Wie der Preußenkönig für Abhilfe sorgte: Eine Geschichte über„Tant´ Rös“ die bis ins hohe Alter Kindern auf die Welt half
Wenn die Hebammen auf dem Land fehlen
Kottenheim/Region. Der sozialdienstleistende Beruf einer Hebamme zeigt derzeit scheinbar keine erstrebenswerten Perspektiven für die Betroffenen auf. Dies dürfte mehrere Gründe zu haben. Zum einen sinken bei uns seit Jahren trotz Kinder-, Eltern- und Betreuungsgeld die Geburtenraten. Andererseits wird es den selbständig arbeitenden Hebammen, wie man vernehmen kann, mit hohen haftungsrechtlichen Versicherungsprämien finanziell enorm schwer gemacht, so dass sich etliche Geburtshelferinnen für einen Ausstieg aus dem Beruf entschieden haben. Dies trifft insbesondere die Bevölkerung auf dem so genannten flachen Land. Wenn aber selbst in kleineren Städten mit Krankenhäusern dort zunehmend die jeweiligen Geburtenstationen schließen, dann dürfte die Tätigkeit als Hebamme erst recht keinen ausgeprägten Berufswunsch mehr bei jungen Frauen auslösen.
Hebammen um 1900
Offenbar war die Präsenz von ausgebildeten und berufsausübenden Hebammen in ländlichen Gegenden auch bereits zu Beginn des 19. Jahrhunderts ein ähnliches großes Problem. An den damals hohen Geburtenraten kann es wohl nicht gelegen haben, dass kein Geringerer als der preußische König Friedrich Wilhelm es für notwendig fand, sich für eine finanzielle Verbesserung bei dieser Berufsgruppe speziell auf dem Lande einzusetzen. Vielleicht war auch die rund zwanzigjährige französische Besatzungszeit links des Rheins ein Grund für den Hebammen-Mangel?
Königlicher Erlass
Im Januar 1817 - Preußen hatte sich nach dem Wiener Kongress in den ehemaligen französischen Departements auf dem linken Rheinufer als neuer Staat etabliert - erließ Friedrich Wilhelm eine Verordnung Nr. 98 „Die Verbesserung des Hebammen-Wesens betreffend.“ Darin - so einige wenige Auszüge - hieß es:
„Um die Lage der Hebammen auf dem Land, die bisher zum Theil sehr drückend war, und ein Haupt-Hinderniß gewesen ist, daß sich zeither so wenig fähige Frauen zum Unterricht und Dienst einer Hebamme haben bereit finden lassen, möglichst zu verbessern, bestimme ich (…) folgendes: 1)Es sollen von jetzt an, wie es bereits in Ost-Preußen geschieht, von jeder Trauung und Kindtaufe, resp. 3 Groschen und 1 ½ Groschen durch die Geistlichen erhoben, und diese Beiträge zur Unterstützung der Land-Hebammen verwendet werden. 2)Jede von der Behörde approbirte Hebamme, so lange sie ihre Stelle nicht verlustig wird, soll von allen Personal-Leistungen und persönlichen direkten Abgaben, sowohl Communal-, als grundherrlichen und Königlichen befreiet werden, und nur, wenn sie etwa ein Grundstück besitzet, die darauf haftenden Abgaben zu leisten schuldig seyn.“ (…)
Ein halbes Jahr später erließ die Königliche Regierung zu Coblenz in ihrem Amtsblatt ergänzend eine Anordnung, dass diese vorstehende Regelung auch auf die Städte auszudehnen sei. Ferner sollten auch Juden den Anteil zahlen, „…da letztere an der Verbesserung des Hebammen-Wesens so gut wie die Christen Antheil nehmen.“ Ob diese finanzielle Unterstützung sowie die königliche Steuerbefreiung letztlich eine nachhaltige Verbesserung auf dem Lande bewirkten, wo ja insbesondere die Hausgeburten die Regel waren, ist nicht bekannt. Ausweislich der Amtsblätter, was nicht der Vollständigkeit entsprechen muss, waren folgende Kottenheimer Frauen als Hebamme tätig: Elisa Weiler ab 1829, Gertrudis Persch erhielt 1857 ihre Approbation und ab dem gleichen Jahr war Gertrud Manten für den Kreis Mayen zugelassen. Zeitzeugen erinnern sich noch an eine Maria Gerling, geb. Kaes, geb. 1869, wohnhaft in der Gartenstraße, kurz „Gerlings-Bas´“ genannt, die über 50 Jahre das Amt einer so genannten „Storchentante“ im Ort wahrnahm. Frau Gerling starb 1958. Eine weitere Hebamme im Ort war Rosalia Kaes, geb. Augst, geb. 1887. Frau Kaes wohnte auf der Winn; sie hatte keine eigenen Kinder. Im Dorf war sie für Alt und Jung die „Tant´ Rös“, weil sie neben der Tätigkeit als „Kindchjesbas´“ während des 2. Weltkrieges auch als Postbotin im Dorf unterwegs war; sie starb 1959.
Eine kleine Anekdote
Eine Anekdote mit der Kindchjesbas´ Tant´ Rös: Eine Anni D., ein noch kleines Mädchen aus Thür, besuchte öfter mit der Mutter ihre Tante Maria B. in Kottenheim. Bei einem dieser Besuche wurde wohl auch der sehnliche Wunsch der kleinen Anni nach einem Brüderchen zur Sprache gebracht. Anni glaubte auch nicht mehr, dass ein Klapperstorch der Mama ins Bein beißen muss, damit ein Kind zur Welt kommt, wie vielfach Kindern erzählt wurde. Irgendwie kam es dann zu einer Begegnung der Anni mit Tant´ Rös und sie äußerte auch bei der Kindchjes-Bas´ , die, wie sie glaubte, Kinder in der Pöötz hatte, ihren Wunsch nach einem kleinen Bruder: „…Mir hann awe nur noch Kernne mert rude Hoar“, so ein Einwand der Hebamme, um vielleicht das Kind von seinen Vorstellungen nach einem Brüderchen abzubringen. Doch, Wünsche können sich erfüllen, einige Zeit danach kam es in der Familie der Anni zu einem freudigen Ereignis; das zur Welt gekommene Brüderchen Josef hatte - wie von der Hebamme angesagt - tatsächlich rote Haare.
Franz G. Bell
