Gemeinderat Grafschaft zeigt sich solidarisch in der größten Not
260 Kindergartenkinder aus den Nachbarkommunen sollen eine Bleibe finden
Grafschaft. „Wir wollen solidarisch sein, helfen und unterstützen, wo wir nur können“, so beschrieb CDU-Sprecher Roland Schaaf das Selbstverständnis des gesamten Grafschafter Gemeinderates. In der Stunde der schlimmsten Not stehe die Goldbären-Gemeinde solidarisch und hilfsbereit an der Seite ihrer Nachbarkommunen, die schwer von einer gigantischen Flutwelle nach einem tagelangen Starkregen heimgesucht wurden und nun zu einem Katastrophengebiet geworden sind. In seiner jüngsten Sitzung beschloss das Gremium daher einstimmig, der Kreisstadt und der Verbandsgemeinde Altenahr bei der Bewältigung eines ihrer wichtigsten Probleme der nächsten Zeit tatkräftig zur Seite zu stehen: Die Grafschaft will mit einem umfangreichen Maßnahmenpaket die Notbetreuung von bis zu 260 Kita-Kindern aus den vom Hochwasser betroffenen Kommunen sicherstellen, deren Kindertagesstätten auf absehbare Zeit nicht mehr nutzbar sein werden.
Zwar sei auch die Grafschaft selbst von den Naturgewalten heimgesucht worden, doch bei weitem nicht so stark wie die Stadt Bad Neuenahr-Ahrweiler und die Verbandsgemeinde Altenahr, erklärte Bürgermeister Achim Juchem (CDU). Mittlerweile seien die Grafschafter Kindertagesstätten wieder im Regelbetrieb, wenn auch die Personaldecke aufgrund persönlicher Betroffenheiten der Mitarbeiterinnen nach wie vor sehr dünn sei. Man habe zwar überlegt, in den sechs Grafschafter Kitas Kinder aus den Nachbarkommunen „über die Kapazität hinaus“ aufzunehmen, sei aber nach intensiven Gesprächen mit dem Kreisjugendamt davon abgerückt.
1000 Kinder von geschlossenen Kitas betroffen
Deshalb suche man nun nach anderen Wegen, um den Nachbarkommunen zu helfen. Schließlich seien in der Kreisstadt nicht weniger als sieben Kindertagesstätten langfristig beschädigt, das gleiche gelte für den Kindergarten in Dernau. Drei Kindergärten in der Kreisstadt und drei in der Verbandsgemeinde Altenahr seien leicht beschädigt, ebenso viele seien in den beiden Nachbarkommunen eingeschränkt geöffnet, und lediglich zwei Kitas in der Kreisstadt seien uneingeschränkt offen. Insgesamt seien mehr als 1000 Kinder von geschlossenen Kindertagesstätten infolge der Flutkatastrophe betroffen.
Vorsorglich seien bereits alle Liegenschaften der Gemeinde geräumt worden, soweit das möglich sei, um sie als Unterkünfte für Opfer der Flutkatastrophe und für die Helfer zur Verfügung stellen zu können. Deshalb könne man relativ zeitnah sowohl den Dorfgemeinschaftshof in Birresdorf wie auch das „Haus des Dorfes“ in Leimersdorf als Übergangskindergärten zu Verfügung stellen. Schon am 9. August sollen demnach 50 der insgesamt 80 Kinder aus der Kindertagesstätte Sankt Pius aus Ahrweiler im „Haus des Dorfes“ einziehen, deren Kindergarten vollständig überflutet wurde und auf absehbare Zeit nicht nutzbar sein wird. Im Dorfgemeinschaftshof Birresdorf sollen ab dem 29. August etwa 60 Kinder aus der integrativen Kita Sankt Hildegard in Bachem unterkommen, wofür vermutlich der gesamte Gebäudekomplex genutzt werde, so Juchem. Außerdem prüfe man derzeit, ob es möglich sei, die Kinder aus dem Dernauer Kindergarten in der Alten Schule und im Jugendheim in Holzweiler aufzunehmen. Dieses „Ausweichquartier“ werde auch von der Dernauer Kindergartenleitung wegen der guten Anbindung an den zerstörten Ahrtal-Ort bevorzugt.
Notkindergarten inContainerbauweise
Doch dabei will man es im Grafschafter Gemeinderat nicht bewenden lassen. Zusätzlich soll ein gemeindeeigenes und bereits vollständig erschlossenes Grundstück im Innovationspark Rheinland für den Bau von mindestens einem Notkindergarten in Containerbauweise zu Verfügung gestellt werden. Auf diesem großen und sicheren Grundstück sollen unversorgte Kinder überwiegend aus der Kreisstadt eine Bleibe finden, denn der Innovationspark sei von der Kreisstadt aus bestens erreichbar. Allerdings müsse noch das Problem des fehlenden Baurechts gelöst werden, was eventuell mit einer zeitweisen Duldung geschehen könne. Doch um dieses Problem solle sich die zuständige Kreisverwaltung kümmern, so Juchem. In einer solchen Notsituation könne man nicht auf Paragrafen herumreiten.
Gedacht ist zunächst an einen dreigruppigen Kindergarten für etwa 75 Kinder, der schnell in einer modularen Bauweise mit Containern umgesetzt werden könne. Für ein gebrauchtes Containerensemble mit einer Grundfläche von 600 Quadratmetern, das bislang als Schule genutzt wurde und in dem demnach die Sanitärräume noch angepasst werden müssten, müsse man mit einem Kaufpreis von rund 625.000 Euro rechnen. Hinzu kämen die vorbereitenden Arbeiten wie die Fundamente und die Hausanschlüsse. Auch die Gestaltung der Außenanlagen und die Zaunanlage sowie die Parkplätze und die Zufahrt müssten noch einkalkuliert werden. Möbel und Spielsachen könnten nach Juchem Ansicht ganz überwiegend über Spenden besorgt werden, die technische Ausstattung könne man aus dem laufenden Betrieb der Gemeindeverwaltung organisieren. Das ins Auge gefasste Grundstück biete sogar noch Platz für eine zweite Kita oder alternativ für die Einrichtung zur Tagesbetreuung von Senioren. Erfreulicherweise sei bereits eine größere Spende samt weiterer Hilfestellungen eines ortsansässigen Großunternehmens angekündigt, freute sich Juchem, ohne nähere Einzelheiten zu verraten.
Gemeinderat kann sich weitere Hilfsmaßnahmen vorstellen
Nicht zuletzt ging der Rat davon aus, dass ein zweiter Nachtragshaushalt erforderlich werde. Bis zu dessen Beratung soll die Verwaltung Optionen aufzeigen, wie die jetzt getroffenen Entscheidungen finanziert werden könnten. Schließlich bekräftigte der Rat auch noch seine Auffassung, dass er sich weitere Maßnahmen vorstellen könne, um denNachbarkommunen Hilfe zu leisten.
JOST
