In Höhr-Grenzhausen gab es eine Woche der Demokratie
In Sachen Integration vorbildlich
Verbandsgemeinde nimmt an Bundesprojekt „Demokratie leben“ teil
Höhr-Grenzhausen. Im Nahen Osten, Syrien, Aleppo, nur ein paar hundert Kilometer vom türkischen Badeort Antalya entfernt, sterben Kinder, Eltern und alte Menschen durch Gewehrschüsse, Bomben und Sprengstoffattentate. In der Jugendbegegnungsstätte „Zweite Heimat“ in Höhr-Grenzhausen trafen sich Syrer, Afghanen, Pakistaner und Menschen aus Kriegsgebieten in Afrika, hauptsächlich Eritrea und Somalia, mit Bürgern der Verbandsgemeinde zur Woche der Demokratie. Wohl selten hat die „Zweite Heimat“ ihren Namen so verdient wie in diesen Tagen. Für viele der Flüchtlinge sind Höhr-Grenzhausen und die umliegenden Orte tatsächlich zu einer zweiten Heimat geworden.
Fahdi Hassan ist 30 Jahre alt und kommt aus Syrien. In der „Zweiten Heimat“ konnte er zum Abschluss der Demokratiewoche angetroffen werden. Für alle gab es einen leckeren Brunch. Bei Kaffee, Croissants und Rührei war die Stimmung aufgelockert. Im Hintergrund lief Musik, auf der Leinwand wurden Bilder von den Projekten der vergangenen Monate gezeigt. Jeder dort kannte Fahdi. Er ist sehr beliebt, sowohl bei den deutschen als auch den ausländischen Besuchern. Seit einem Jahr lebt er in Deutschland, in Höhr-Grenzhausen. In Syrien hatte er als Bauingenieur gearbeitet. An der Fachhochschule in Koblenz will er den Masterabschluss nachholen. Fahdi ist alleine nach Deutschland gekommen. Eltern und Geschwister sind in Syrien geblieben. Fahdis Freundin stammt ebenfalls aus Syrien, sie lebt in Bochum.
Demokratie leben - aktiv gegen Rechtsextremismus, Gewalt und Menschenfeindlichkeit
Seit 2015 nimmt die Verbandsgemeinde Höhr-Grenzhausen am Projekt „Demokratie leben - aktiv gegen Rechtsextremismus, Gewalt und Menschenfeindlichkeit“ teil. Es handelt sich um ein Programm der Bundesregierung.
Die diesjährige „Woche der Demokratie“ begann mit der Eröffnung einer Ausstellung über eine in der NS-Zeit nach England ausgewanderte jüdische Familie. Briefe, Dokumente und Bilder schildern das Leben der Familie Mosbacher und ihr Schicksal. Die Hoffnung auf ein baldiges Wiedersehen prägte das Leben aller Beteiligten. Freude, Trauer und Zorn über Rückschläge spiegeln sich in den Briefwechseln. Sie verdeutlichen die verzweifelte Lage vieler jüdischer Familien vor rund 75 Jahren. Diese Ausstellung ist noch bis Montag, 10. Oktober im Rathaus von Höhr-Grenzhausen zu sehen.
Die Rechtsextremismusexperten Dr. Nils Franke und Andreas Speit waren mit Vorträgen zu den Themen „Die neue Rechte“ und „Die rechte Szene“ zu Gast im Keramikmuseum in Höhr-Grenzhausen.
Demokratie-Konferenz
Eine Demokratie-Konferenz fand im CeraTech-Center statt. Hier konnten sich Interessierte über das Programm „Demokratie leben“ der Bundesregierung informieren. Weiter ging es mit dem Vortrag „Meine Erlebnisse in der NPD“ mit Stefan Rochow, einem Aussteiger aus der Rechtsextremisten-Szene. Den Abschluss der ersten Demokratie-Woche in Höhr-Grenzhausen bildete der „Tag der Demokratie“ mit einem „Brunch der Kulturen“ im Jugend- und Kulturzentrum „Zweite Heimat“. Hier wurden alle in der Verbandsgemeinde Höhr-Grenzhausen durchgeführten Aktionen und Projekte im Bundesprogramm vorgestellt. Die Schülerinnen Sophie Bourger, Pauline Ernst und Juliana Steinmetz lasen am Tag der Demokratie einen sehr nachdenklich stimmenden Text über ihren Besuch in einem Konzentrationslager vor.
Stefan Wolfram hat in Höhr-Grenzhausen die Leitung der Koordinierungs- und Fachstelle für dieses Projekt übernommen. Ansonsten ist er Geschäftsführer der in der Kannenbäckerstadt schon lange aktiven Organisation „Paul e.V. - Projekt Arbeit und Lernen“. Ihm zur Seite steht von amtlicher Seite, als Mitarbeiterin der Verbandsgemeindeverwaltung, Anne-Kathrein Bierenfeld vom Sozialamt.
Sie sagen: „Heute treffen wir uns hier, um alle Ergebnisse aus den Jahren 2015 und 2016 zu präsentieren, um hier zusammenzukommen, uns zu begegnen und das Programm dadurch mit Leben zu füllen.“ Gezeigt wurden unter anderem Bilder vom „Konzert der Begegnung“ im Mai. In der Realschule spielten mehrere Bands vor mehr als 500 Menschen. Für Stefan Wolfram war es das Highlight aller Aktionen in diesem Jahr. Für diese und ähnliche Aktionen konnten Veranstalter einen Antrag bei der Koordinierungsstelle einreichen und wurden, sofern es um Hilfe für Geflüchtete ging oder gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit thematisiert wurde, finanziell und organisatorisch unterstützt. Insgesamt standen dafür in diesem Jahr 25.000 Euro zur Verfügung, mit denen 13 Projekte gefördert wurden.
Wie geht es weiter?
Es folgt noch ein Vortrag im November von der katholischen Gemeinde zum Thema Diskriminierung und Intoleranz. Sehr gut angenommen wurde das Willkommens-Café in Höhr-Grenzhausen, das es schon seit über einem Jahr gibt. Außerdem gibt es noch ein Begegnungs-Café im evangelischen Kindergarten. Zusammen mit der Moschee-Gemeinde Ditib gab es einen Vortrag zum Thema Islamophobie. Die Schiller-Schule drehte den Film „Rassismus fängt zu Hause an“, der im SWR-Fernsehen gesendet wurde und bei Youtube unter „Schiller-Schule“ und „Rassismus fängt zu Hause an“ abgerufen werden kann.
110 Flüchtlinge sind momentan beim Sozialamt registriert, sagt Anne-Kathrein Bierenfeld. Diejenigen Flüchtlinge, die nach der Anerkennung vom Jobcenter betreut werden, sind in dieser Statistik nicht enthalten. 2015 waren das 40 Personen. Gleichzeitig gibt es in der Verbandsgemeinde Höhr-Grenzhausen 60 ehrenamtliche Helfer, die sich um Flüchtlinge und ihre Integration kümmern.
„Der Wille zur Integration ist da!“
Nach anfänglicher Zurückhaltung auf beiden Seiten, sowohl den Flüchtlingen wie auch den Helfern, sei mittlerweile eine entspannte Atmosphäre mit wachsenden zwischenmenschlichen Beziehungen entstanden. „Die Flüchtlinge wollen Arbeit finden“, beschreibt Stefan Wolfram deren Interessen. Und Anne-Kathrein Bierenfeld bestätigt: „Der Wille zur Integration ist da!“ Zu Konflikten ist es bisher nicht gekommen. Das führt Stefan Wolfram unter anderem darauf zurück, dass Flüchtlinge in der Verbandsgemeinde Höhr-Grenzhausen immer dezentral untergebracht werden. Von Anfang an habe es hier immer eine sehr große Hilfsbereitschaft gegeben. Lediglich von der rechtsextremen Partei „Der dritte Weg“ habe es Versuche gegeben, auf Mitarbeiter in der Geflüchtetenarbeit Druck auszuüben, berichtet Stefan Wolfram.
Fahdi Hassan (Mitte), mit Bekannten beim Brunch der Kulturen in der Zweiten Heimat, hat in Syrien bereits als Bauingenieur gearbeitet und will jetzt in Koblenz seinen Masterabschluss nachholen.
