Politik | 03.12.2025

Unternehmenssprecher: „ Auch mit deutlichen Personalanpassungen wird der neue Standort kein positives Ergebnis erwirtschaften

ZF Ahrweiler: Langfristige Perspektive am neuen Standort Niederzissen fraglich

Das ZF-Werk in der Max-Planck-Straße wurde bei der Flutkatastrophe schwer beschädigt.  Foto: ROB

Ahrweiler/Niederzissen. Vor dem Hintergrund der aktuellen Marktsituation hat der ZF-Konzern eine Neubewertung des Werks Ahrweiler und des geplanten Ersatzstandorts in Niederzissen vorgenommen. Dieser soll aufgrund der Flutgefahr in Ahrweiler im Jahr 2026 bezogen werden. Seit der Umzugsentscheidung haben sich die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen der Automobilindustrie jedoch gravierend geändert. Vor allem der starke Einbruch der europäischen Fahrzeugproduktion belastet die Branche. Unter diesen Voraussetzungen hat bereits das aktuelle Werk Ahrweiler, in dem aktuell rund 200 Mitarbeitende beschäftigt sind, deutliche Überkapazitäten und produziert zu deutlich höheren Kosten als geplant. Der neue Standort in Niederzissen wird ebenfalls selbst bei stark reduzierter Belegschaft nicht wettbewerbsfähig sein. Der anhaltend schwache Automobilmarkt wie auch die geo- und handelspolitischen Unsicherheiten – etwa US-Importzölle oder Exportbeschränkungen aus China – haben die Lage für die Automobilzuliefererindustrie insgesamt und speziell für ZF in jüngster Vergangenheit noch einmal deutlich verschärft. Vor allem die europäische Pkw-Produktion ist davon betroffen. Hier werden im Jahr 2025 voraussichtlich rund 30 Prozent weniger Pkw und leichte Nutzfahrzeuge (unter 6 Tonnen) produziert als im Spitzenjahr 2018.

Das aktuelle Produktionsniveau befindet sich in etwa auf dem des Jahres 1997 und liegt noch unter dem des Corona-Jahres 2020. Um diesen Nachfragerückgang auszugleichen, hat ZF im Werk Ahrweiler bereits seit 2024 Flexibilisierungsmaßnahmen wie Kurzarbeit genutzt und teilweise seine Mitarbeiter an anderen ZF-Standorten eingesetzt. Doch aufgrund der weiter rückläufigen Nachfrage besteht eine wachsende Überkapazität im Maschinenpark und bei der Belegschaft. Neben den beschriebenen Rahmenbedingungen ist das Werk in spezieller Weise von den wirtschaftlichen Verwerfungen betroffen. Die hier produzierten Dämpferventile sind wichtiger Baustein eines semiaktiven Dämpfungssystems, das fast ausschließlich als Sonderausstattung in Fahrzeuge kommt. Die allgemeine wirtschaftliche Unsicherheit und die Verteuerung von Neuwagen der letzten Jahre haben jedoch dazu geführt, dass die ohnehin schrumpfende Gruppe an Fahrzeugkäufern immer öfter auf Sonderausstattungen verzichtet. Eine verstärkte Belieferung außereuropäischer Märkte von Deutschland aus ist ebenfalls nicht möglich, da das Produkt hier aufgrund der Kostenstruktur nicht wettbewerbsfähig angeboten werden kann.

Unter diesen neuen Realitäten muss die Situation des Werks Ahrweiler und die im Jahr 2023 getroffene Entscheidung des Umzugs nach Niederzissen neu bewertet werden. Es ist abzusehen, dass der Standort Niederzissen in dem bisher angedachten Umfang selbst bei stark reduzierter Belegschaft vom ersten Tag an deutliche Verluste schreiben würde. Er könnte nur durch substanzielle Quersubventionen anderer Werke in Deutschland und Europa aufrechterhalten werden, die alle selbst an ihrer Wettbewerbsfähigkeit arbeiten. Eine langfristige Zukunft des Werks ist daher fraglich.

In den vergangenen Wochen haben Betriebsrat, IG Metall und Vertreter der Arbeitgeberseite intensive Gespräche über mögliche Perspektiven für das Werk Ahrweiler/Niederzissen geführt und gemeinsam die Wettbewerbsfähigkeit des Standorts umfassend bewertet. Die Mitarbeitenden waren über diesen Prozess informiert und aktiv dazu eingeladen, eigene Vorschläge zur Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit einzubringen. Trotz der gemeinsamen Anstrengungen besteht jedoch weiterhin eine Lücke zur notwendigen Ziel-Rentabilität des Werks. Arbeitgeber- und Arbeitnehmervertreter stehen nun gemeinsam in der Verantwortung, sämtliche Optionen zur Zukunft des Werks sorgfältig zu prüfen. Dazu gehört die Analyse, ob der Standort durch weitere Produkte stärker ausgelastet werden kann und ob er dadurch die erforderliche Profitabilität erreicht. Gleichzeitig wird die ursprünglich geplante Verlagerung nach Niederzissen hinterfragt. Insbesondere wird geprüft, ob ein neuer Nutzer für das Gebäude gefunden werden kann – idealerweise ein Unternehmen, welches das gesamte Werk einschließlich der Belegschaft übernimmt und damit eine nachhaltige Perspektive für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bietet. Ziel ist es, im ersten Halbjahr 2026 eine tragfähige Entscheidung zu treffen „Leider ist das Werk unter den veränderten Marktbedingungen nicht wettbewerbsfähig“, so Dr. Peter Holdmann. „In der wirtschaftlich herausfordernden Situation, in der sich ZF aktuell befindet, muss das Unternehmen konsequent reagieren und darf auch vor unpopulären Entscheidungen nicht zurückschrecken. Wir werden nun die Optionen mit den Arbeitnehmervertretern erörtern und haben dabei selbstverständlich die Interessen der Mitarbeiter im Blick.“

Hintergrund

ZF hat sich nach der Flutkatastrophe im Ahrtal (Juli 2021) unmittelbar zum Standort bekannt und zugesagt, das Werk im näheren Umkreis wieder aufzubauen. Ein langfristiger Verbleib im ursprünglichen Werk ist aufgrund der weiter gegebenen Gefahrensituation nicht möglich. Von Anfang an war es Ziel des Unternehmens, die Beschäftigung in der Region zu halten und der Belegschaft aus Ahrweiler einen sicheren Arbeitsplatz mit langfristiger Perspektive zu bieten.

Dementsprechend haben Unternehmensleitung und Betriebsrat im Jahr 2022 gemeinsam die Entscheidung getroffen, eine neue Produktionsstätte im nahegelegenen Industriegebiet Brohltal-Ost / A 61 bei Niederzissen zu errichten. Dieses Objekt ist aktuell im Bau, der Umzug ist für 2026 geplant. Das Gelände des Werks Ahrweiler ist bereits veräußert. ZF hat mit dem neuen Inhaber eine Mietvereinbarung getroffen, der die Nutzung des Standorts mittelfristig sichert.

Das ZF-Werk in der Max-Planck-Straße wurde bei der Flutkatastrophe schwer beschädigt. Foto: ROB

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