Politik | 09.02.2018

In Neuwied reichen die Kita-Plätze noch lange nicht

Bürgermeister Mang stellte die Fortschreibung der Bedarfsplanung vor

Der Stadtrat beschloss die Bezuschussung von Kitas in freier Trägerschaft, wie hier in Gladbach, von 50 auf 65 Prozent zu erhöhen.  FF

Neuwied. Ein ganzes Bündel von Maßnahmen beschloss der Stadtrat, um den aktuellen Mangel an 310 Plätzen für unter Dreijährige und 300 Plätzen für Ü3-Kinder auszugleichen: Die Gemeindliche Siedlungsgesellschaft (GSG) wurde mit dem Neubau einer Kita in Niederbieber beauftragt. Ebenfalls soll die GSG die Kita der AWO am Schlosspark um zwei bis drei Gruppen erweitern. Weitere Räumlichkeiten sollen in den Kitas ehemalige Rommersdorfer Hauptschule und Kita Raiffeisenring entstehen. Ebenfalls soll die Verwaltung die Planungen für die Errichtung einer neuen Kita in Feldkirchen „Auf’m Kettgert“ voranbringen. Soweit die positiven Nachrichten – die negativen: Es wird teilweise Jahre dauern, bis die Maßnahmen umgesetzt sind. Außerdem mangelt es an Fachkräften. Der Markt ist wie leer gefegt.

Bürgermeister Michael Mang stellte die Fortschreibung der Kita-Bedarfsplanung vor. Im Sinne der Chancengleichheit für alle Kinder bedauerte er, dass ausgerechnet in der Innenstadt und Heddesdorf die meisten Kita-Plätze fehlen. Hintergrund: Hier leben verhältnismäßig viele Kinder mit Migrationshintergrund, Alleinerziehende und bildungsferne Familien. Den Mehrbedarf führt Mang auf die geburtenstarken Jahrgänge zurück, die so nicht vorhersehbar waren. Ebenfalls gab das Land in der Vergangenheit eine Betreuungsquote von 35 Prozent im U3-Bereich vor – viel zu niedrig, wie sich mittlerweile herausgestellt hat. Heute strebt die Stadt Neuwied eine Bedarfsdeckung von 50 Prozent an. Als Gründe für die steigende Zahl von „Rechtsanspruchskindern“ nennt die Verwaltung das Anmeldeverhalten insgesamt unter dem Gesichtspunkt der Vereinbarkeit von Familie und Beruf, einem Bedeutungszuwachs des Kita-Besuchs im Vergleich zur familiären Betreuung und das Bestreben, Sozialleistungsbezug zeitlich zu minimieren. In den vergangenen Jahren wurden verstärkt viele U3-Plätze geschaffen. Dadurch fehlen nun Kapazitäten im Ü3 Bereich. Als weitere Herausforderung kommen auf die Stadt längere und flexiblere Betreuungszeiten zu. In der Beschlussvorlage heißt es: „Die ungebrochen geforderte und fortschreitend propagierte Flexibilität im Berufsleben und andere gesellschaftliche Entwicklungen führen dazu, dass Kinder auch eine längere Zeit in Kindertagesstätten verbringen sollen. Damit gewinnt zum Beispiel die Essenversorgung in Kindertagesstätten und Kindertagespflege weiter an Gewicht, und auch der Druck auf die angebotenen Öffnungszeiten wird zunehmen“.

Stadt hat Gespräche mit Trägern aufgenommen

Michael Mang berichtete, dass seitens der Stadt eng mit den anderen Kita-Trägern gesprochen wird und auch Gespräche mit einem internationalen Konzern über eine Kooperation laufen. Positiv werde sich ebenfalls die neu geschaffene Stelle der Gesamtleitung für alle zehn städtischen Kitas auswirken. Am Rande erwähnte der Bürgermeister, dass es in wenigen Jahren, bei Schuleintritt der geburtenstarken Jahrgänge, neue Herausforderungen geben wird. Derzeit verhandelt die GroKo in Berlin über die Ganztagsbetreuung an Grundschulen. „Damit kommen wir an unsere Grenzen“, stellte Ruth Köfer (CDU) klar. Vom Personal abgesehen müssten bauliche Maßnahmen für Küchen, Ruheräume und mehr umgesetzt werden. Die Ratsfrau rief in Erinnerung, dass mit Einführung des Kita-Rechtsanspruchs 2013 die Stadt vor immense Herausforderungen gestellt wurde. Wenn „Kommabetreuerinnen“ für die Gruppen vorgegeben seien, sei das ein Witz. Ruth Köfer monierte, dass die Gruppen zu groß seien. Dieser Meinung war auch Karl-Josef Heinrichs (FWG). Allerdings würde allein eine Verkleinerung von 25 auf 22 Kinder zu zwölf zusätzlichen Gruppen führen. Weder seien dafür Räumlichkeiten noch Personal vorhanden. Indirekt kritisierte Heinrichs die Verwaltung. Das eine Betreuungsquote von 35 Prozent zu niedrig sei, sei schon vor Jahren absehbar gewesen, ebenso, dass der Fehlbedarf in Heddesdorf und der Innenstadt mit 70 Prozent Migrationshintergrund am höchsten sei. „Das Tempo ist noch zu langsam“, stellte Heinrichs fest und meinte damit den Kapazitätsaufbau. Er kritisierte ebenfalls das mangelnde Angebot in der Kindertagespflege.

Tagespflege soll attraktiver gemacht werden

Ruth Köfer wundert das nicht. Bei 5,50 Euro pro Kind und Stunde hält sich das Interesse am Beruf der Tagesmutter in Grenzen. „Mut und Kreativität“ seien notwendig, um die Situation zu verbessern. Ebenfalls müssten neue Wege gesucht werden, um in Sachen Betriebs-Kitas voranzukommen. Sogar immer weniger Angebote in der Tagespflege hat Lana Horstmann (SPD) ausgemacht. Hier müsse dringend für mehr Attraktivität gesorgt werden. Sie versprach der Verwaltung die volle Unterstützung der Sozialdemokraten bei allen Neu- und Erweiterungsvorhaben. „Den Rechtsanspruch schaffen und die Kommunen dann im Regen stehen lassen“, kritisierte Regine Wilke (Bündnis 90/Die Grünen). Es sei schwierig, gute Erzieher zu finden. Sie stellte infrage, ob nicht eine eigene Fachschule die Lösung für mehr Personal sein könnte. Regine Wilke lobte die Verwaltung für die Schaffung der Stelle „Kita-Gesamtleitung“. Dies sei ein richtiger Schritt nach vorne. In einem weiteren Beschluss änderte der Stadt die Zuschussrichtlinie für Kitas in anderen Trägerschaften. Statt 50 Prozent schießt die Kommune zukünftig 65 Prozent der zuwendungsfähigen Kosten für Baumaßnahmen sowie für die Ausstattung mit Einrichtungsgegenständen zu. „Die Kirchen verlieren Mitglieder und damit finanzielle Mittel“, kommentierte Regine Wilke diesen Schritt als richtig. Bürgermeister stellte den Stadtrat schon einmal auf weiter steigende Kosten ein. „Wir haben noch ganz viele Kitas vor der Brust, in denen seit 25 Jahren fast nichts mehr investiert wurde.“ Hinzu komme, dass die Stadt bereits heute rund 1,5 Millionen Euro Miete für die städtischen Kitas an die GSG bezahlt.

FF

Der Stadtrat beschloss die Bezuschussung von Kitas in freier Trägerschaft, wie hier in Gladbach, von 50 auf 65 Prozent zu erhöhen. Fotos: FF

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