Fachleute aus Bildung und Wirtschaft diskutierten in Meckenheim über berufliche Aus- und Weiterbildung
Hochkarätiger Fachkräftegipfel
Meckenheim. Über ein volles Haus konnte sich Norbert Nettekoven, Vorsitzender des Unternehmernetzwerkes Rhein-Voreifel, in der Aula des Konrad Adenauer Gymnasiums in Meckenheim freuen. Zusammen mit zahlreichen hochkarätigen Gästen von Bildungsträgern sowie Funktionären aus Verbänden und Unternehmensvertretern wurden Fragen der aktuellen beruflichen Aus- und Weiterbildung erörtert und diskutiert. Nettekoven führte in seiner Begrüßung aus, dass es längst zu einem „War of Talents“ gekommen sei und der Fachkräftemangel alles andere als ein Fremdwort in der täglichen Praxis der Betriebe sei. In einem kurzen Grußwort erklärte Bürgermeister Bert Spilles, dass sich die Stadt Meckenheim bewusst für den Schulcampus entschieden hätte und auch für die Beibehaltung der Hauptschule.
Problemfelder der Handwerksbetriebe
In seinem Referat ging anschließend Hans-Peter Wollseifer, Präsident des Zentralverbandes des Deutschen Handwerkes, auf zahlreiche aktuelle Problemfelder für die Handwerksbetriebe ein. Neben den allgemeinen Problemen wie zu viel Bürokratie, Mindestlohn und neuerdings der Arbeitsstättenverordnung könne das Handwerk „Opfer des eigenen Erfolges“ werden, denn es entwickele sich eine rasant wachsende Nachfrage nach Fachkräften, wobei dafür gesorgt werden müsse, dass der Fachkräftemangel nicht zur „Achillesverse“ des Handwerkes werden dürfe. Dass sich die Betriebe hier in einer starken Konkurrenz zur universitären Ausbildung befinden, auch dies wurde überaus deutlich vom Handwerkspräsidenten klar gemacht, denn im laufenden Jahr konnten 20.000 Ausbildungsplätze nicht besetzt werden, Tendenz steigend.
Mehrheit entscheidet sich für universitäre Ausbildung
Bereits jetzt entscheiden sich 54 Prozent eines jeden Schuljahrgangs für eine universitäre Ausbildung, allerdings hänge der volkswirtschaftliche Nutzen entgegen vieler Meinungen nicht an einer möglichst hohen Zahl von Uni-Absolventen. So ist die Zahl der Studenten in Spanien oder auch in Ägypten deutlich höher, der wirtschaftliche Erfolg dieser Länder ist es nicht. Und Wollseifer machte klar, dass der Meisterbrief mit dem Bachelor auf einer Stufe stehe, und forderte die Anerkennung des Gesellenbriefes als Zugangsberechtigung für die Hochschulen. Unter dem Schlagwort „Lehre mit Matura“ warb er für ein Erfolgsmodell aus Österreich. Aber auch an den Gymnasien müsste die betriebliche Ausbildung stärker als Chance erkannt werden, so könnten die Abgänger häufig Gedichte in drei Sprachen rezitieren, hätten aber keine Ahnung von Betriebsabläufen.
„Es zählt, wo man hin will“
Und die berufliche Ausbildung im Handwerk ist auch eine Chance für die vielen jungen Menschen, welche ihr Studium nicht abschließen, denn in den nächsten zehn Jahren suchen 200.000 Betriebe einen Nachfolger, auch dies ein attraktives Karrieremodell. Und er forderte mehr Flexibilität von der Politik, von den Ausbildungsbetrieben und von den Auszubildenden, wobei er ferner auch in der Zuwanderung eine große Chance für das Handwerk sieht. Im Handwerk, so Wollseifer, gebe es keinen Platz für Parallelgesellschaften, allerdings müsse die Politik hier Planungssicherheit für die Betriebe schaffen. Denn das Handwerk sei durchaus bereit, Flüchtlinge auszubilden, wenn sichergestellt sei, dass diese auch die Ausbildung zu Ende machen können. Unter großem Beifall stellte er zum Abschluss seines Referates klar: „Für das Handwerk zählt nicht, wo man herkommt, sondern wo man hin will.“
In einem weiteren Impulsvortrag erläuterte anschließend Gabriele Paar vom Regionalen Bildungsbüro des Rhein-Sieg-Kreises, was dies für die konkrete Umsetzung vor Ort bedeutet. So gilt in NRW der Grundsatz, dass kein Abschluss einer Schule ohne einen entsprechenden Anschluss in Form von beruflicher oder schulischer Weiterbildung erfolgte. Alle Jugendlichen mit Unterstützungsbedarf werden entsprechend gefördert und sie betonte, dass das Ansehen der dualen Ausbildung wieder im Stellenwert steige. Hierzu trage auch bei, dass bereits in der 8. Klasse alle Schüler jeweils einen Tag in drei verschiedene Berufsbilder hineinschnuppern können.
Noten sind nicht das Wichtigste
Hans Rieck, Schulleiter des Sankt-Josef-Gymnasiums in Rheinbach, machte deutlich, dass das Abitur längst nicht für alle Schüler den Weg in den Wunschberuf eröffnet, das häufig hier der Notenschnitt zusätzlich sehr entscheidend sei. Er sieht hier ebenfalls die Schulen in der Verantwortung, Talente zu erkennen und diese auch zu fördern, auch wenn dies dann nicht zu einer universitären Weiterbildung führe. Stefan Franceschini, Geschäftsführer der Grafschafter Krautfabrik, erläuterte anschließend, das Noten nicht das Wichtigste seien, vielmehr sei der Charakter entscheidend, Werte wie Hilfsbereitschaft und Teamfähigkeit würden bei ihm eine sehr große Rolle spielen bei der Einstellungsentscheidung. Und auch in der Diskussionsrunde mit den Wirtschaftsvertretern- und Funktionären wurde überaus deutlich, das Handwerk sieht in der Zuwanderung nach Deutschland vor allem eine Chance und ist sich aber auch der Verantwortung für die Ausbildung der Menschen bewusst. Mehrfach wurde während der Veranstaltung von allen Rednern das Meckenheimer Modell gelobt, welches dafür sorgt, das alle Schüler einen Ausbildungsplatz erhalten. Hans-Peter Wollseifer brachte dies zum Abschluss der Diskussion auf den Punkt, als er feststellte: „Wir brauchen mehr Meckenheimer Geist in der Bundesrepublik Deutschland.“
