polch. Sohn Peter mit Ehefrau und den beiden Enkeltöchtern Elena (11) und Hannah (8) wird ebenso zu den Gratulanten gehören wie Sohn Dominique mit Ehefrau und den beiden Enkelsöhnen Bruno (8) und Emil (4). Den eigentlichen Ehrentag verbrachte er mit Frau Rosi in der Koblenzer Altstadt, danach „herrschte bei uns zwei Wochen lang Tag der offenen Tür“. Momentan erholt er sich mit Sohn Peter und zwei seiner Enkelkinder an der niederländischen Nordsee, die ganz großen Reisen bleiben aus. 1986, zu Zeiten des Kommunismus, war er ebenso noch auf den Spuren der eigenen Vergangenheit in Polen wie vor einigen Jahren nach der Wende. 2015 klappert der Fan des 1. FC Kaiserslautern „nur“ die Orte in Deutschland ab, wo er und seine Familie ihre Fußstapfen hinterlassen haben. Wie gesagt: „Irgendwann wird jeder mal älter.“
Hans-Goerg Ziesemer (r.) bei seiner Überraschungsparty.
Seine Freunde der TuS Mayen-AH-Fußballer hatten für ihren „Schorsch“ einen Überraschungsabend vorbereitet. Organisiert hatte das alles Sportsfreund Jogi Augel (l.), musikalisch umrahmt von Rüdiger Rüth aus Hatzenport mit der Gitarre und sangeskräftig unterstützt von „Nocco“ (Norbert Cremer) als Frontmann der Mayener „Kampfmaschine“.
