Allgemeine Berichte | 17.08.2015

Kirmes Erinnerungen des kleinen Bernd

Erinnerungen an ein Volksfest als Sinziger Panz

Von Bernd Linnarz

Sinzig. Sinziger Kirmes, das waren für uns Sinziger Pänz vor einem halben Jahrhundert ganz hohe Feiertage. Den Kirmestagen fieberte man heftig entgegen.

Bereits in der Vorwoche wurde mit großer Nervosität die Ankunft der ersten Wagen der Schausteller erwartet. Natürlich lungerten wir in großer Zahl „mit dem Rädchen“ aus allen Teilen der Stadt angereist in der Innenstadt herum.

Zum Hintergrund

Die Kirmes fiel in ihrer jüngeren Geschichte fast immer komplett in die Zeit der Sommerferien von Rheinland-Pfalz. „Wir hatten also Zeit und waren neugierig“, um es ganz einfach zu formulieren.

Wir hatten in den Sommerferien aber trotz des Kirmesgroßereignisses viel zu tun. Wohlgemerkt in den Prä-Computer und Prä-Smartphonezeit, in der man als Sinziger Panz vor einem halben Jahrhundert aufwuchs war unser Spielplatz der Büsch und die Ahr. Im Büsch galt es täglich das selbst gebaute und gezimmerte Büdchen zu kontrollieren und zu tarnen. Denn es galt die eiserne Regel: Entdeckten es die konkurrierenden Clicken aus dem Sinziger Osten oder gar Westum dann hatte man gleich zwei Büdchen: eines war kaputt und das andere zerstört. Im Sommer war natürlich die Ahr Spielplatz und Dammbaustelle. Fische fangen mit der Hand war sozusagen Sport. Die geschuppten Mitbewohner der Ahr wurden allerdings nicht aufgefuttert, sondern in einem kleinen Becken gesammelt und am Abend wieder freigelassen. Nach sechs Wochen Sommerferien war dann so mancher Fisch sozusagen handzahm.

Deutlich mehr Kraft erforderte das Steineschleppen beim Dammbau. Wir Jungen aus dem Sinziger Westen schafften übrigens als erste das Kunststück unseren Damm über die gesamte Breite der Ahr zu bauen. Nicht auf die überlieferte Art und Weise von einer Seite loslegen und dann nicht mehr der starken Strömung fertig zu werden. Ein Foto des gigantischen Hooverdamms in den USA - im Lexikon entdeckt - lieferte die Lösung. Wir bauten im Bogen und zogen den Damm an allen Stellen gleichzeitige hoch. Das in der Ahr wachsende Grünzeug diente als Abdichtung. Auch der Damm musste täglich kontrolliert werden. Größter Feind waren Gewittergüsse. Die Ahr stieg und fiel und der Dammbau ging von Neuem los. In Höhe des heutigen Spessartstegs entstand dann im Sommer unserer eigenes Freibad. Mit 20 Mete Bahn und dem Spessartsteg als Sprungturm für die ganz Mutigen. Die Jungs von THW, die noch am Steg werkelten und von denen wir uns einige Flöße aus leeren Fässern und Baumstämmen verschnürt, nun sagen wir mal geliehen hatten, und auch einige ältere Sinziger, die abends als Badegäste kamen, lobten unsere Pfiffigkeit. Hie und da wurde sogar eine Mark zugesteckt. Doch teilte man das alles durch die gesamte Meute löst sich das Problem „Kirmesgeldmangel“ nicht wirklich.

Der „Ött“

Bindeglied zwischen Kirmes und dem Freiluftspielplatz war für uns Otto Marhöfer. Denn „der Ött“ war bei der Stadt für die Organisation der Kirmes verantwortlich. Ansonsten aber mit seinem Moped als „Flurschütz“ unterwegs. Und konnte schimpfen, zetern und abmahnen, dass es eine wahre Wonne war. Unter uns Pänz gab es da eine Menge Respekt. Denn petzte der Flurschütz bei den Eltern konnte das gerade an den Kirmestagen sehr unangenehme Konsequenzen haben. Doch der Mann war trotz Dauerkonflikt mit uns Saupänz auch Rheinländer. Den Dammbau stufte er irgendwie als sinnvolle Freizeitbeschäftigung ein. Denn solange wir mit Steine schleppen in der Ahr beschäftigt waren, richteten wir ja keine weiteren Flurschaden an. Und beim Thema Fische war ja ersichtlich, dass wir nicht illegal angelten. Fisch mit der Hand fangen war im seinerzeitigen Fischereigesetz irgendwie wohl nicht vorgesehen.

Aus heutiger Sicht war unser Spielen in der Ahr wohl extrem illegal. Heute gäbe es da wohl richtig Ärger. Damals gab es allerdings viele Vorschriften noch gar nicht und nach Rücksprachen mit einigen Anwälten ist alles, was wir damals trieben längst verjährt. Deshalb diese Zeilen. Und in Richtung Landrat als Chef der unteren Wasserbehörde bleibt nur festzustellen. „Lewe Dr. Pföhler wir waren jung, wollten Spaß waren aber auch kreativ und fleißig“.

Grundproblem Kirmesgeld

Dem Nachwuchs von heute sei nochmals versichert: Regelmäßiges Taschengeld war in jenen Zeiten eine absolute Ausnahme. Der Sonntag mit dem Besuch der buckligen Verwandtschaft war aber doppele Chance auf Kohle. Zwar war der Kirmesbummel mit Onkeln und Tanten grottig langweilig, aber der bildungsbeflissene Teil der Verwandtschaft stellte schon mal Testfragen zu Sankt Peter und der Stadtgeschichte. Der kleine Bernd kapierte zwar nicht, was der Unsinn sollte, hatte aber in Heimatkunde - für jüngeren Sinziger dieses Fach gab es tatsächlich einmal - aufgepasst und sackte einige Extraprämien ein.

Aber es galt natürlich weiterhin: Es gab zu viel Kirmes für zu wenig Kohle. So wenig Kohle, dass wir uns als Nachwuchs, auch nicht von der allgemeinen rheinischen Zockermentalität anstecken ließen, die auf der Kirmes grassierte. Es sei an das Anna-Peter-Spiel mit dem Setzen von einem Groschen auf den Leuchtfeld-Tisch erinnert. Gesammelte Gewinnkarten brachten Preise. Heute würde so was wohl als illegales Glücksspiel nicht mehr durchgehen. Gipfel des Ganzen. Auf der Kirmes wurde an einem leicht abgewandelten Roullete-Tisch auch richtig gezockt. Ein gewichtiger älterer Herr machte den Croupier. Selbst Willy Engel, ein halbes Jahrhundert Urgestein bei der Stadtverwaltung, kann sich nicht mehr erinnern, wie so was möglich war. „Ganz andere Zeiten halt“. Lose kaufen war trotz, der Dauerbeschallung „Gewinne, Gewinne, Gewinne“, ebenfalls verpönt. Beim Blumenstand zockte man aber ausnahmsweise einmal. „De Mam“ freute sich riesig über erbeutete Zimmerpflanzen. Im Hause Linnarz gibt es heute noch Grünzeug, dessen Vorfahren, wenn sie denn ablegerzeugend waren, aus diesen frühen Kirmestagen stammen.

Heute ist das große Höhenfeuerwerk am Kirmesdienstag selbstverständlich. Zu unseren Kindertagen aber nicht immer. Bis in die frühen Sechziger wurde geballert war das Zeug hielt, da gab es etliche Jahre ohne Abschlussfeuerwerk oder mit nur sporadischer Aufführung. Erst Mitte der Siebziger wurde diese Tradition wieder fest etabliert. Die Feuerwerksfinanzierung stand wohl auf ähnlich wackeligen Füssen wie das Kirmesbudget von uns Pänz.

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