Linzer Forst beschert der Bunten Stadt am Rhein im nächsten Jahr ein rundes 6.000 Euro-Defizit
„Jedes Verkehrskonzept entspricht der Quadratur des Kreises“
Stadtrat diskutierte die Möglichkeiten eines Verkehrs- und Parkraumkonzeptes für die Altstadt
Linz. Keine Verbesserung seines Haushaltes kann der Linzer Stadtrat im kommenden Jahr aus Einkünften aus seinem Wald erwarten. Nach dem Forstwirtschaftsplan für das Haushaltsjahr muss er vielmehr laut Förster Thomas Tullius mit einem Defizit in Höhe von 6.390 Euro rechnen, da die Einnahmen aus dem Holzverkauf bei unveränderten Ausgaben erheblich geringer ausfallen werden als in den Vorjahren. „Begonnen hat das Jahr 2018 mit dem Orkantief ‚Burglind‘ unmittelbar nach dem Neujahrstag bis zum 3. Januar. Während dieser Zeit hatten wir schon 500 Festmeter Stammholz verloren, bevor dann auch noch das Sturmtief ‚Evi‘ am 18. Januar den Orkan ‚Friederike‘ herangeführte“, erinnerte der Förster. 2.500 Holz seien diesem Sturm im Norden von Rheinland-Pfalz zum Opfer gefallen, im Forstamt Dierdorf die Hälfte, teilweise sogar zwei Drittel des Jahreseinschlags. Zwar sei der Kreis Neuwied und damit auch der Linzer Wald nicht so betroffen gewesen wie etwa Puderbach, enorme Auswirkungen negativer Art auf den Holzmarkt müsse aber auch die Stadt hinnehmen.
Fichte stark geschwächt
„Damit aber nicht genug“, kam Thomas Tullius zu dem zweiten großem Problem. „Nur auf das Sommerhalbjahr bezogen war 2018 nach dem Rekordsommer 2003 das zweitwärmste seit Beginn der Wetteraufzeichnung. Von April bis Oktober gerechnet hatten wir aber absolute Spitzentemperaturen und das höchste Regendefizit zu verzeichnen gehabt“, hob er hervor. Vor allem die anhaltende Trockenheit habe viele Bäume im Kreis Neuwied geschwächt, ganz besonders die Fichte, die sich ohne ausreichende Wasserversorgung gegen ihren größten Feind, den achtzähnigen Fichtenborkenkäfer, der auch „Buchdrucker“ genannt wird, kaum wehren konnte, so der Revierförster. Ab dem Juli habe man an Fichten erste Schäden erkennen können, ja selbst Buchen hätten grünes Laub verloren. Neben den ausbleibenden Niederschlägen hätten der Windwurf bedingt durch die Sturmereignisse im Januar dem Borkenkäfer optimale Brutbedingungen geboten. Dieser pflanzt sich unter der Rinde der Fichten fort und bohrt sie dafür an. Normalerweise schütten gesunde Fichten an diesen Stellen Harz aus, um so den bis zu fünf Millimeter großen Parasiten zu vertreiben. Auf Grund der Trockenheit können die gestressten Bäume aber kaum Harz bilden, sodass die Käfer ungehindert ihre Eier in der Rinde ablegen können.
Gute Bedingungen für den Borkenkäfer
„Die Witterung hat zudem noch zu einer Trockenfäule geführt, so dass mehr Platz unter der Rinde war“, ergänzte Thomas Tullius. Die Larven der Käfer fressen sich dann kleine Gänge in das Holz und durchtrennen so die Bahnen, die den Baum bis zur Krone mit Nährstoffen versorgen. Die Rinde fällt von den Stämmen, die Nadeln vertrocknen und der Baum stirbt ab. Wegen der günstigen Bedingungen sind die Käfer dieses Jahr auch noch auf ganze vier Generationen gekommen, sodass der Totalschaden auf 17 Millionen Festmeter geschätzt wird. Insgesamt kann der volkswirtschaftliche Schaden auf über 700 Millionen Euro beziffert werden. „Hat China früher 96 Euro pro Festmeter bezahlt, so hat sich der Preis inzwischen halbiert, wobei der Windwurf zu Brennholzqualität geführt hat. Für das kommende Jahr haben wir noch keine Verträge anschließen können, wir sind aber auch noch bis Januar/Februar mit der Aufarbeitung beschäftigt. Eingeplant haben wir 60 Euro pro Festmeter“, so der Revierförster. Es sei aber fraglich, ob man diesen Preis erzielen könne. Auch wenn sie sich damit bei der übrigen Bevölkerung wohl kaum beliebt machen würden, Forstwirte und Waldbesitzer würden jetzt auf einen rundum verregneten Sommer 2019 hoffen, da diese Witterung und nicht etwa Frost dem Borkenkäfer zu schaffen mache. Zu schaffen macht den Ratsmitgliedern schon seit längerem das Verkehrs- und Parkraumkonzept für den Altstadtbereich, mit dem sie als Teil der Sanierungsmaßnahmen im Integrierten Städtebaulichen Entwicklungskonzept (ISEK) im August 2017 für 30.000 Euro die Planer des Büros „Stadt Land Plus“ aus Boppard beauftragt hatten. Nach einer Beratung in mehreren Gremien, Expertengesprächen und einer Einwohnerversammlung am 20. November in der Stadthalle wurde dem Stadtrat nun vom Planer Sebastian von Bredow in Grundzügen eine aktualisierte Fassung vorgestellt. „Wir stehen jedoch nicht unter so extremen Zeitdruck, dass wir uns dieses Jahr noch festlegen müssten”, gab Jürgen Pappendorf (CDU) zu bedenken. Dieser Ansicht stimmte der SPD-Fraktionsvorsitzende Dieter Lehmann nicht ganz zu. In dieser Sitzung werde nur beraten, bevor das Konzept am 19. Dezember wieder auf der Tagesordnung stehen würde, erklärte er.
Altstadt für den Binnenverkehr befahrbar halten
„Die Anwohner der Linzer Altstadt sind genervt. Parkplätze sind Mangelware, und immer wieder gebe es Autofahrer, von denen Verkehrsregeln bestenfalls als Vorschlag angesehen würden, so ihre Kritik. Nach Meinung der Anwohner wird zu schnell durch die engen, verwinkelten Gassen der historischen Altstadt, ja selbst gegen Einbahnstraßen gefahren“, so der Planer. Es gehe also darum, einerseits die Fußgängerzone zu stärken, gleichzeitig aber auch die Altstadt für den Binnenverkehr befahrbar zu halten. Parallel dazu soll die Neustraße von der Fußgängerzone gekappt werden, sodass sie verkehrsberuhigt mit Tempo 7 km/h genutzt werden kann. Da Verkehrszeichen nicht ausreichend beachtet würden, käme in der Altstadt das Prinzip „Share space“, eine Nutzung ohne Verkehrsregeln und -schilder, kaum in Betracht. Vielmehr müssten bauliche Abgrenzungen geschaffen werden, etwa in Form von Pollern. Uneinigkeit bestehe jedoch in der Bevölkerung, wer durch diese aufgehalten werden soll. „Einige plädieren für eine uneingeschränkte Zufahrt nur für Anwohner, andere für eine Berechtigung auch für Handwerker, Dienstleister, Taxen und Lieferdienste“, erklärte Sebastian von Bredow. Einige seien für eine Öffnung der Neustraße, andere nur gegen die der Achsen und Sackgassen, während für die Beibehaltung der kompletten Fußgängerzone plädieren würden. Der Rat stehe vor der Grundsatzfrage: Wie viele Fahrzeuge wollen wir in der Altstadt haben?“
Autofreie Altstadt?
Die Grenzziehung sei schwierig, zumal man den Wohn- und Arbeitsstandort nicht schwächen wolle und gleichzeitig als Stadt über keine direkten Sanktionsmöglichkeiten verfüge. Wenn man eine komplett autofreie Altstadt befürworten würde, käme man ohne Parkhäuser im Außenbereich nicht aus, schloss der Planer seinen Bericht.
„Zielsetzung ist, dass die Fußgängerzone nicht weiter ungeregelt befahren wird. Mit dem Verkehrskonzept nach dem Motto „so wenig wie möglich, so viel wie eben nötig“ werden wir es nicht allen recht machen können“, war sich Jürgen Pappendorf sicher. Anlieger hätten sicher andere Interessen als der Einzelhandel, er selber tue sich schwer, den richtigen Weg zu finden. Sicher sei er nur, dass Poller die einzige Möglichkeit der Begrenzung seien.
„Jedes Verkehrskonzept entspricht der Quadratur des Kreises angesichts der bestehenden Interessenkonflikte. Für meine Fraktion steht fest: Die Fußgängerzone muss im Kernbereich der Altstadt erhalten bleiben, auch wenn einige Bürger dagegen sind. Dafür ist die Pollerlösung zielführend auch wenn sie nicht ganz einfach umzusetzen und auch nicht sehr preiswert ist“, betonte Dieter Lehmann. Hinsichtlich der Regelung, wer diese Barriere passieren dürfe, müsse man kompromissbereit vorgehen. Die Neustraße als Einbahnstraße über den Hallborn oder die Klosterstraße befahrbar zu machen, solle den Wohnwert in der Straße erhöhen, indem man bis an die Häuser heranfahren kann. „Wenn die Mehrheit der Leute das nicht so sieht, sollten wir die Finger davon lassen“, so der Sozialdemokrat. Parkraum sei angesichts freier Stellplätze ausreichend vorhanden. Deshalb sollte sich der Rat eine Bewirtschaftung der städtischen Parkplätze sehr genau überlegen. Immerhin habe man vor Jahren beschlossen, Parkuhren abzubauen, erinnerte Dieter Lehmann.
Kostenfreies Parken erachtete auch Bruno Hoppen (CDU) als außerordentlich wichtig. „Internet und Versandhandel bedrängen den Einzelhandel so sehr, dass wir ihn nicht auch noch durch Parkgebühren belasten sollten“, erklärte er. Zwar müsse man nicht vor jedes Geschäft zwischen Burgplatz und Buttermarkt vorfahren können, eine Zufahrt für Anlieger zu ihren Wohnungen sollte jedoch stets gegeben sein. „Ich könnte mir allerdings auch eine je nach Jahreszeit oder Tageszeit unterschiedlich Befahrbarkeit der Fußgängerzone vorstellen“, ergänzte Bruno Hoppen.
Linz für Senioren nicht mehr sicher?
Eine Bewirtschaftung des Parkraums würde nicht automatisch Parkgebühren bedeuten, möglich sei ja auch eine zeitliche Begrenzung durch eine Parkscheibenregelung, so Stadtbürgermeister Hans-Georg Faust, nachdem Heiko Martin (FWG) angeregt hatte, hinsichtlich der Pollerlösung die 900 Autobesitzer der Fußgängerzone per Fragebogen zu Wort kommen zu lassen, eine Befragung, die auf diesen Personenkreis beschränkt laut Dieter Lehmann jedoch nicht repräsentativ genug entsprechend nicht ausreichen wäre, so der Sozialdemokrat. Anja Birrenbach (Bündnis 90/Die Grünen) hob hervor, dass Linz „die Fußgängerzone in funktionierender Weise“ benötige. Während Roland Thees in dem Konzept den Aspekt „Mehrgenerationenstadt“ vermisste und damit eine Vision, wohin sich die Stadt in fünf bis sieben Jahren entwickele, monierte Brigitte Hömig vor allem, dass Linz für Senioren nicht mehr sicher sei. Man darf also gespannt sein, wie die Beratungen Mitte Dezember auf der letzten Stadtratssitzung des Jahres ausgehen werden.
DL
