Allgemeine Berichte | 13.07.2026

Ulrich Stieber, Ortsvorsteher von Bachem, zieht Bilanz

Fünf Jahre nach der Flut: Agieren des Landes führte zu Politikverdrossenheit

Ulrich Stieber im September nach der Flut.  Foto: ROB

Fünf Jahre sind seit der Flut vergangen. BLICK aktuell sprach mit Ulrich Stieber, Ortsvorsteher von Bachem, und fragte: Was ist in den vergangenen fünf Jahren gut gelaufen? Wo gibt es noch Nachholbedarf?

BLICK aktuell: Was waren für Sie die größten Meilensteine im Wiederaufbau? *

Ulrich Stieber: Ich richte den Blick auf den Stadtteil Bachem. Hier stehen für mich zahlreiche kommunale Projekte in erster Linie vornean. So der Wiederaufbau der Kindertagesstätte Rappelkiste, der für unsere Jüngsten und deren Familien Vorrang hatte. Zudem die Entstehung der Sportanlage Bachem mit all ihren sportlichen Angeboten für Kinder, Jugendliche und Erwachsene. Außerdem der Neubau der vollkommen zerstörten Bachemer Brücke als dringend notwendige Verbindung für Fußgänger, Radfahrer, Kraftfahrzeuge verschiedener Größenordnungen. Dieses Bauwerk wird den Bedarfen angepasst und kann voraussichtlich September/Oktober dieses Jahres für die Verkehre freigegeben werden. Für die Sicherheit der Bewohner Bachems und der Anlieger in der Ahrallee war ein bedeutsamer Schritt die Aufweitung der Ahr durch den sog. „Vorlandabtrag“. – also die großräumige Entfernung von Erdreich. Breitere Flusssohlen und aufgeweitete Uferzonen ermöglichen einen besseren Wasserabfluss und reduzieren das Risiko von Überschwemmungen. Gleichzeitig entstehen entlang des Flusses neue Lebensräume für Pflanzen und Tiere.

Große Hochachtung verdienen die kurzfristigen, intensiven und immensen Schadenkorrekturen innerhalb der Ahrtal-Jugendherberge Bad Neuenahr-Ahrweiler an der St.-Pius-Straße und ihres Umfeldes durch den Landesverband der Jugendherbergen in Rheinland-Pfalz.

Nicht zuletzt gebietet es der Respekt, den Blick auf die zahlreichen privaten Wohnobjekte in Bachem zu lenken, die unermüdlich bis heute angegangen wurden. Eigentümer haben trotz tragischer Verluste, Schäden und Verzweiflung überwiegend erfolgreich bis heute daran gearbeitet, ihr Wohnungseigentum wieder lebenswert aufzubauen einschließlich des Wohnumfeldes. Dadurch wurde verloren gegangener und dringend notwendiger Wohnraum wieder nutzbar gemacht.

BLICK aktuell: Wo hätte es besser laufen können und was muss noch dringend erledigt werden?

Ulrich Stieber: Notwendig zu Beginn der Wiederaufbaumaßnahmen wäre es gewesen, die Bürgerinnen und Bürger mehr und enger „mitzunehmen“. Also zu erläutern, aus welchen Gründen bestimmte Maßnahmen Priorität genossen haben und einzugestehen, aus welchen Gründen es an bestimmen Baufeldern hakt und wo und warum ein Projekt viel Zeit benötigt. Auch Aufklärung zu Zuständigkeiten (Stadt, Kreis, Land) hätte Not getan, um Kritik nicht in falsche Richtungen zu lancieren. Die Verwaltungen sind, ebenso wie Bürgerinnen und Bürger, erstmals von einer derartigen Katastrophe überrollt worden. Dies intensiver einzugestehen, hätte womöglich dazu verholfen, mehr Verständnis für fehlerhaftes oder undurchsichtiges Verwaltungshandeln zu erzeugen. Die Landesregierung hat es anfangs nahezu nie geschafft, ihr Mitwirken/Nichtmitwirken an der Folgenbeseitigung transparent rüberzubringen. Sie hat dadurch der Politikverdrossenheit intensiv das Wort geredet.

Was dringend noch erledigt werden muss, wird sicherlich einzelfallabhängig unterschiedlich beurteilt. Was unter „dringend“ zu verstehen ist, wird mit Bestimmtheit unterschiedlich ausgelegt. Ob eine durch die Flutfolgen notwendige Straßeninstandsetzung kurzfristig erledigt werden muss, liegt oft im Auge des Betrachters und ist situationsabhängig. Dies gilt auch für Parkplätze, Gehwege, Radwege. Für uns in Bachem wird die Nutzbarkeit der Bachemer Brücke einen Meilenstein darstellen, der viel Entlastung und kürzere Wege mit sich bringen wird.

Vor geraumer Zeit wurde entschieden, dass die Don-Bosco-Schule an ihrem alten Standort bleibt und um den sogenannten M-Trakt der vormaligen Levana-Schule erweitert werden kann. Hierzu laufen die Planungen für eine Gesamtsanierung. Auf das Ergebnis warten Schülerinnen und Schüler, Lehrerschaft und Eltern mit großer Hoffnung, während derweil noch eine Interimslösung genutzt werden muss.

BLICK aktuell: Nach der Flut war der Zusammenhalt groß – spüren Sie diesen Zusammenhalt heute immer noch?

Ulrich Stieber: In der Tat war der Zusammenhalt nach der Flut groß – auch in Bachem. Solidarität, Hilfe, Mitmenschlichkeit waren Begriffe, die lange Zeit täglich und intensiv gelebt wurden. Es war unbe

schreiblich, mit welchen Formen des Miteinanders jeder, der in Not war, Unterstützung fand. Keiner ist hier von Hilfestellung, egal welcher Art, ausgeschlossen worden. Jeder von uns hat durch die Flut Schaden genommen. Materiell aber auch immateriell, an Körper oder Seele. Und dennoch sind viele von uns über sich hinausgewachsen im Wissen, dass Hilfe dringend angezeigt war. Hand in Hand unterstützen, hieß die Devise.

Mit den Jahren und der Bewältigung von Schäden, mit den Schritten hin zu Normalität, als wir nicht mehr täglich mit schlimmen Schicksalen konfrontiert wurden, ging allerdings einher, dass viele von uns wieder zur Tagesordnung übergehen und sich auf sich besinnen konnten. Dies brachte auch in einigen Bereichen, nicht in allen, einen Rückgang im Zusammenhalt mit sich. Solidarisches Agieren stand nicht mehr tagtäglich auf der Agenda, sondern wurde nur noch einzelfallabhängig vonnöten. Demgegenüber sei darauf hingewiesen, dass aus der Flutfolgenbewältigung der „Bachemer Bürgertreff“ entstanden ist, der weiterhin einmal pro Woche für jeden/jede zum Miteinander bei Kaffee, Kuchen offensteht. Hier besteht Gelegenheit, sich zu treffen, sich auszutauschen, zu spielen oder Vorträge zu verfolgen. Ebenso verdient es Erwähnung, dass seit der Flut bis heute und noch weit ins kommende Jahr hinein der Sportverein Germania Bachem und die KG Rot-Weiß Bachem auf ihre Vereinsräumlichkeiten in der alten Bachemer Schule zugunsten der Unterbringung von zwei Kindergruppen der Kindertagesstätte „Rappelkiste“ verzichten und sich anderweitig versuchen zu behelfen.ROB

Ulrich Stieber im September nach der Flut. Foto: ROB

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