Politik | 18.01.2023

Ulrike Kirchner, Landschaftsarchitektin und Professorin an der Hochschule Koblenz, ist seit März 2022 Geschäftsführerin des Kompetenznetzwerks Wissenschaft für den Wiederaufbau. Mit ihr sprach BLICK aktuell über den Neubau von Brücken im Ahrtal und die Schaffung von Retentionsflächen zur Hochwasservorsorge.

Wiederaufbau: Langsame Lösungen sind manchmal die besseren

Die B9-Brücke in Sinzig.  Foto: ROB

Kreis Ahrweiler. Ulrike Kirchner, Landschaftsarchitektin und Professorin an der Hochschule Koblenz, ist seit März 2022 Geschäftsführerin des Kompetenznetzwerks Wissenschaft für den Wiederaufbau – einer Initiative des Landes Rheinland-Pfalz in Zusammenarbeit mit seinen Hochschulen. Mit ihr sprach BLICK aktuell über den Neubau von Brücken im Ahrtal und die Schaffung von Retentionsflächen zur Hochwasservorsorge.

Das Kompetenznetzwerk „Wissenschaft für den Wiederaufbau“ will einen Beitrag dazu leisten, kritische Infrastrukturen sicherer wiederaufzubauen und dabei helfen, Industrie, Wirtschaft und private Haushalte krisenfest zu machen. Das ist ihr Ziel. Wie theorielastig, wie praxisrelevant ist dabei ihr Vorgehen?

Das Kompetenznetzwerk hat sich grundsätzlich im Sinne der „angepassten Wissenschaft“ zum Ziel gesetzt, in den Flutregionen, insbesondere im Ahrtal praxisbezogen zu agieren. Dabei stehen wir mit verschiedenen Wissenschaftseinrichtungen und Forschungsprojekten des Bundes im engen Austausch. Mit unserem Handeln, unseren Workshops oder Vorträgen sowie der Mitwirkung bei der Entwicklung des Hochwasserschutzes, versuchen wir die vor Ort anstehenden Themen und Fragestellungen aufzugreifen und mögliche Lösungsansätze so zu entwickeln, dass natürlich auch die Ansätze, Erfahrungen und Blickwinkel der Wissenschaftstheorie bei der Suche nach neuen Lösungen einfließen. Dabei geht es immer um die Suche nach der besten Lösung.

In den ersten Monaten stand das Thema Neubau der Brücken im Ahrtal im Fokus. Wie weit sind ihre Überlegungen, wie hilfreich sind diese für die Neukonzeption der Bauwerke?

Dieser erste von uns initiierte Workshop war, meinem Eindruck nach, ein wesentlicher Meilenstein, denn er hat die Menschen, die sich in unterschiedlichen Rollen, unterschiedlicher Zuständigkeit und Kompetenz mit den Fragen hochwasserresilienter Brückenlösungen befassen, zusammengebracht. Alleine das war zu dem Zeitpunkt für viele ein großer Gewinn, für die Ingenieurinnen und Ingenieure ebenso wie für die Ortsbürgermeister. Nicht jeder muss beim gleichen Thema von null anfangen. Der Ruf nach Koordination der Maßnahmen und einer Gesamtschau war groß.

Und wie fassen sie das Ergebnis zusammen?

Erarbeitet wurden generelle Lösungen für die neu zu errichtenden Brücken: Erforderlich sind strömungsoptimierte Konstruktionen mit maximalem Querschnitt für größtmögliche Durchflüsse. Auf Pfeiler sollte soweit möglich verzichtet werden. Wo dies nicht geht, sind sie schlank auszubilden. Widerlager sollten keine senkrecht zum Fluss gerichteten Ansichtsflächen aufweisen, um den Durchfluss nicht einzuengen. Künftige Brücken sollen also sowohl den konstruktiven als auch den hydraulischen Zielen gerecht werden und gleichzeitig Spielräume für ortsgerechte gestalterische Ausbildungen zulassen. Mein Eindruck ist, dass diese Zielformulierungen jetzt für das weitere Handeln Gültigkeit haben.

Ein Architektur- und ein Ingenieurbüro aus Düsseldorf wurden als Arbeitsgemeinschaft mit Fragen der Brückengestaltung beauftragt. Ist das nicht eher ein nachrangiges Thema?

Ein klares Nein, denn das Ahrtal war von einem sehr besonderen Erscheinungsbild geprägt, das die Qualität des Erlebens der Orte und der Landschaft auch durch seine vielen Brückenbauwerke beeinflusst hat. Was war, ist in weiten Teilen nicht einfach wieder so herzustellen. Aber für positive Eindrücke und die Wahrnehmung von Besonderheiten, von Identitäten können wir durch Gestaltqualität sorgen. Das technische Bauwerk alleine reicht nicht. Die Einbindung in den Landschaftsraum, eine wiedererkennbare Gestaltungslinie in Materialität, Form und Farbgebung werden das Ahrtal wieder Jahrzehnte prägen. Hierzu trägt ein integriertes Entwerfen im Sinne einer Einheit von Funktion und schlüssiger Form bei.

Bei einem weiteren Workshop in Dümpelfeld haben Sie sich jüngst mit der Schaffung von Retentionsflächen zur Hochwasservorsorge beschäftigt. Gibt es eine Kernaussage zum Thema Retention nach diesem Workshop?

Bei der Diskussion, ob Retention besser in Form von technischem Rückhalt, das heißt Rückhaltebecken bis Talsperren, Kanäle oder Ähnliches oder über die Fläche zum Beispiel durch überflutbare Rückhalteräume, durch Rückhalt im Wald, in Wirtschaftsräumen bis hin zu Siedlungsräumen erfolgen soll, gab es eine klare Aussage: Wir brauchen nicht das eine oder das andere, sondern wir brauchen beides! Es sind große Wassermengen zurückzuhalten, und entsprechend große Pufferpotenziale benötigen wir. Dabei werden unterschiedliche Lösungen zum Rückhalt an vielen Orten erforderlich. Rückhaltemöglichkeiten zu schaffen, tangiert die Landnutzung, die Verfügbarkeit von Flächen oder die Optimierung von Regenrückhalt in den Siedlungsräumen, zum Beispiel durch multicodierte Flächen (Flächen, die viele verschiedene Interessen auf kleinem Raum vereinen, Red.).

Gibt es so etwas wie ein „Best-Practice-Beispiel“?

Beeindruckt waren die Teilnehmer vom Bericht des Bürgermeisters der Stadt Simbach in Bayern. Er berichtete von der Strategie der Stadt, dem Fluss mehr Raum zu geben. Dies war die Reaktion auf die große Zerstörung durch das Hochwasser des Simbachs, das Simbach in 2016 erleben musste. Sehr eindrucksvoll wurden wir darauf hingewiesen, dass es Geduld für den Wiederaufbau braucht. Nach sechs Jahren liegen jetzt die Plangenehmigungen vor und man rechnet mit weiteren sechs Jahren, bis diese innerstädtischen Maßnahmen fertiggestellt sind, um dem Simbach mehr Raum zu geben. Bewundert wurde nach dem Vortrag auch, dass die Gemeinde sich entschloss, durch Kauf und Abbruch von Gebäuden zu ermöglichen, dem Fluss künftig mehr Raum zu geben.

Wo sehen Sie weitere Betätigungsfelder für ihr Netzwerk?

Wir haben viele Themen weiter auf der Agenda: Mit den Retentionsräumen werden wir uns sicher mindestens ein weiteres Mal befassen. Aber auch eine Weiterentwicklung in Form von Workshops erfordern unseres Erachtens auch die Themen zukunftsfähiger Energie- oder Mobilitätskonzepte. Für beides gibt es inzwischen punktuelle oder sektorale Lösungen. Ein Weiterentwickeln im Sinne eines strategischen und auf mehr Resilienz ausgerichteten Gesamtansatzes erscheint aber noch erforderlich.

Ein weiteres Thema, das uns immer wieder begegnet, ist zunehmend die Frage nach der Gesamtkoordination oder auch einer gesamten Strategie, einer Art Entwicklungs- oder Masterplan. Wo will die Ahrregion hin, wo sieht man sich in 2040, 2050? Wer verfolgt die weitergehenden Zukunftsthemen der ländlichen Region, die nicht mit dem reinen Wiederaufbau gelöst werden können? Welche Motoren bräuchte es hierfür? Auch zu dieser Fragestellung sind wir mit dem Landkreis Ahrweiler im Gespräch.

18 Monate sind seit der Naturkatastrophe vom Juli 2021 vergangen. Wie läuft der Wiederaufbau aus ihrer Sicht?

Ich sehe und bewundere die Menschen, ihren Mut, ihre Ausdauer und ihr Engagement. Sie haben sehr viel durchgemacht, und ich verstehe, dass man gerne alles schnell wieder „schön“ hätte, denn schließlich geht es ja auch um jedes einzelne Leben, um die Umstände und um das Zuhause.

Und trotzdem muss ich zum Teil an die Geduld appellieren, weil manchmal die langsameren Lösungen vielleicht die langfristig besseren sind. Und das ist unsere planende Aufgabe, Lebensräume zu schützen, sie perspektivisch zu sichern, resilient, das heißt weniger verwundbar gegenüber zunehmenden Gefahren- und Naturkatastrophen zu machen. Die Themen sind dabei extrem komplex. Es gibt keinen fertigen Plan in der Schublade, sondern für fast jede Entscheidung sind neue Lösungen zu entwickeln. Hierbei ist es besonders wichtig, die unterschiedlichen Interessen und Sichtweisen zu Wort kommen zu lassen und Kompromisse zu finden.

Aber wir sind auch schon gut vorangekommen, manches im Hinblick auf den Wiederaufbau privater Vorhaben hat sich besser eingespielt, und AkteurInnen auf der organisatorischen, strukturellen Ebene arbeiten kooperativer, vernetzter miteinander. Daraus kann etwas Gutes werden, wenn an Zielen und Lösungen konstruktiv und im Austausch gearbeitet wird. Ein bisschen im Sinne eines großen Plans, eben im Sinne einer Zukunftsregion.

ROB

Die B9-Brücke in Sinzig. Foto: ROB

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