Ministerpräsidentin Malu Dreyer stellt Aufsuchenden Beratung vor
Auch die flutbetroffenen Menschen erreichen, die bislang noch unter dem Radar laufen
Start soll am 20. April in den Gemeinden Kreuzberg, Altenahr und Heppingen sein - Mitarbeiter der ISB sollen mit Laptops die Häuser der Flutbetroffenen aufsuchen und vor Ort die Förderanträge ausfüllen
Kreuzberg. Neun Monate nach der verheerenden Flutkatastrophe von 14. Juli 2021 haben noch immer viele betroffene Bürger keinen Antrag auf Zuschüsse aus dem Wiederaufbaufonds beantragt und auch noch keinen der Infopunkte entlang der Ahr besucht. „Viele Menschen laufen noch immer unter dem Radar“, weiß Begoña Hermann, die Vizepräsidentin der Aufsichts- und Dienstleistungsdirektion (ADD). „Aber wir müssen auch die erreichen, deshalb wird es dringend Zeit, das Thema anzugehen.“ Gemeinsam mit der rheinland-pfälzischen Ministerpräsidenten Malu Dreyer stellte sie jetzt bei einer Pressekonferenz im Aufenthaltscontainer in Kreuzberg das neue Projekt der „Aufsuchenden Beratung“ vor: Hausbesuche sollen bei der Antragstellung und bei sonstigen Problemen rund um die Hochwasserfolgen helfen.
Noch bis zum 30. Juni 2023 können die Betroffenen der verheerenden Flutkatastrophe Zuschüsse aus dem Wiederaufbau vor bei Schäden an ihren Hausrat und an Gebäuden über die Investitions- und Strukturbank Rheinland-Pfalz (ISB) beantragen. Doch noch immer habe man zu vielen Betroffenen noch keinen Kontakt aufnehmen können, erklärte Dreyer. „Diese Leute wollen wir jetzt vor Ort aufsuchen.“ Gemeinsam mit der ADD habe die Landesregierung ein Angebot entwickelt, das nun starten soll. Zunächst will man sich in den Ortschaften Kreuzberg, Altenahr und Heppingen umschauen und dann nach und nach die weiteren Ortschaften in Angriff nehmen.
Viele Menschen machen von Hilfsangeboten keinen Gebrauch
Gemeinsam mit dem jeweiligen Ortsbürgermeister oder Ortsvorsteher sollen dann speziell geschulte Mitarbeiter des Malteser Hilfsdienstes zunächst Kontakt mit den bislang noch nicht in Erscheinung getretenen Flutopfern aufnehmen. „Es gibt nach wie vor viele zerstörte Häuser entlang der Ahr“, wusste Dreyer. Die Landesregierung habe bereits viele Hilfsangebote auch für die Antragstellung an den Infopoints eingerichtet, aber viele Menschen machten davon aus unterschiedlichen Gründen bislang keinen Gebrauch. „Offenbar sind viele Menschen im Ahrtal derart in ihren Grundfesten erschüttert und sie stehen vor einem solch großen Berg an Problemen, dass sie nicht in der Lage sind, sich aktiv die Hilfe zu suchen bei der Antragstellung oder anderen Dingen“, vermutete sie als Gründe. Doch genau diese Menschen wolle man nun mit Hausbesuchen erreichen und ihnen entsprechende Hilfsangebote vermitteln. Und dabei erfahren, welche Probleme und Sorgen es vor Ort gebe und was die Menschen bewege.
Viele Betroffene wüssten auch bis jetzt noch nicht, ob und wie viel ihre Versicherungen zahlen würden. „Dabei ist die Bevölkerung darauf angewiesen, dass die Versicherungen großzügig mit den Anträgen der Bürger umgehen“, betonte die Ministerpräsidentin. Darüber sei die Landesregierung mit den Versicherungen bereits im Gespräch.
Am 20. April sollen die Hausbesuche zunächst in Kreuzberg, Altenahr und Heppingen beginnen. Bis dahin werde auch eine Telefonnummer bekannt gegeben, bei der sich Betroffene aus anderen Gemeinden direkt melden können, dann würden Hausbesuche dort auch vorgezogen. Ortsbürgermeister Rüdiger Fuhrmann berichtete, die Ortsgemeinde Altenahr mit ihren rund 1900 Einwohnern in den Ortsteilen Altenahr, Altenburg, Kreuzberg und Reimerzhoven sei schwer von der Sturzflut im vergangenen Sommer getroffen, mehrere Menschen ums Leben gekommen. Von 660 Häusern seien 520 geschädigt. „Nach Bad Neuenahr-Ahrweiler und Sinzig sind wir die drittgrößte Gemeinde, die von der Flut betroffen wurde.“ Aufgrund der großen Ausdehnung der Ortsgemeinde sei es aber schwer, jeden einzelnen Hausbesitzer zu erreichen. Deshalb sei es gut, dass dieses Angebot nun starte.
Mit einem Notebook zu den Betroffenen
Die ISB habe bereits viele Mitarbeiter geschult und sei auch schon vereinzelt in Häuser hineingegangen, berichtete ISB-Vorstandsmitglied Ulrich Link. Mit dem neuen Angebot geschehe das nun strukturierter, und man könne gezielt auf bestimmte Bereiche zugehen. Dafür habe man zunächst den Mitarbeitern des Malteser Hilfsdienstes eine grundlegende Schulung angedeihen lassen, denn in einem ersten Schritt gehe es eigentlich nur darum, zu überprüfen, ob der betreffende Bürger für einen Zuschuss aus dem Wiederaufbaufonds in Betracht komme. Wenn das der Fall sei und derjenige, aus welchen Gründen auch immer, sich nicht selbst zu den Infopunkten begeben könne, würden ISB-Mitarbeiter mit einem Notebook zu ihnen nach Hause geschickt, um dort vor Ort den Antrag komplett auszufüllen. Die Mitarbeiterzahl an den Infopunkten würden zu diesem Zweck auch aufgestockt.
Bislang seien 8400 Anträge auf Zuschüsse zu verlorenem Hausrat bei der ISB eingegangen, wovon 95 Prozent bereits bewilligt worden seien. Anders sieht die Sache bei den beschädigten Wohngebäuden aus. Hier seien mittlerweile 2250 Anträge im System angelegt, wovon 1300 vollständig ausgefüllt seien, hiervon wiederum habe die ISB mittlerweile 670 bewilligt, die nun in vier Raten ausgezahlt würden. Immerhin drei Anträge seien schon komplett abgearbeitet und ausgezahlt. Die Auszahlung der ersten Rate könne künftig schneller gehen, so Link, weil inzwischen auf die vierwöchige Widerspruchsfrist des Antragstellers verzichtet und der erste Abschlag von 20 Prozent direkt ausgezahlt werden dürfe. Zudem habe die ISB mehr geschultes Personal. Allerdings gebe es noch eine riesige Lücke zu den eigentlich errechneten Zahlen, denn insgesamt habe man mit 8000 bis 9000 beschädigten Gebäuden gerechnet. „Da wird uns sicherlich noch der eine oder andere Antrag erreichen.“ Viele Betroffene warteten noch auf mögliche Alternativen, wenn etwa ein Totalschaden beim Gebäude vorliege und dieses in dem neuen Überschwemmungsgebiet liege. Bis Mitte des Jahres will die ISB jedenfalls rund 80 Prozent der Anträge auf Entschädigung wegen beschädigter Häuser abgearbeitet haben.
Helfer-Shuttle macht eigene Umfrage im Ahrtal
Thomas Pütz vom Helfer-Shuttle berichtete von einer eigenen Umfrage im Ahrtal, in der es eigentlich darum gehe, ob noch freiwillige Hilfe gebraucht werde oder ob es Probleme mit Handwerkern, Versicherungen und Gutachter gebe. Bei der Umfrage soll künftig auch mit erhoben werde, ob die Menschen noch Unterstützung beim Ausfüllen der Anträge bräuchten. Bisher seien 418 Häuser vor allem in Mayschoß, Rech, Dernau und Marienthal von etwa 60 freiwilligen Helfern abgefragt worden. „Die Situation ist sehr bedrückend“, berichtete Pütz. „Viele fühlen sich immer noch allein gelassen.“ Oft fehle es an Geld, um diejenigen Arbeiten umzusetzen, die man sich vorgenommen habe. Demnächst wolle das Helfer-Shuttle mit 150 Helfern das Stadtgebiet von Bad Neuenahr-Ahrweiler in Angriff nehmen. Im Anschluss werde man gemeinsam mit den Daten, die von den Mitarbeitern der „Aufsuchenden Beratung“ erhoben würden, eine guten Pool an Informationen besitzen, um die weitere Hilfe konkret zu unterstützen. Ohnehin seien Helfer-Shuttle und ADD schon lange in einem intensiven Dialog, um voneinander zu lernen und sich gegenseitig zu unterstützen, betonte ADD-Vizepräsidentin Hermann. JOST
Ministerpräsidentin Malu Dreyer (Dritte von rechts) stellte in Kreuzberg die „Aufsuchenden Beratung“ vor. Mit dabei waren (von links) Georg Knieps von der Verbandsgemeinde Altenahr, Thomas Pütz vom Helfer Shuttle, Altenahrs Ortsbürgermeister Rüdiger Fuhrmann, Malteser-Projektleiter Wolfgang Haidinger, ISP-Vorstand Ulrich Link und ADD-Vizepräsidentin Begoña Hermann. Fotos: JOST
