Allgemeine Berichte | 01.11.2013

Im Gedenken an zwei Kottenheimer Euthanasie-Opfer

„Unwertes Leben … Gnadentod?“

Wilhelm Labonte und Carl Johann Montebaur wurden von Andernach in die Tötungsanstalt Hadamar „verlegt“

1941: Rauch steigt aus dem Krematorium in Hadamar auf.Landeswohlfahrtverband Hessen, Archiv Kassel

Kottenheim. Die Ermordung psychisch kranker, geistig behinderter Menschen forderten die Nationalsozialisten schon in der Zeit der Weimarer Republik. In den Propagandaschriften tauchte auch der Begriff „unwertes Leben“ auf. Nach 1933 waren die betroffenen Menschen mehr oder weniger schutzlos dem willkürlichen Zugriff des Staates ausgeliefert. Mit Beginn des 2. Weltkrieges schienen bei Hitler alle Hemmschwellen gefallen zu sein, denn er selbst verfügte schriftlich: „Reichsleiter Bouhler und Dr. med. Brandt sind unter Verantwortung beauftragt, die Befugnisse namentlich zu bestimmender Ärzte so zu erweitern, dass nach menschlichem Ermessen unheilbar Kranken bei kritischster Beurteilung ihres Krankheitszustandes der Gnadentod gewährt werden kann.“

Ab Herbst 1939 organisierte man dann in einer Behörde in Berlin, Tiergartenstraße 4, verschiedene Aktionen zur Beseitigung der Kranken, was dem Hauptgeschehen dieser Tötungen die Bezeichnung „Aktion T 4“ verlieh. Mit einem Fragebogen wählte man in den Krankenanstalten im gesamten Deutschen Reich circa 500.000 Patienten aus, die man als lebensunwert in sechs besonderen Tötungszentren beseitigen wollte. Eine davon war Hadamar im heutigen Hessen. Die zur Tötung selektierten Kranken wurden in etlichen Einrichtungen, sogenannten „Zwischenanstalten“, gesammelt, bevor sie dann in eine der Tötungsorte „verlegt“ wurden. So auch in der Provinzial Heil- und Pflegeanstalt in Andernach. In späteren Jahren, als in Predigten durch den Münsterer Bischof Clemens August Graf von Galen (1878-1946) die Krankenermordungen öffentlich bekannt wurden, stellte man die Mordaktionen vorübergehend ein. Die eigentlich positive Stimmung in der Bevölkerung infolge der anfänglichen Kriegserfolge sollte durch die verbrecherische Beseitigung von kranken Menschen nicht ins Negative gekehrt werden. Nach kurzer Unterbrechung führte man jedoch konspirativ die Vernichtung in Lagern des Ostens fort. Von Andernach aus sind ungefähr 1828 Kranke in Hadamar oder im Osten vergast oder durch Spritzen und Medikamenten getötet worden. Man ließ aber auch Kranke verhungern oder verweigerte ihnen die notwendige medizinische Behandlung.

Im Gedenken an Wilhelm Labonte und Carl Montebaur

Unter den in Andernach stationär behandelten Kranken befanden sich 1941 auch zwei Kottenheimer Bürger: Carl Montebaur und Wilhelm Labonte.

Wer waren diese Menschen, wie verlief - soweit noch recherchierbar - ihr Leben?

Carl Johann Montebaur, wurde als drittes Kind der Eheleute Peter Josef Montebaur und Katharina geb. May, am 16. November 1889 in Kottenheim geboren; er hatte insgesamt fünf Geschwister. Das Elternhaus stand in der Junker-Schilling-Straße. Nach Abschluss der Volksschule besuchte er eine kaufmännische Schule in Köln. Der 1. Weltkrieg mit seinem Menschen vernichtenden Stellungskrieg im Westen erforderte zwangsläufig einen ständigen Nachschub an Soldaten. So erhielt Carl als noch 17-Jähriger seinen Stellungsbefehl zum Militär; er trat am 18. Juni 1917 bei den 68ern in Koblenz-Karthause seinen Dienst an. Liest man in dem von Carl geführten Kriegs-Tagebuch, dann stellt man fest, dass ein völlig normaler junger Mann alle erlebten Gegebenheiten und Grausamkeiten des Krieges in Nordfrankreich, bzw. die beim späteren Rückzug in Belgien klar beobachtet und zutreffend formulierend festgehalten hat. Carl Montebaur wurde mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet und am 1. Dezember 1918 nach Hause entlassen. Letzter Eintrag im vorerwähnten Tagebuch: „Eine lange Krankheit war die Folge der überstandenen Strapazen und Entbehrungen.“ Ob diese längere Erkrankung schon die ersten posttraumatischen Störungen waren, ist nicht bekannt. Aber in der Folge fiel Carl im Dorf mit eigenartigem, die Leute erschreckendem Verhalten auf. Hauptsächlich erinnern sich Zeitzeugen, dass er aus scheinbarer „Deckung“ auf Passanten dauerfeuerähnliche Maschinengewehrgeräusche ausstieß: „Det - det - det -det.“ Über den weiteren Krankheitsverlauf von Carl Montebaur ist nichts bekannt. Offensichtlich war sein Auftreten und Verhalten „nicht mehr tragbar“ und so wurde er am 23. Mai 1938 in die Provinzial Heil- und Pflegeanstalt Andernach eingewiesen, wo Carl fortan in stationärer Behandlung blieb.

Wilhelm Labonte, erstes Kind der Eheleute Julius und Katharina Labonte geb. Weiler, wurde am 28. November 1907 in Koblenz-Horchheim geboren. Die Eltern wohnten zu diesem Zeitpunkt in Niederlahnstein; die Mutter stammte aus Kottenheim, wohin die Familie später umzog. Zunächst wohnten sie in der Junker-Schilling-Straße, danach in der Burgstraße. Der Vater, wie vielfach bei Zugezogenen, soll mit seinem Koblenzer Dialekt - so Zeitzeugen - hier etwas belustigend aufgefallen sein. Den Willi habe er häufiger mit den Worten „Willi päif“ aufgefordert, zu pfeifen. Sehr schnell hatte der Sohn den Spitznamen „Willi-Päif“. Die Eheleute Labonte hatten außer Willi noch fünf weitere Kinder, die alle in Kottenheim zur Welt kamen. Über die Erkrankung des Wilhelm ist nicht viel bekannt. Wohl erinnern sich Zeitzeugen an sein eigenartiges Verhalten, wenn er zum Beispiel an den Lindenbäumen der Thürer Straße/Junker-Schilling-Straße auf die damals dort befindlichen Absperrsteine stieg und merkwürdige Reden schwang. Dies dürfte aber nicht allein der Grund für die stationäre Unterbringung in Andernach ab 11. August 1936 gewesen sein.

„Verlegung“ bedeutete den Tod

Am 23. April 1941 begannen die ersten Transporte von Andernach in die Tötungsanstalt Hadamar. Für die betroffenen Patienten, auch, wie erwähnt, aus anderen Orten in der Andernacher Anstalt gesammelt, bedeutete dies in den meisten Fällen den Tod am gleichen Tag. Direkt nach der Ankunft mit Bussen wurden sie in Hadamar in die als Duschraum getarnte Gaskammer geführt. Carl Montebaur und Wilhelm Labonte waren mit weiteren 86 Patienten am 7. Mai 1941 an der Reihe. In den Andernacher Unterlagen stand dann lediglich das Wort „verlegt“; in diesen Fällen synonym für „ermordet“. In Hadamar hätte man auch keine ausreichende Raumkapazität für eine längerfristige Unterkunft bei der Vielzahl der zugeführten Menschen zur Verfügung gehabt.

Zur Täuschung der Angehörigen teilte man dann später eine frei erfundene Krankheit als jeweilige Todesursache sowie ein späteres Todesdatum mit. Verlegungs- und Todestag sollten nicht identisch und damit verdächtig sein. So wurde vom Hadamarer Sonderstandesamt als Todeszeitpunkt bei Wilhelm Labonte der 29. Mai 1941, bei Carl Montabaur der 23. Mai 1941 beurkundet und den Angehörigen mitgeteilt. Bei Letztgenanntem gab man als zusätzliche Verschleierung den Todesort Bernburg/ Saale an. Recherchen dort ergaben, dass dies eine bewusste Falschbeurkundung war. Von Bernburg aus schickte man die Todesurkunde und den zugehörigen Trostbrief an die Angehörigen. Nach einem Schreiben der Gedenkstätte Hadamar kann man also mit Sicherheit davon ausgehen, dass die beiden Kottenheimer Patienten Montebaur und Labonte am 7. Mai 1941 in Hadamar ermordet wurden.

Befürchtungen des Bischofs Graf von Galen wurden bittere Realität

„Wenn einmal zugegeben wird, dass Menschen das Recht haben, unproduktive Mitmenschen zu töten, und wenn es jetzt zunächst auch nur arme, wehrlose Geisteskranke trifft, dann ist grundsätzlich der Mord an allen unproduktiven Menschen, also an den unheilbar Kranken, den arbeitsunfähigen Krüppeln, den Invaliden der Arbeit und des Krieges, dann ist der Mord an uns allen, wenn wir alt und altersschwach und damit unproduktiv werden, freigegeben“, formulierte Bischof von Galen in seiner überlieferten Predigt vom 3. August 1941.

Die Befürchtungen des Bischofs wurden jedoch bittere Realität: Millionen Juden, Sinti und Roma, Homosexuelle und Regimegegner wurden in der Folge weitere Opfer der Nazis, von den unzähligen direkten Opfern des Krieges und seinen jahrzehntelangen Folgen einmal abgesehen.

Franz G. Bell

1941: Rauch steigt aus dem Krematorium in Hadamar auf.Foto: Landeswohlfahrtverband Hessen, Archiv Kassel

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