Ein Unfallkreuz von 1806 gab Rätsel auf – Recherchen brachten Klarheit
Auf dem Mayener Grubenfeld ertrunken?
Mayen/Kottenheim. In der Nähe des früheren Brechwerks Michels am Weg von Mayen über die Lay nach Kottenheim stand bis vor etwa zehn Jahren ein Unfallkreuz, dessen Inschrift selbst Fachleuten rätselhaft vorkam: „1806 – 10 May – D(er) Johannes Schilt von Kottenheim ist hier ertrunken.“ Insbesondere das Wort „hier“ gab zu denken, denn bei der ansteigenden Wegstrecke am Standort, wo weit und breit kein Wasser vorhanden war, sollte eine erwachsene Person ertrunken sein? Am Rande des Kottenheimer Weges, gegenüber dem Brechwerk, befand sich einst eine Pumpstation für die Wasserzufuhr zum Grubenfeld. Daher stellte sich die Frage nach einer hier existierenden Quelle. Doch dieses eingefriedete Pumpenhäuschen ist erst ca. 90 Jahre nach dem Tod des Johannes Schilt errichtet worden. Die Überlegung, dass im Nahbereich vielleicht ein von den Franzosen – 1806 war unsere Heimat Teil eines französischen Departements – angeordneter Brandschutzweiher angelegt war, konnte der Leiter des Geschichts- u. Altertumsvereins Mayen, Hans Schüller, insofern entkräften, da sich zu dieser Zeit nach seiner Kenntnis die Stadt Mayen ausschließlich auf den Bereich rechts der Nette erstreckte. Wozu hätte also ein solcher Schutzweiher dort oben von Nutzen sein können?
Erst einmal gab es kein plausibles Ergebnis
Auch der Brunnen in der Einfriedungsmauer der erwähnten Fa. Michels, wo in einen Trog ständig Wasser lief und die Schürjer-Pferde in damaliger Zeit sicherlich zum Saufen hingeführt wurden, dürfte für einen Ertrinkungstod eines Erwachsenen ohne Fremdeinwirkung nicht tauglich gewesen sein. Die Recherchen nach dem Ertrinkungsort auf dem ehemaligen Grubenfeld führten also zu keinem plausiblen Ergebnis. Als Nächstes wurde der Frage nachgegangen, wer nun dieser Johannes Schilt war. Ausweislich des Kottenheimer Familienbuches (von Alois Pickel erstellt) wurde Johannes um 1733 im Nachbarort Ettringen geboren, heiratete 1759 als „angesehener Heranwachsender“ die Kottenheimer Jungfrau Magdalena geb. Milles; beide wohnten fortan in Kottenheim. Das Ehepaar hatte acht Kinder. Nach der Geburt des achten Kindes am 2.2.1776 verstarb die Ehefrau. Bereits im Juli 1776 ehelichte Johannes eine Christina geb. Deckers, die von außerhalb stammte. Johannes und Christina hatten noch fünf gemeinsame Kinder.
Die Durchsicht im erwähnten Familienbuch löste letztlich den Tod des Johannes Schilt auf. Die dortigen Eintragungen fußen auf Vermerke in lateinischer Sprache in den Kirchenbüchern, die der Verfasser glücklicherweise ins Familienbuch übertragen hatte: „Perrit in territoirio de Mayen subitanea amnis Nett inundatione aquis abreptus et suffocatus“ – übersetzt: „Er ist im Gebiet Mayen durch eine plötzlich entstehende Überschwemmung des Baches Nette – durch das Wasser weggerissen und erstickt – gewaltsam ums Leben gekommen.“ Im Dunkeln bleibt, wie es zu dem tragischen Unfall kommen konnte. Es kann schlüssig angenommen werden, dass die Angehörigen das Unfallkreuz ursprünglich an einem unbekannten Uferbereich der Nette in Mayen aufstellen ließen. Vermutlich störte das Kreuz bei weiteren städtischen Baumaßnahmen und man hat es auf dem Weg nach Kottenheim neu aufgestellt, an dem Weg, den der Verunglückte sicherlich am Unfalltage begehen wollte. Im erwähnten Familienbuch ist der Todestag im Gegensatz zur Inschrift auf dem Kreuz mit 12. statt 10. Mai angegeben. Johannes war 1806 73 Jahre alt.
Im Zuge der Umstrukturierung des Grubenfeldes im Bereich der früheren Fa. Adorf vom Industriegebiet in einen Wohnparkbereich hat der Grundstücksbesitzer Helmut Sareyko das Unfallkreuz zu seinem Erhalt vor etwa zehn Jahren am Standort entfernen und in eine betriebseigene Halle verbringen lassen. Auf kommunalpolitischer Ebene entstanden damals Diskussionen, ob das Kreuz nun nach Mayen oder nach Kottenheim gehöre. Da der Unfallort nun eindeutig in der Stadt Mayen liegt, sollte es natürlich auch in der Mayener Gemarkung verbleiben. Nach der Einlassung von Herrn Sareyko will er es in Kürze wieder am letzten Standort aufstellen lassen. Franz G. Bell
