Politik | 16.07.2019, 17:30 Uhr

Kritik wegen Einsatz des „Pflanzenschutzmittels“ Glyphosat auch an DB

Deutsche Bahn möchte auf das Mittel verzichten und sucht Alternativen

Österreichische Bahn (ÖBB): kompletter Verzicht innerhalb fünf Jahren

Remagen/Koblenz. Das umstrittene „Pflanzenschutzmittel“ Glyphosat steht wegen seiner insekten- und amphibienschädlichen Auswirkungen zunehmend in der öffentlichen Kritik. Das Mittel steht außerdem im Verdacht, krebserregend zu sein.

Auch die Deutsche Bahn (DB) verwendet Glyphosat nach wie vor auf großen Teilen ihrer Gleisanlagen und gerät damit, wie die Landwirtschaft, ebenfalls in den Fokus wachsender Kritik. Auf Rückfrage von Blick aktuell teilte die DB-Pressestelle hierzu jetzt folgendes mit: „Wir würden lieber heute als morgen auf Glyphosat verzichten, auch wenn die Zulassungsbehörden es als unbedenklich einstufen. Wir wollen daher zusammen mit dem Bundesumweltministerium ein Forschungsprojekt aufsetzen, um Alternativen zu entwickeln. Zum Beispiel Heißwasser, Strom oder energiereiches UV-Licht. Die Vegetationskontrolle ist unverzichtbar für einen sicheren Bahnbetrieb. Die DB verwendet dabei ausschließlich Herbizidprodukte, die vom Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) speziell für den Gleisbereich zugelassen sind. Der Anteil der DB liegt bei 0,4 Prozent der in Deutschland insgesamt ausgebrachten Herbizidmengen (Zahlen 2017). Qualifizierte Fachfirmen arbeiten nach strengen Kriterien im Auftrag der Bahn. Glyphosat wird unter anderem nicht in Schutzgebieten und über offenen Gewässern sowie auf Brücken eingesetzt. Darüber hinaus konnte die Einsatzmenge durch eine verbesserte Technik zur Pflanzenerkennung in den letzten Jahren reduziert werden. (Im Jahr 2017 wurden rund 67 Tonnen an Herbiziden für das gesamte Schienennetz mit einer Gleislänge von etwa 61.000 Kilometern aufgewandt). Leider stellen derzeit weder thermische noch mechanische Verfahren eine Alternative zum begrenzten Einsatz von Herbiziden im Gleisbereich dar. Selbstverständlich wird die DB weiterhin nach alternativen Möglichkeiten im Dialog mit Forschungsinstituten und der Industrie suchen und diese erproben.“

Anhaltende Kritik

Trotz dieser Bemühungen hält die Kritik an Glyphosat an. So beispielsweise durch den Bund für Umwelt- und Naturschutz Deutschland (BUND), Bündnis 90/Die Grünen, Greenpeace sowie SumOfUs. Diese ist eine international tätige, nach amerikanischem Recht eingetragene gemeinnützige Organisation und Verbraucherbewegung. Deren Ziel ist es, große Konzerne zu verantwortlichem Handeln zu bewegen. SumOfUs sieht die Situation anders und führt hierzu aus: „Die Deutsche Bahn ist der größte Verbraucher von Glyphosat: Mehr als 65 Tonnen des wahrscheinlich krebserregenden Pestizides versprüht die Bahn jedes Jahr – und gefährdet damit Menschen und Umwelt im ganzen Land.“ Die Deutsche Bahn bezeichne sich selbst als „Umwelt-Vorreiter“ und werbe mit Nachhaltigkeit. Wenn der Konzern das ernst meine, dürfe er nicht länger im großen Stil das gefährliche Glyphosat einsetzen. Die Bundesregierung diskutiere gerade, wie der Glyphosateinsatz in Deutschland reduziert werden könne. Das sei die perfekte Gelegenheit, die Deutsche Bahn öffentlich unter Druck zu setzen – denn der Konzern gehöre zu 100 Prozent dem Staat. 33.500 Kilometer umfasse das Schienennetz der Deutschen Bahn. Dabei gehe es auch anders: Die österreichische Bundesbahn (ÖBB) habe kürzlich angekündigt, binnen fünf Jahren komplett auf Glyphosat zu verzichten.

Im Nachbarland Österreich ist man wegen Glyphosat ohnehin bereits viel weiter als in Deutschland. Der Nationalrat dort hat ganz aktuell ein Glyphosat-Totalverbot beschlossen (aus TAZ 8. vom Juli 2019). Damit verbietet Österreich ab 2020 den Einsatz von Glyphosat gänzlich. Der Beschluss muss der EU-Kommission notifiziert werden. Wenn diese binnen drei Monaten keinen Einspruch erhebt, tritt das Glyphosat-Verbot dort am 1. Januar 2020 in Kraft. Dann dürfte man die Substanz nicht mehr verkaufen, und auch nicht mehr einsetzen.

Greenpeace fordert Hilfen für die Umstellung auf Biolandbau

Sebastian Theissing-Matei ist Landwirtschaftsexperte bei Greenpeace Österreich. „In der Vergangenheit hat die EU mehrmals betont, dass nationale Verbote zulässig sind. Wir erwarten schon, dass sie zu diesem Versprechen auch steht“, so Sebastian Theissing-Matei. Dort spreche Landwirtschaftskammer von 90 Prozent Anwendung in der Land- und Forstwirtschaft. Theissing-Matei fordert in diesem Zusammenhang jedoch Hilfen für die Umstellung auf Biolandbau. „Die Politik darf die Landwirte da nicht allein lassen.“ Die biologische Landwirtschaft in Österreich umfasse jetzt schon ein Viertel aller Betriebe, von denen viele wirtschaftlich sehr erfolgreich seien.

Auch Grüne für Ausstieg

Kritik kommt auch von Bündnis 90/Die Grünen. Bereits im Frühjahr 2018 forderten die Grünen in Magdeburg (dpa) von der Deutschen Bahn den Ausstieg aus der Glyphosat-Anwendung: Der umstrittene Unkrautvernichter Glyphosat soll nach dem Willen der Grünen nicht mehr an und auf Bahngleisen eingesetzt werden. „Die Deutsche Bahn nutzt beträchtliche Mengen von Glyphosat und treibt damit das Artensterben voran“, erklärte Agrarexpertin Dorothea Frederking hierzu.

Gemeinsam mit grünen Agrarpolitikern in anderen Landtagen sowie den Experten der Bundestags- und Europaparlaments-Fraktion appellierte Frederking in einem offenen Brief an den Konzern, auf Glyphosat zu verzichten. „Nach Angaben des Bundesverkehrsministeriums hat die Bahn im vergangenen Jahr 65,4 Tonnen des Unkrautvernichtungsmittels eingesetzt, um Gleisanlagen frei von Bewuchs zu halten.“ Die EU habe beschlossen, das umstrittene Mittel für fünf weitere Jahre zuzulassen. Glyphosat stehe im Verdacht, krebserregend zu sein.

BUND verweist auf Bienensterben

Und der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) macht am Beispiel des Bienensterbens auf diese globale Entwicklung aufmerksam. Glyphosat sei nicht nur laut Weltgesundheitsorganisation „wahrscheinlich krebserregend beim Menschen“. Es trage auch maßgeblich zum Artensterben in der Agrarlandschaft bei.

Eine Studie zeige zudem, dass Glyphosat mutmaßlich eine große Rolle beim Rückgang der Bienenvölker spiele. Glyphosat könnte, so der BUND, eine wichtige Ursache für das weltweite Bienensterben sein. Das zumindest lege eine Studie der Universität von Texas in Austin nahe, die im renommierten Wissenschaftsmagazin „Proceedings of the National Academy of Sciences“ veröffentlicht wurde. „Demnach wird durch Glyphosat das Immunsystem von Honigbienen derart geschwächt, dass sie schneller sterben, wenn sie mit Krankheitserregern in Berührung kommen, als Bienen, die Glyphosat nicht ausgesetzt waren.“ In der Studie hätten die Forscher/innen dabei ausschließlich mit Konzentrationen des Totalherbizids gearbeitet, wie sie auch tatsächlich in der Natur angewendet werden und bisher als „unbedenklich“ galten.

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