Neujahrsempfang des Rhein-Lahn-Kreises im Limeskastell Pohl
Professor Gerd Bosbach referiert über „Lügen mit Zahlen“
Rhein-Lahn-Kreis. Rund 270 Gäste waren am vergangenen Montag der Einladung von Landrat Frank Puchtler zum Neujahrsempfang des Rhein-Lahn-Kreises ins Limeskastel in Pohl gefolgt. Der Landrat nutzt mit der persönlichen Einladung traditionell die Gelegenheit, sich bei Menschen zu bedanken, die im abgelaufenen Jahr Besonderes für den Rhein-Lahn-Kreis geleistet haben. Im festlichen Rahmen, musikalisch untermalt vom Posaunenchor Dachsenhausen, gab es neben Dankesworten und dem gleichermaßen interessanten und unterhaltsamen Referenten Professor Gerd Bosbach, reichlich Gelegenheit zu „smalltalk“ mit Menschen aus der Region.
Landrat Frank Puchtler dankte in seiner Begrüßungsrede zahlreichen Menschen aus dem Kreis persönlich. Besondere Erwähnung fanden die Helfer der Flüchtlingseinrichtung in der Diezer Freiherr-vom-Stein-Kaserne, aber auch die Mitarbeiter der Kreisverwaltung in Bad Ems. Puchtler stellte aber auch die Besonderheiten des Kreises hervor, die die Region seiner Einschätzung so liebens- und lebenswert machen, und betonte, wie wichtig es in der ländlichen Region ist, sich auf seine Stärken zu konzentrieren und langfristig dafür zu sorgen, dass junge Menschen nicht in Ballungszentren abwandern. Kurz fasste er die Herausforderungen an die Kreispolitik zusammen, die sich im einstimmig verabschiedeten Kreishaushalt niedergeschlagen hatten, ohne dabei allzu lange auf Zahlen einzugehen - eventuell, weil er wusste, was die Gäste mit dem Referenten des Abends erwartete.
Professor Gerd Bosbach von der Fachhochschule Koblenz stimmte mit seinem gleichermaßen interessanten und unterhaltsamen Vortrag unter dem Titel „Lügen mit Zahlen“ so manchen Zuhörer nachdenklich. Laut Bosbach gehen jahrzehntelanger Zwang zum Spinatkonsum beim Nachwuchs genauso auf Fehler (positiv formuliert) beziehungsweise Lügen (negativer dargestellt) und falsche Expertengläubigkeit zurück, wie etwa utopische Besucherzahlen im Kölner Straßenkarneval. Ersteres geht auf eine lange Zeit nicht gegengeprüfte Expertenaussage bezüglich des Eisengehaltes zurück, Zweiteres lässt sich mit simpler Mathematik als Wunschdenken entlarven. Kurzeitig ruhig im Saal wurde es, als sich Bosbach seinem Lieblingsthema „lügende Politiker“ zuwandte. Glücklicherweise bekam dabei nicht nur eine politische Farbe „ihr Fett ab“. Bosbach zeigte nachvollziehbar auf, dass so manche groß verkündete politische Wohltat bei näherem Hinsehen wie eine Seifenblase zerplatzt, räumte aber auch mit dem „Gespenst Demografie“ auf. Einleuchtend belegte er, dass die oftmals dramatisch dargestellte Überalterung eine Frage falscher Zahlen, fehlender Relationen oder langer Zeiträume ist. „Betrachtet man die Zahl, die einem mit einem 50-Jahres-Zeitraum vor den Kopf gehauen wird einmal auf jährlicher Basis, wirkt sie gar nicht mehr so erschreckend“, so Bosbach. Erschreckend fanden allerdings viele Zuhörer, dass die Einwände Bosbachs an entscheidender Stelle, dem Bundesamt für Statistik, trotz konkret nachgewiesener Fehler, angeblich auf taube Ohren stoßen. Innenminister Roger Lewentz, ebenfalls Gast des Abends, jedenfalls gab Bosbachs Referat „einen interessanten Impuls, um sich mal wieder ins Gedächtnis zu rufen, dass Zahlen nicht alles sind und dass man auch Expertenmeinungen immer wieder hinterfragen sollte“.
Reichlich Gelegenheit zu Gesprächen gab es im Anschluss an den Vortrag bei Speisen und erlesenen Weinen aus der Region.
Willi Willig
Professor Gerd Bosbach referierte zum Thema „Lügen mit Zahlen“. Dabei wurde auch so mancher Politiker überführt.
