Lesermeinung zum Thema „Gesamtschuldiskussion in Rheinbach“
Die Realität im Auge behalten
Sicher ist es bedauernswert, dass öffentliche Telefonzellen aus dem Straßenbild verschwinden. Aber in Zeiten, wo Grundschüler bereits mit Mobiltelefonen ausgestattet werden, ist das nun mal die Realität. Man nennt es schlicht „technologischer Wandel“ oder „Fortschritt“. Ebenso bedauerlich ist auch die Tatsache, dass das über Jahrzehnte gut funktionierende dreigliedrige Schulsystem vor dem Aus steht.
Aber in Zeiten, in denen in den Gemeinden des Rhein-Sieg-Kreises reihenweise Hauptschulen schließen und Sekundar- bzw. Gesamtschulen gegründet werden – zum Schulstart 2013 waren es in NRW immerhin 72, ist auch das leider Realität. Man nennt das „Veränderung der Schullandschaft“ oder, wie in Rheinbach, „Bildung der Zukunft“. Bei aller Liebe zum Altbewährten sollte man jedoch die Realität nicht aus dem Auge verlieren, denn Realität ist, dass die Hauptschule in Rheinbach – trotz ihrer hervorragenden Leistungen und ihres guten Rufes – seit Jahren mit sinkenden Schülerzahlen zu kämpfen hat. Und so ist es auch nicht verwunderlich, wenn der Rektor der Hauptschule öffentlich die Missstände beim Namen nennt und auf Veränderung drängt. Ebenso Realität ist, dass aus Sicht der Bezirksregierung die Gründung einer Sekundarschule als alleiniger Ersatz einer auslaufenden Hauptschule in Rheinbach nicht genehmigungsfähig ist.
Und es ist auch Realität, dass sich die Realschule aufgrund ihrer hervorragenden Arbeit einer hohen Akzeptanz erfreut und mit konstanten Schülerzahlen rechnen kann. Nimmt man nun noch die sehr ernsten und realen Probleme der Albert-Schweizer-Förderschule hinzu, kann man wohl mit Fug und Recht behaupten, dass mit Haupt- und Förderschule die Hälfte der in Rheinbach ansässigen Schulformen im Bildungsbereich der Sekundarstufe 1 existenzielle Probleme haben und von der Schließung bedroht sind. Auch wenn diese beiden Schulformen prozentual nicht über den größten Anteil an Schülern in Rheinbach verfügen, so sollte man sich dieses Problems annehmen. Und genau das hat man in Rheinbach in den vergangenen zwei Jahren getan! Nach dem Scheitern des ersten Anlaufes zur Errichtung einer Gesamtschule in Rheinbach fand im Herbst 2012 ein Werkstatttag „Bildung der Zukunft“ statt, an dem neben den Vertretern der beiden Rheinbacher Elterninitiativen auch interessierte Bürger und Fachleute aus dem Kreise der Rheinbacher Schulen beteiligt waren. Hier wurde unter Anleitung eines externen Moderators „ergebnisoffen diskutiert“ und am Ende ist allen Beteiligten klar geworden, dass es in Rheinbach viel Erhaltenswertes gibt, aber dass aufgrund der aktuellen Entwicklungen auch Veränderungen in der Rheinbacher Schullandschaft notwendig werden. Es folgte die Erstellung einer Machbarkeitsstudie durch den externen Moderator, Herrn Patt, mit dem Ergebnis, dass aufgrund der Situation in Rheinbach einzig die Möglichkeit zur Gründung einer Sekundar- oder einer Gesamtschule in Betracht kommen würde und dies auch nur unter Auflösung von Haupt- und Realschule (auslaufen beider Schulen mit Gründung der neuen Schulform).
Dieser Prozess fand dann seine Fortführung in den Informationsveranstaltungen der Stadtschulpflegschaft (Interessenvertretung der Elternschaft) unter Moderation des externen Beraters Patt im Juli diesen Jahres an den Grundschulen, wo man sich über die aktuelle Situation und die notwendigen Veränderungen informieren konnte. Im Anschluss wurde seitens der Stadtschulpflegschaft dann ein Stimmungsbild anhand eines Fragebogens ermittelt, dessen Ergebnis die Präferenz zur Gründung einer Gesamtschule erkennen ließ. Des Weiteren wurde unter Beteiligung von Experten (u.a. Schulleiter der weiterführenden Schulen in Rheinbach) und Elternvertretern aller Rheinbacher Grundschulen im September 2013 ein Rahmenkonzept für eine Gesamtschule erarbeitet.
Dieses wurde öffentlich vorgestellt und diskutiert, es sollte den Eltern als Grundlage für ihre Entscheidungsfindung dienen. Um die Bereitschaft der Eltern zur Anmeldung ihres Kindes an einer Gesamtschule in Rheinbach zu ergründen, folgte dann noch eine förmliche Elternbefragung durch die Stadtverwaltung und aufgrund aktueller Entwicklungen die Erstellung eines gemeinsamen Schulentwicklungsplanes mit der Nachbargemeinde Alfter. Und nun haben sich etliche Eltern mit dieser Thematik auseinandergesetzt und mehrheitlich für sich und ihre Kinder entschieden, dass eine Gesamtschule in Rheinbach gegründet werden soll und einer Sekundarschule vorzuziehen ist. Und dies sicher aus den unterschiedlichen Gründen, der Eine wegen der Möglichkeit des Abiturs nach neun Jahren (im Gegensatz zum G8 an den Rheinbacher Gymnasien) oder der Andere wegen des gebundenen Langtages (im Gegensatz zu den maximal zwei Langtagen an den Rheinbacher Gymnasien – wobei es aktuell in der Jahrgangsstufe fünf des Städtischen keinen Langtag gibt). Ein Dritter vielleicht, weil ihm das pädagogische Konzept der Gesamtschule gefällt. Der Vierte könnte für sich erkannt haben, dass die Sekundarschule als neue Schulform noch in den Kinderschuhen steckt und man sein Kind nicht zum experimentieren hergeben möchte. Und sicher gibt es noch weitere Gründe, die für eine Rheinbacher Gesamtschule sprechen. Sei´s drum, so hat sicher jeder seine Gründe sein Kind an einer bestimmten Schule anmelden zu wollen. Und da wären wir dann wieder beim Thema: Der Realität! Und die sieht für Rheinbach nun einmal notwendigerweise Veränderungen vor und davor darf man meiner Meinung nach nicht die Augen verschließen!
Peter Mahlberg
Rheinbach
