Caritasverband im Mehrgenerationenhaus St. Matthias in Mayen
Ein Tag im Psychosozialen Zentrum für Flüchtlinge
Seit 14 Jahren bietet das PSZ Beratung und Therapie für Flüchtlinge in Andernach und Mayen an
Mayen. Montagmorgen 9.30 Uhr: Viele Menschen aus den unterschiedlichsten Herkunftsländern kommen ins Mehrgenerationenhaus St. Matthias der Caritas in Mayen und besuchen Sprachkurse für Flüchtlinge, die von ehrenamtlichen Helfern angeboten werden. Viele nutzen anschließend die Möglichkeit der Beratung im Psychosozialen Zentrum für Flüchtlinge (PSZ) des Fachdienstes Migration des Caritasverbandes Rhein-Mosel-Ahr e.V. Bereits seit 14 Jahren bietet das PSZ Beratung und Therapie für Flüchtlinge in Andernach und Mayen an. „Ich habe den Kontakt zu meiner Familie verloren, die noch auf der Flucht aus Syrien ist. Ich habe große Angst, dass ihnen etwas zugestoßen ist“, erzählt Hamid Saro (Name geändert) mithilfe eines Dolmetschers. In Tränen aufgelöst und kaum in der Lage zu sprechen, sitzt er gerade bei Markus Göpfert im Büro, Fachdienstleiter und zuständig für die psychosoziale und asylrechtliche Beratung.
„In den ersten Gesprächen geht es meistens darum, zuerst einmal die asyl- und aufenthaltsrechtliche Situation zu klären. Anschließend können mögliche weitere Hilfen eingeleitet werden.“ Bei Hamid Saro stellen sich im Laufe des Gesprächs Symptome heraus, die auf eine Traumatisierung hinweisen. Er hat Albträume, Einschlafprobleme, Kopfschmerzen, Flashbacks. „Ein Flashback ist das Wiedererleben der traumatischen Situation“, erklärt Göpfert. Für Hamid Saro vermittelt er einen Termin beim Psychiater und meldet ihn zur Therapie im PSZ an. „Leider können wir dem Therapiebedarf bei Weitem nicht mehr gerecht werden. Wir haben Wartelisten bis zu einem Jahr. Die Anfragen haben sich in den letzten zwei Jahren mehr als verdoppelt“, so Cindy Vogel-Hürter im Gespräch mit dem Team des PSZ. Sie arbeitet als Kinder- und Jugendpsychotherapeutin und behandelt auch Erwachsene. Grundsätzlich gestaltet sich die Versorgung von psychisch belasteten und traumatisierten Flüchtlingen im regulären Gesundheitssystem schwierig. Anspruch auf eine Therapie erhalten Flüchtlinge erst nach Genehmigung durch das Gesundheitsamt. Weitere Zugangsbarrieren bilden kulturelle und vor allem sprachliche Hemmnisse. Im niedergelassenen System gibt es bisher nur wenig Therapeuten, die Erfahrung in der Arbeit mit Dolmetschern haben. Hier füllen die Psychosozialen Zentren für Flüchtlinge als spezialisierte Behandlungseinrichtungen seit Jahren eine Versorgungslücke. Etwa 25 Zentren gibt es bundesweit. In Rheinland-Pfalz existiert neben der Einrichtung beim Caritasverband Rhein-Mosel-Ahr noch ein PSZ bei der Diakonie in Altenkirchen und bei der Ökumenischen Beratungsstelle für Flüchtlinge in Trier. „Die Arbeit mit Dolmetschern ist für uns völlig normal“, berichtet Gaby Markert, Dipl. Psychologin im PSZ mit einer Außenstelle in Andernach. Und Tina Heidger, die in der Koordinierungsstelle arbeitet, ergänzt: „Die Dolmetscher, die wir einsetzen, werden von uns geschult und fachlich eng begleitet. Zurzeit arbeiten wir auch an einem Info- und Schulungskonzept, mit dem Ziel, niedergelassene Therapeuten für die Arbeit mit Flüchtlingen und Dolmetschern zu sensibilisieren und fortzubilden. Dazu wurde mit Unterstützung des Integrationsministeriums die Koordinierungsstelle zur interkulturellen Öffnung des Gesundheitssystems beim PSZ eingerichtet.“ „Im Iran, im Gefängnis musste ich an Hinrichtungen teilnehmen. Ich habe gesehen, wie sie hängen, zittern und sterben. Wenn sie gezittert haben und gestorben sind, habe ich gedacht, das bin ich...“. Mohamed (Name geändert) sitzt am Nachmittag in der Therapie bei Gaby Markert. Sein Heimatland Iran musste er verlassen, weil er zum Christentum konvertierte und inhaftiert wurde. Dabei, so Gaby Markert, gestaltet sich die Therapie in mehreren Schritten: „In der Therapie geht es primär darum, zunächst zu stabilisieren und im Anschluss daran, die traumatischen Lebenserfahrungen als Teil der eigenen Lebensgeschichte zu akzeptieren und zu integrieren und dennoch wieder aktive Schritte zur Bewältigung des Alltags und zur Lebensplanung tun zu können. In diesem Prozess sind auch insbesondere die gesellschaftlichen Lebensbedingungen im Aufnahmeland wichtig. Denn zur psychosozialen Stabilisierung bei traumatisierten Menschen ist vor allem das Gefühl in Sicherheit zu sein prägend. Eingeschränkte Lebensbedingungen sowie die Angst zwischen Bleiberecht und Abschiebung können im Exil weiter traumatisierend wirken. So ist der Eindruck, gesellschaftlich willkommen und akzeptiert zu sein im Heilungsprozess von enormer Bedeutung.“ „In der Therapie mit Kindern findet die Einbeziehung der Entwicklungsphasen, altersspezifischer Ressourcen sowie die Einbeziehung der Bezugspersonen besondere Berücksichtigung, betont Cindy Vogel-Hürter, die gerade mit Orhan (Name geändert) arbeitet, der in Syrien bei einem Bombenangriff seinen besten Freund verloren hat und selbst verschleppt und gefoltert wurde. Markus Göpfert: „Grausam ist, was auch Kinder und Jugendliche erleiden mussten. Sie haben jedoch oft erstaunlich viele Ressourcen, die in einer Therapie oder in einem Gruppenangebot belebt werden können.“ Deshalb sind spezielle Gruppenangebote für Flüchtlingskinder ein weiteres Standbein in der Arbeit des PSZ. Kunsttherapie, Ferienerholung und die interkulturelle HipHop-Werkstatt, die mit Unterstützung von professionellen Tanztrainern, einer Kunsttherapeutin und ehrenamtlichen Kräften angeboten werden, sind Maßnahmen, die im letzten Jahr von 40 Kindern besucht wurden. „Die HipHop-Werkstatt ist besonders beliebt. Bei den Trainings wird getanzt, gelacht und getobt. Alle Kinder kommen in vielerlei Hinsicht gestärkt aus den Trainings und erste Schritte der Selbstständigkeit, zum Beispiel in einen örtlichen Verein werden einfacher.
Das Tanzen bietet den Kindern die Möglichkeit, Grenzen zu überwinden und verleiht ihnen somit eine innere Stärke für die Herausforderungen vor denen sie stehen“, so Göpfert. Gegen 15 Uhr stehen plötzlich drei Jungs im Grundschulalter im Büro von Markus Göpfert: „Hallo Markus, wo ist Christina?“ Mehmet, Emad und Bo aus dem Irak (Namen geändert) warten auf ihre Mentorin, Christina Gertz, die einmal wöchentlich ins PSZ kommt und ehrenamtlich Flüchtlingskindern Nachhilfe erteilt. Christina Gertz ist damit eine von circa 35 Mentoren, die sich ehrenamtlich im Fachdienst Migration engagieren.
Leider erfährt die Arbeit im PSZ keine Regelförderung. Vielmehr müssen regelmäßig Projektmittel bei der EU, beim Land und bei unterschiedlichen Stiftungen beantragt werden, was immer wieder zu Engpässen führt. Wer weitere Informationen benötigt oder Interesse an einer ehrenamtlichen Mitarbeit hat, kann sich gerne mit Markus Göpfert in Verbindung setzen: Caritasverband im Mehrgenerationenhaus St. Matthias in Mayen, St.-Veit-Straße 14, Tel. (0 26 51) 9 86 91 40.
Pressemitteilung der
Caritas Mayen
Kunsttherapie mit Flüchtlingskindern.
