„Mitbürger unter Vorbehalt“
Eine Ausstellung in der Villa Heros erinnert noch bis 27. Januar an jüdisches Leben in Remagen
Remagen. „Mitbürger unter Vorbehalt - Remagener Juden zwischen Anerkennung und Vernichtung“, der Titel allein wirft viele Fragen auf. Um Antwort zu bekommen, bedarf es Zeit. Doch diese Zeit einzusetzen, lohnt sich. In der „Villa Heros“, hinter dem Remagener Rathaus dokumentiert Rudolf Menacher Geschichte pur. Seine Dokumentation über Rassismus und Völkermord, über die unseligste Zeit deutscher Geschichte, aber auch über Menschlichkeit und Miteinander, lässt den Betrachter tief eintauchen in den Versuch zu verstehen, was einst in Deutschland geschehen ist. Der 9. November 1938 steht im Mittelpunkt der Ausstellung, die sogenannte Reichspogromnacht, die auch in Remagen ihre tief sitzenden Spuren hinterlassen hat.
Seit Jahren beschäftigt sich der Sinziger Gymnasiallehrer mit der jüdischen Vergangenheit. Er ist Experte auf dem Gebiet geworden. Anders hätte diese Ausstellung auch nicht zusammengetragen werden können. Denn am Anfang war ein Schemel. Ein Hocker und ein Davidstern sind alles, was von der Synagoge, die einst am alten Postplatz stand, übrig geblieben sind. 29 Fotos von Personen, fünf von Gebäuden und ein paar Dokumente standen Menacher zur Verfügung, als er vor zwei Jahren in das Projekt einstieg. Der „Lokale Aktionsplan“ (LAP), gefördert vom Bundesministerium für Familie und Senioren machte es unter dem Titel „Toleranz fördern - Kompetenz stärken“ möglich, ein solches Projekt zu stemmen. Zahlreiche Helfer konnte der Hobbyhistoriker gewinnen, darunter Kreisarchivar Leonhard Janta und Stadtarchivar Kurt Kleemann. Die Pfarrgemeinden und der Begleitausschuss des LAP standen hinter der Ausstellung, Schüler und Schulen bringen sich in die Arbeit ein. 75 Jahre nach den Pogromen ist so ein Werk entstanden, das vielfältig über Leben und Kultur der Menschen jüdischen Glaubens über eine breite Zeitschiene hinweg informiert. Einzelschicksale werden aufgebröselt, Namen aus der Anonymität ins Licht der Öffentlichkeit gerückt. Bei der Ausstellungseröffnung gab es ein Wiedersehen mit Jugendbildern, so bei Gisela Fuchs, die sich auf dem Foto von Nonnenwerth erkannte. Sofort kam sie mit Lehrern des Gymnasiums ins Gespräch.
„Wir wollen mit der Ausstellung zum Ausdruck bringen, dass Juden bis 1933 lange Zeit unbehelligt in Remagen gelebt haben. Dass sie Anerkennung, ja sogar in einzelnen Fällen die Hochachtung ihrer christlichen Mitbürger genossen, ehe sie durch die nationalsozialistischen Judenhasser ausgegrenzt, wirtschaftlich ruiniert und schließlich deportiert und ermordet wurden“, formulierte Menacher in seiner Einführung. Einige Zeugen der Vergangenheit konnte Menacher auftreiben. Dort steht der Hocker, den eine alte Frau auf dem Sterbebett an Remagen zurück gab. Als kleines Mädchen hatte sie ihn in der Werkstatt ihres Vaters stehen sehen. Der Synagogendiener hatte ihn zum Leimen gebracht. So überstand er den Brand in der Synagoge. Großformatig ist das prächtige Gebäude aufgezogen an dem Platz, an dem es einst stand. Die Geschichten der Familien Cahn und Fassbender sind nachzuvollziehen. Den verzweifelten Kampf ums Überleben, die Hilfe bei Versteckaktionen mit Todesfolge zeichnet Menacher auf. Doch auch die Geschichte der Juden bis ins Mittelalter kommt zum Ausdruck, das Leben der Juden im Kreis Ahrweiler bis hin zur Meldung: „Es gibt kein jüdisches Leben mehr.“
Zahlreiche Menschen haben ihren Teil zur Ausstellung beigetragen. So Gisela Ries, die das Leben des Lederwarenhändlers Moritz Fassbender nachempfand, Ute Metternich, die seit 15 Jahren auf den Spuren der jüdischen Bürger von Oberwinter unterwegs ist, Michael Schmitz mit den „Zeugnissen jüdischen Lebens“, oder Hildegard Funk und Willy Weis, die Zeitgeschichte in Kripp erforschten, um nur einige zu nennen.
Beeindruckend bei der Ausstellung auch die Beiträge der Remagener Realschüler. Feste, Sitten und Gebräuche sowie Gedanken zum Leben der Ermordeten in Bild und Text haben sie sich zur Aufgabe gemacht. Beeindruckend auch, wie diese Schüler ergriffene Menschen durch die Ausstellung führen. Zeit nehmen muss sich der Betrachter für diese ganz besondere Ausstellung. Einen besonderen Dank schickte Menacher in Richtung seiner Frau Agnes, die die Organisation der Ausstellung und des Rahmenprogramms gestemmt habe.
Das Rahmenprogramm findet sich im Flyer zur Ausstellung. Diese ist bis zum 27. Januar in der „Villa Heros“ zu sehen, Freitag bis Sonntag von 15 bis 18 Uhr. Die Ausstellung ist ein Projekt im Rahmen des LAP „Toleranz fördern - Kompetenz stärken“. Projektträger ist die katholische Pfarrgemeinschaft Remagen-Kripp.
Rudolf Menacher mit einem Gast in der Ausstellung.
