Politik | 10.09.2018

Forum Wirtschaftsethik im Westerwaldkreis

Inklusion und Geschäftserfolg sind kein Widerspruch

Wie die Arbeit mit behinderten Menschen für Unternehmen profitabel sein kann, wurde erörtert

An der von Agentur-Chef Elmar Wagner geleiteten Podiumsdiskussion beteiligten sich der Unternehmer Paul Cliuk, Armin Gutwald (Caritas-Werkstätten), Martin Willuweit (Integrationsfachdienst) und Prof. Dr. Christian Kalhöfer von der ADG Business School (hier mit weiteren Vertretern der beteiligten Institutionen).

Montabaur. Landrat Achim Schwickert gab in seiner Begrüßung schon zu bedenken: „Es ist kein ganz einfaches Thema. Über Inklusion wird in Sonntagsreden oft gesprochen. Auch wir in der Kreisverwaltung haben schon unsere Erfahrungen mit den Problemen gemacht. Es gibt aber auch gute praktische Beispiele im Westerwaldkreis, wo die Beschäftigung von Menschen mit Beeinträchtigungen auf dem ersten Arbeitsmarkt gut funktioniert.“

Das „Forum Wirtschaftsethik“ – IHK, Wirtschaftsförderungsgesellschaft, Kreishandwerkerschaft, Katholische Erwachsenenbildung und Evangelisches Dekanat Westerwald – hatte auf Schloss Montabaur geladen. „Inklusive Unternehmen“ war das Thema. Als Vorreiter für die Beschäftigung von Menschen mit und ohne Beeinträchtigungen im selben Unternehmen erklärte Paul Cvilak sein Geschäftsmodell.

Cvilak hat 2004 die AfB gGmbH gegründet, ein als gemeinnützig anerkanntes, auf Gewinnerzielung angelegtes Recyclingunternehmen für Computer. AfB steht für „Arbeit für Menschen mit Behinderung“. Mittlerweile beschäftigt die AfB-Group 350 Menschen an 17 Standorten in Deutschland, Österreich, Frankreich und der Schweiz, knapp die Hälfte der Mitarbeiter weist eine Behinderung körperlicher oder geistiger Art auf.

Geringe Arbeitslosigkeit motiviert Arbeitgeber zum Umdenken

Elmar Wagner, Chef der Agentur für Arbeit in Montabaur, moderierte den Abend. Er sagte: „Wir erleben immer wieder, dass es Berührungsängste bei dem Thema gibt. Viele Unternehmen zahlen lieber die Pflichtabgabe, als einen Behinderten einzustellen.“ Im Westerwaldkreis gebe es eine historisch niedrige Erwerbslosenquote – deshalb suchten viele Unternehmen händeringend Mitarbeiter, nicht nur Fach- sondern auch Hilfskräfte.

Das war auch bei Paul Cvilak so, der sich auf das recyceln und wiederverwerten ausgemusterter IT-Geräte spezialisiert hat. Durch Zufall kam er ins Gespräch mit einer Caritas-Einrichtung für Behinderte. Cvilak sagte: „Daten löschen ist eine sehr monotone Tätigkeit. Dafür ist nicht jeder geeignet. Anders in dieser Gruppe, die waren nach hunderten Arbeitsprozessen immer noch Feuer und Flamme und stolz auf ihre Arbeit. Diese Menschen wollen ihren Job machen! Sie haben Ehrgeiz! Es bringt nichts, dass man Leute einstellt aufgrund Gutmenschentums. Mitarbeiter müssen Leistung bringen können und zufrieden mit ihrer Arbeit sein.“ Hinzu komme die soziale Komponente für die Auftraggeber, wenn sie sehen, dass sie mit einem gemeinnützigen Unternehmen zusammenarbeiten.

Bundesverdienstkreuz für gewinnorientierten Gemeinnutzen

Cvilak hat später eine gemeinnützige Aktiengesellschaft gegründet, an der alle Mitarbeiter beteiligt sind, wenn auch manche nur mit einer minimalen Einlage. Für sein Geschäftsmodell hat der badische Unternehmer das Bundesverdienstkreuz bekommen.

Wie das mit der Gemeinnützigkeit und der Rentabilität des Unternehmens sei, wollte einer der Zuhörer wissen. Die Antwort: „Ja, wir wollen Gewinn erwirtschaften! Nur: Der Gewinn muss in der Firma bleiben!“ Dadurch genießt die AfB gGmbH steuerliche Vorteile.

Die Philosophie Cvilaks vertritt auch Martin Willoweit vom Integrationsfachdienst des Diakonischen Werks Westerwald. Er sagte: „Es geht nicht um Gemeinnützigkeit oder darum, etwas Gutes zu tun. Diese Menschen müssen auch eine Leistung erbringen. Sie wollen nicht aufgrund ihrer Behinderung in eine Rolle gedrängt werden, sondern ganz normal ihre Arbeit tun. Es gibt eine hohe Arbeitslosenquote bei den Behinderten, obwohl sie zum Teil hoch qualifiziert sind. Die Unternehmen scheuen auch manchmal die Zusammenarbeit mit den beteiligten Institutionen wie Arbeitsagentur und Integrationsdiensten.“ Allerdings kann Willuweit diese Zurückhaltung teilweise auch nachvollziehen. Selbstkritisch sagte er: „Manchmal ist bei der Einstellung behinderter Mitarbeiter die Landschaft der Leistungsträger für kleine Betriebe unüberschaubar. Jeder Fall ist anders und wird nach dem ganz konkreten Arbeitsplatz beurteilt. Es gibt keine einheitliche Checkliste, was bei der Einstellung behinderter Menschen zu beachten ist.“ Der Integrationsfachdienst stehe aber für jede Beratung gerne zur Verfügung.

Unterstützung auf dem Weg zur erfolgreichen Integration

Einen Rat gab Armin Gutwald von den Caritas-Werkstätten. Er sagte: „Wichtig ist die Begleitung der in einen Betrieb gehenden Behinderten auf längere Sicht, dann führt das auch zum Erfolg.“ Gutwald stellt in Gesprächen mit Unternehmern eine gewisse Offenheit fest. Vieles sei jetzt leichter, wo es auch bessere Möglichkeiten gebe, bei Nichtfunktionieren wieder einen Rückweg in die Behindertenwerkstatt zu gehen.

Paul Cliuk sagte vorausschauend: „Das Thema Inklusion wird in Zukunft an Bedeutung gewinnen. Die Unternehmen mit ethischer Verantwortung werden besser wahrgenommen werden.“ Elmar Wagner verwies auf die Tatsache, dass aktuell 214 schwerbehinderte Menschen im Westerwaldkreis in der Arbeitslosenstatistik auftauchen. Ein gutes Instrument für Betriebe sei auch die „unterstützte Beschäftigung“, die aber leider aufgrund geringer Bekanntheit kaum abgefragt werde.

Ein Unternehmer aus Hachenburg brachte das Gespräch auf die Schwierigkeit, behinderte Mitarbeiter bei Minderleistung wieder zu entlassen. Dem widersprach Martin Willuweit: „Richtig ist, dass das Integrationsamt einer Entlassung zustimmen muss. Über 70 Prozent der Anträge wird am Schreibtisch zugestimmt. In den anderen 30 Prozent wird nach Lösungen gesucht. Aber man muss Gründe haben. In den ersten sechs Monaten gilt auch kein Kündigungsschutz.“

Der badische Unternehmer Paul Cliuk stellte in Montabaur sein Geschäftsmodell vor, in dem zu gleichen Teilen behinderte und nicht behinderte Menschen beschäftigt werden. KER

Der badische Unternehmer Paul Cliuk stellte in Montabaur sein Geschäftsmodell vor, in dem zu gleichen Teilen behinderte und nicht behinderte Menschen beschäftigt werden. Fotos: KER

Viele interessierte Zuhörer aus der Wirtschaft waren zum Themenabend „Inklusive Unternehmen“ in die ADG Business School auf Schloss Montabaur gekommen. Veranstalter war das „Forum Wirtschaftsethik“ im Westerwaldkreis.

Viele interessierte Zuhörer aus der Wirtschaft waren zum Themenabend „Inklusive Unternehmen“ in die ADG Business School auf Schloss Montabaur gekommen. Veranstalter war das „Forum Wirtschaftsethik“ im Westerwaldkreis.

Landrat Achim Schwickert begrüßte die Teilnehmer des Forums Wirtschaftsethik im gläsernen Konferenzraum von Schloss Montabaur.

Landrat Achim Schwickert begrüßte die Teilnehmer des Forums Wirtschaftsethik im gläsernen Konferenzraum von Schloss Montabaur.

An der von Agentur-Chef Elmar Wagner geleiteten Podiumsdiskussion beteiligten sich der Unternehmer Paul Cliuk, Armin Gutwald (Caritas-Werkstätten), Martin Willuweit (Integrationsfachdienst) und Prof. Dr. Christian Kalhöfer von der ADG Business School (hier mit weiteren Vertretern der beteiligten Institutionen).

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