Kurparkanlagen Bad Neuenahr: Offener Brief an die Stadtverwaltung und den Stadtrat von Bad Neuenahr-Ahrweiler
Verlust und Neubeginn
Nachdem die historischen Bauten im Kurpark abgerissen wurden, plädieren Fachleute für einen
offenen Architektenwettbewerb – Historische Bedeutung und Wirkung für die Stadt sollen berücksichtigt werden
Bad Neuenahr. Die Neugestaltung der Kuranlagen ist für die Zukunft Bad Neuenahrs von zentraler Bedeutung. Sie wird von uns und unseren Organisationen, die zumeist bundesweit für Baukultur, Denkmalschutz und Denkmalpflege aktiv sind, aufmerksam verfolgt. Dabei gibt der derzeitige Zustand Anlass zu erheblicher Besorgnis. Wer heute den Kurpark betritt, sieht sich anstelle der jetzt vollständig abgerissenen historisch wertvollen Bauten aus der frühen Moderne (Architekt Hermann Weiser, Wettbewerb 1927, Bauzeit 1934-38) einer Brache gegenüber.
Nach der übergangsweisen Nutzung der Fläche für die Landesgartenschau steht erst im Herbst 2022 eine dauerhafte Neubebauung an. Wir plädieren dafür, diese Zeit für eine überzeugende Neuplanung zu nutzen.
Angesichts der Stellung von Bad Neuenahr als Kurort von nationaler und internationaler Bedeutung und angesichts der städtebaulichen und kulturhistorischen Bedeutung des Neubaus kann aus unserer Sicht nur ein Architekturwettbewerb, der über die beiden bereits vorliegenden Neubauentwürfe hinausgeht, angemessene Beiträge zu einer Neuordnung und Neubebauung des Geländes liefern. Dabei ist auch die wichtige Wechselbeziehung zwischen der Architektur und den Parkanlagen zu thematisieren. Wir fordern Rat und Verwaltung Bad Neuenahrs dazu auf, diesen Weg zu beschreiten. Der Wunsch der Stadt, zu einer Revitalisierung und Neugestaltung verschiedener für das städtische und touristische Leben wichtiger Angebote zu kommen, ist aus unserer Sicht nachvollziehbar. Für das Leben der Bürgerinnen und Bürger von Bad Neuenahr wie auch für Gäste, die Bad Neuenahr aus unterschiedlichen Gründen besuchen, ist ein zeitgemäßes Angebot von großer Bedeutung.
Dass aber die Kurparkbauten und die ihnen zugrundeliegenden gestalterischen Konzeptionen an entscheidender Stelle überhaupt keine Rolle gespielt haben, ist aus unserer Sicht völlig unverständlich – zumal in Zeiten, in denen denkmalgeschützte Bauten ganz selbstverständlich als ein zentraler Baustein für die organische und identitätsstiftende Weiterentwicklung unserer Städte angesehen und wertgeschätzt werden. Denkmäler sind folglich für die Zukunft unserer Städte unverzichtbar. Der Verweis auf Städte wie Bad Nauheim und Bad Ems und deren sensiblen Umgang mit ihrem Bau-Erbe erscheint daher angebracht.
Die Stadt Bad Neuenahr-Ahrweiler plant auf dem Grund und Boden des abgerissenen Kulturdenkmals einen Neubau, der verschiedene städtische und touristische Funktionen vereinen soll. Der derzeitig diskutierte, insgesamt qualitätvolle Entwurf des Architekturbüros Pilhatsch (Bonn) reflektiert zwar die spezifischen funktionalen Vorgaben für Bibliothek, Konzertsaal und touristische Information, verzichtet jedoch auf die Gesamtschau des Ensembles von Gebäude und Parklandschaft, was offensichtlich von der Stadt nicht beanstandet wird.
Die Einheit von Architektur und Parklandschaft bzw. ihre wechselseitige Beziehung aber war die bezwingende Idee der vormaligen Bauten von Herman Weiser und verdient auch in den Neubauten eine Revitalisierung.
Der Verlust der Kuranlagen bleibt aus unserer Sicht in höchstem Maße bedauerlich.
Die herausragende und wertvolle Bausubstanz, die aus unserer Sicht im Rahmen einer eklatanten Fehlentscheidung aufgegeben wurde, ist nicht zu ersetzen. Jede Nachfolgebebauung ist die zweitbeste Lösung.
Diese sollte es aber auch sein. Daher ist ein geeignet formulierter Wettbewerb, der neben funktionaler und gestalterischer Qualität auch sensiblen Umgang mit der Geschichte und dem städtebaulichen Kontext fordert, aus unserer Sicht der einzige Weg, um langfristig zu einer von allen mitgetragenen Neugestaltung zu kommen. Die Stadt Bad Neuenahr sollte sich dieses Instrument und die national wie international überaus zahlreichen in diesem Bereich profilierten Architekturbüros zu Nutze machen. Der aktuell vorliegende und von der Stadt favorisierte Entwurf des Architekturbüros Pilhatsch (Bonn) soll sich selbstverständlich in diesem offenen und fairen Verfahren zur Diskussion stellen dürfen.
Erneut erklären wir unsere Bereitschaft, an der Neugestaltung der Kurparkliegenschaften mitzuwirken und bieten der Stadt – ungeachtet der vergangenen Auseinandersetzungen um den Erhalt der Bauten von Hermann Weiser – unsere volle Unterstützung an.
Diesen Brief zeichnen:
für den Rheinischen Verein für Denkmalpflege und Landschaftsschutz Prof. Dr. Matthias Müller, Universität Mainz, Stellv. Vorsitzender und Dr. Ulrich Stevens, Brühl, Stellv. Landeskonservator a.D., Vorstandsmitglied und Heiner Eckoldt, Bonn, Vorsitzender des Regionalverbands Bonn / Rhein-Sieg / Ahr; für den Bund Deutscher Architekten Landesverband Rheinland-Pfalz Prof. Marcus Rommel, Stv. Landesvorsitzender; für die Deutsche Stiftung Denkmalschutz Dr. Steffen Skudelny, Berlin, Geschäftsführender Vorstand; für ICOMOS Deutschland Prof. Dr. Jörg Haspel, Berlin, Präsident; für den Bund Heimat und Umwelt in Deutschland Dr. Herlind Gundelach, Berlin, Senatorin a.D., Präsidentin; für Europa Nostra Deutschland Alexander Fürst zu Sayn-Wittgenstein-Sayn, Schloss Sayn; für den Verband Deutscher Kunsthistoriker Prof. Dr. Kilian Heck, Greifswald, 1. Vorsitzender und Dr. Martin Bredenbeck, Koblenz, Vorstandsmitglied für den Bereich Denkmalpflege; für die Deutsche Gesellschaft für Gartenkunst und Landschaftskultur (DGGL) Dr. Rita Hombach, Köln, Vorsitzende des Landesverbands Rheinland; für den Arbeitskreis Historische Gärten in der DGGL Heino Grunert, Hamburg, Stellv. Vorsitzender für die Denkmalpflege an den Hochschulen und Prof. Dr. Andreas Denk, Technische Hochschule Köln und Prof. Dr. Hans-Rudolf Meier, Bauhaus-Universität Weimar; aus dem Lenkungskreis „Bauhaus 100 im Westen“ als Vertreter des Rheinlands Prof. Dr. Thomas Schleper, Köln; für das Institut „Moderne im Rheinland“ an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf Prof. Dr. Gertrude Cepl-Kaufmann und Dr. Jasmin Grande
