Vor zwei Jahren kam die syrische Familie Nissaneh nach Deutschland
Die alte Heimat verloren – eine neue gefunden!
Oberfell empfing sie mit offenen Armen
Oberfell. Das Ticket in die Freiheit kostete 4000 Dollar! So hoch war der finanzielle Preis, den die fünfköpfige Familie Nissaneh zahlen musste, um ein Leben in Frieden und Freiheit führen zu können. Doch zurück gelassen haben sie noch viel mehr! Seit 2011 tobt in Syrien ein Bürgerkrieg. Menschen verschiedener Religionen lebten bis dahin friedlich miteinander. Jetzt schreitet der Islam immer weiter vor, duldet keinen anderen Glauben, tötet, macht ein Leben in Freiheit durch scharfe Gesetze und drastische Strafen unmöglich. Männer müssen Bärte tragen, Frauen sich verschleiern, Alkohol in der Öffentlichkeit führt zu einer Gefängnisstrafe. Derweil Machthaber Assad in Damaskus sitzt, wo vom Krieg nichts zu spüren ist. Das berichtet der 36-jährige Habib Nissaneh, der gemeinsam mit seiner Frau Shirin vor zwei Jahren den Entschluss zur Flucht fasste. Sie waren bereit, ihre Geschichte zu erzählen.
Afrin ist ähnlich wie Koblenz
Ihre Heimat war der Ort Afrin, 60 km von Aleppo entfernt, der Stadt die ein jedem von entsetzlichen Bildern aus den Medien bekannt ist. Auf seinem Smartphone hat Habib die geografische Karte aus dieser Gegend. Sie zeigt zwei Flüsse und eine große Anzahl von Bäumen. „Es sind fünf Millionen Olivenbäume, die ein exzellentes Öl ergeben, und Granatapfelplantagen. Afrin ist ähnlich wie Koblenz, mit zwei Flüssen wie Rhein und Mosel“, erzählt er. Es ist das Kurdengebiet, das an die Türkei grenzt. Sie sind Kurden und gehören zur Minderheit der Jesiden, einem Glauben ähnlich des Christentums. „Wir durften nur eine halbe Stunde am Tag raus. Von unserem Balkon aus sahen wir viele Tote.“ Äußerlich wirkt Shirin Nissaneh gelassen, als sie darüber berichtet. Wie groß muss der Druck gewesen sein, der dazu führte, alles hinter sich zu lassen und zu fliehen? Und das mit drei kleinen Kindern! Heute sind die Söhne Battal 13 Jahre und Viyar 9 Jahre, das Töchterchen Delyar 8 Jahre.
Auf der Flucht
Wie kann man sich diese Flucht vorstellen? Mit ruhigen Worten, fast gelassen, erklärt das Ehepaar was geschah: „Wir sind nachts los, in einen Bus gestiegen und in die Türkei gefahren. Mitnehmen konnten wir nichts, auch keine Papiere. Dann fanden wir einen Schlepper, zahlten 4000 Dollar und kletterten in einen LKW. Hinter der Ladung versteckt, harrten wir sieben Tage aus, ohne den LKW zu verlassen.“ Aber wie war das möglich, die Kinder, Essen, Trinken, Toilette usw.? „Wir haben nur wenig Brot gegessen und nur unsere Lippen mit Wasser benetzt“, beantwortet die 35-jährige Shirin die Frage und fügt hinzu: „Man hatte uns vorher gesagt, dass wir Tabletten nehmen müssten. Das haben wir getan, so war es aus zu halten!“ Diese Antwort erzeugte Gänsehaut. Noch heute wissen Shirin und Habib nicht, in welcher deutschen Stadt sie den LKW verlassen konnten. Ihr erstes Ziel in Deutschland war Trier, wo sie zwei Monate verbrachten. „In Trier waren wir von Anfang Oktober bis zum 29. November 2013“, erinnert sich Habib Nissaneh genau, diese Daten sind fest in seinem Gedächtnis verankert.
Ein neues Zuhause
Dann fanden sie in Oberfell ein neues Zuhause. Sie hatten kein Problem sich zu integrieren und wurden von den Oberfellern herzlich aufgenommen. Eines von Habibs Hobbies ist das Fußballspielen.
In der Oberfeller Altherren-Mannschaft gibt er sein Bestes und fühlt sich gut aufgehoben. Alle drei Kinder sprechen, schreiben und lesen gut Deutsch. Die Eltern besuchen einen Deutschkurs in Koblenz. „Wenn wir den im Dezember geschafft haben, können wir uns Arbeit suchen“, freut sich der Familienvater, der in Syrien als Schlosser gearbeitet hat. „Ich habe viel mit Metall gearbeitet, aber alles manuell. Ich weiß, dass ich hier noch viel lernen muss. Vor allem mit einem CAD-Programm um zu gehen.“
Die weltoffene Familie weiß sehr genau, dass noch ein langer Weg vor ihnen liegt. Aber sie packen ihre Probleme an, wohlwissend und schätzend, dass sie jetzt in Freiheit leben. Wollen sie nochmal nach Syrien zurück? Ein festes „nein“ beantwortet schnell diese Frage: „90 Prozent des Landes ist zerstört, bis heute wurden 2,5 Millionen Menschen getötet, die ISIS ist auf dem Vormarsch.
Die Menschen, die dort leben - überwiegend alte - sind gezwungen ein primitives Leben in Angst und Schrecken zu führen. Sie leben ohne Strom, müssen Wasser aus Brunnen entnehmen und auf offenem Feuer kochen. Alle Lebensmittel sind stark verteuert. Wir sehen dort keine Zukunft mehr!“ Habib Nissaneh ist genau informiert, auch weil er Kontakt hält mit seiner Familie in Syrien. Unter anderen leben die Eltern von Beiden dort. Shirin erzählt: „Vor kurzem ist mein Bruder in Deutschland angekommen. Zwei Tage lang wurde er in Ungarn festgehalten und von der Polizei verprügelt. Er hat mir seine Wunden gezeigt. Als er in München ankam, wurde er von einer Welle der Sympathie empfangen und sofort mit Kleidung und Essen versorgt. Jetzt ist er in Trier.“ Was vermissen sie am meisten? Es sind die Verwandten und Freunde, die dort geblieben sind, es ist das Haus und die Natur, sagen Habib und Shirin: „Heimat ist jetzt für uns Deutschland!“ Das friedliche gemeinsame Leben und Arbeiten von Menschen verschiedener Nationalitäten, Sprachen und Glauben in den 360 Dörfern um Afrin gehört der Vergangenheit an. Die sympathische Familie ist angekommen in Deutschland. Ihr aufgezeigtes Schicksal ist stellvertretend für die Zigtausend Menschen, die her gekommen sind und noch kommen werden. Und Oberfell ist stellvertretend für viele Orte in der Verbandsgemeinde, die Flüchtlinge mit offenen Armen empfangen.
