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Der erste Schulleiter des Sinziger Gymnasiums, Heinz-Otto Fausten, verstarb im Alter von 94 Jahren

Rückblick auf ein bewegtes Leben

04.08.2014 - 12:26

Sinzig. Er war der erste Schulleiter des Sinziger Gymnasiums. Er hatte den Zweiten Weltkrieg miterlebt, als Soldat in Russland, Frankreich und Griechenland. Über seine Erfahrungen hat er ein Buch geschrieben und in Interviews gesprochen. Am 18. Juli ist Heinz-Otto Fausten im Alter von 94 Jahren gestorben.

Ein langes, ereignisreiches und über weite Strecken glückliches Leben ging zu Ende. So stand auch über der Todesanzeige der Familie für ihn: „Ich habe mir die Zeit nicht ausgesucht, aber ich konnte bis zuletzt sagen ‚Ich bin glücklich‘“. Das hing gewiss damit zusammen, dass Fausten jede Phase seines Lebens wach, aufmerksam und interessiert erlebt hat.


Paradies in Baums Park


Als Sohn von Anton und Agnes Fausten kam Heinz-Otto am 27. Juni 1920 in Mayen zur Welt. Mit dem Einjährigen zogen die Eltern nach Sinzig. Die Familie wohnte im ehemaligen und später wiedereröffneten Kurhaus in „Baums Park“, „ein Paradies für Kinder“. Ende der 20er Jahre wechselten die Faustens in die Mühlenbachstraße, wo der Vater ein Elektrogeschäft eröffnete.

Nach der Volksschule am Ort besucht Heinz-Otto das Gymnasium in Andernach. In Sinzig wird er Fähnleinführer der Hitlerjugend, legt aber mit 18 das Amt nieder, da er nach der „Reichskristallnacht“ betroffen die qualmende Synagoge in Andernach gesehen hat und auch die verwüstete Sinziger Synagoge in der Burg.

Nach dem Abitur und dem Reichsarbeitsdienst am Westwall schreibt er sich als Student der Germanistik in der Bonner Universität ein. In der Freizeit beschäftigt sich mit Kunstgeschichte. Schon als Schüler hat Fausten nicht nur geturnt und Stummfilme im Sinziger Lichtspieltheater in der Koblenzer Straße gesehen, sondern auch von Willi Rademacher gelernt, Postkarten in Öl zu kopieren und gemeinsam mit Franz Steinborn schöne Ansichten in und um Sinzig festzuhalten.


Kriegszeit


Im Sommer 1940 kommt er zum Panzerregiment 1 nach Erfurt. Da die Einziehung ohnehin bevorstand, meldete er sich freiwillig und konnte so die Waffengattung wählen. Der junge Panzergrenadier erlebt in Russland an der Front die Gräuel des Krieges in solcher Heftigkeit, dass sie ihn noch bis ins hohe Alter nachts in seinen Träumen verfolgen. Ende 1943 schreibt er, nachdem ein Granatsplitter seinen rechten Unterschenkel traf und das Bein abgenommen wurde, den Eltern: „Euch wird das hart ankommen. Ich habe keine Träne vergossen. Ich sehe meinen Weg klar vor mir“. Es gelingt ihm, den Verlust anzunehmen. Zur vollen Wiederherstellung kommt Fausten ins Lazarett im Bad Neuenahrer Kurhaus. Für 42 Flaschen Moselwein baut man ihm in Berlin eine Holzprothese. Das Kriegsende erlebt er in Sinzig. Doch bevor sich sein Leben normalisiert, gerät er in Gefangenschaft nach Frankreich.

Wieder zurück, nimmt er ein Studium als Kunsterzieher an der neu gegründeten Mainzer Universität auf, engagiert sich dort auch im ersten ASTA, der demokratischen Selbstverwaltung der Studenten. Fast noch ein Jugendlicher, hatte er sich 1938 vom Nationalsozialismus gelöst. Aber erst allmählich begriff er, dass die Soldaten verheizt und missbraucht wurden. Bei einem Divisionstreffen in Bad Hersfeld hält sein ehemaliger Kompaniechef eine „flammende Rede über Preußens Gloria: Die Deutschen sind wieder wer!“ Schaudernd verlässt Fausten die Veranstaltung der ewig Gestrigen. Der endgültige Bruch ist vollzogen.


Das Rhein-Gymnasium wird gebaut


Nach dem Krieg blickt er nach vorn. 1950 heiratet der frisch examinierte Kunstpädagoge Thea Hinsberger. Sie richten sich im neuen Sinziger Haus ein. Sohn Peter macht 1952 das Glück perfekt. Auch beruflich geht es voran. Dem Referendariat folgt die Anstellung am Andernacher Mädchengymnasium, 1969 die Versetzung nach Linz, „um von dort aus die Gründung eines Gymnasiums in Remagen oder Sinzig vorzubereiten“.

Oberstudiendirektor Haffke und Fausten planen das neue Gymnasium, wobei sich beide Orte „in harten Gefechten als Standort empfahlen“. Doch Fausten kann belegen: Sinzig ist der zentralere Standpunkt. Zudem bietet die Stadt bis Neubau-Bezug kostenlos die ehemalige Volksschule (heute Rathaus) auf dem Kirchplatz an. Im August 1971 zieht Fausten als Direktor des Gymnasiums ein. Für den Oberstudiendirektor schließt sich ein Kreis: Es ist dasselbe Haus, in dem er bei Konrektor Comes und Hilfslehrer Camps einst Lesen, Schreiben und Rechnen lernte.

Der Platz reicht nicht. Es gibt keine Fachräume, aber pädagogisches Geschick. Eine Turnhalle fehlt, so erfolgt die Leibesertüchtigung draußen. Die Fechtabteilung wird gegründet und Dr. William Gordon erteilt Mitgliedern der Schulband instrumentalen Einzelunterricht. Im August 1975 ziehen 550 Schüler mit einem jungen Lehrerkollegium in das Rhein-Gymnasium, das eine eigene dreigegliederte Sporthalle hat, wie es die Landesrichtlinien vorsehen. Fausten hat auf diesem Recht beharrt und sich nicht auf ein zukünftiges städtisches Sportzentrum verlassen, dessen Pläne sich zerschlagen sollen.

1953 übernahm Heinz Otto Fausten ehrenamtlich die Leitung des gerade gegründeten Volksbildungswerkes. Bald stillten die Sinziger im Kultursaal des Schlosses „parallel zum erblühten Wirtschaftswunder das allgemein erwachende Bedürfnis nach Information und geistiger Erneuerung“. Ein rasch wachsendes Publikum besuchte Konzerte, Dia-Vorträge, Bühnengastspiele und die Schlossfeste. „Romeo und Julia vom efeuumrankten Söller, Musik und Tanz im Rund der weitläufigen Terrasse, Ballett und Feuerwerk vor der großartigen Kulisse der Lindenallee, wohl nie haben Park und Schloss mehr Anklang und Freude erlebt“, befand Fausten. Indes scheiterte, trotz ministerialer Zusagen und anfänglicher städtischer Billigung, sein Plan, die VHS ins Gymnasium integrieren, um das Gebäude auszulasten und Schüler- und Erwachsenenbildung zu verzahnen. Doch freute er sich über die zahlreichen Schulerfolge, der Fechtabteilung sowie Chor und Schulband, die den Ruf der Schule nach außen tragen. Der vom Direktor eingeführte Pflichttanzkurs der Klasse 10 mit Abschlussball ist bis heute ein Höhepunkt des Schul- und gesellschaftlichen Sinziger Lebens.

Fausten hat gerne in Sinzig gelebt. Er nutzte den Ruhestand zum Schreiben. 1985 erschien sein Buch „Wir haben uns die Zeit nicht ausgesucht“, in dem er präzise und lebendig schildert, was er als Soldat erlebte und wie er allmählich erkennt, dass er und seine Generation als Werkzeug des Nationalsozialismus missbraucht wurden. Seine Erinnerungen und Reflektionen machte er fruchtbar in Interviews.

Er stellte sich den Fragen von Schülern des Rhein-Gymnasiums. Er war zu Gast im ARD-Fernsehen bei Günther Jauch. Er sprach mit Journalist Jürgen von Dahlkamp für dessen Artikel „Die letzte Schlacht“ im Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ (Ausgabe 25.03.2013). Fausten stand auch für ein Projekt des Vereins „Unsere Geschichte. Das Gedächtnis der Nation“, vor der Kamera, das bundesweit Erzählungen von Zeitzeugen zu Alltagserfahrungen und zentralen Momenten deutscher Geschichte sammelt. Seine Beiträge sind im Internet auf YouTube zu sehen.

Die Traueranzeige des Rhein-Gymnasiums hebt seine Verdienste als tatkräftiger geschätzter Schulleiter hervor. Sie spricht aber auch zu Recht von seiner optimistischen Grundhaltung und ansteckenden motivierenden Fröhlichkeit. Am 25. Juli wurde Heinz-Otto Fausten auf dem Sinziger Friedhof beigesetzt.

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S. Schmidt:
Ergebnis einer neuen Umfrage in Deutschland: 2/3 der Befragten befürworten ein Abschaffung des EEG und ebenfalls 2/3 würden aus Gründen des Umweltschutzes NICHT auf ihr Auto verzichten. Ziemlich Eindeutig, entgegen dem was uns Politik und Medien ständig einreden. Und ein Supergau für die Feinstaubjünger wenn sich bestätigt, was in Würzburg bereits gemessen wurde: Kein Verkehr und dennoch schlechte Luftqualität.
juergen mueller:
Diese "gespielte" Hilfsbereitschaft täuscht nicht darüber hinweg, dass dies alles nur einem Zweck dient - dem Vorspielen von Für- u.Vorsorge - einfach, weil es zum politischen Geschäft dazu gehört. Poltische Vertreter sind auch nur Menschen, die von jeher nur eines im Sinne hatten - DAS eigene WOHLERGEHEN und das Bedürfnis, daraufhin zu arbeiten, nicht in Vergessenheit zu geraten, in der nächsten Wahlperiode wiedergewählt zu werden. Passend in die Kategorie: "Unglaubhaft, Täuschen und Verlogen". Wenn sich eine Fraktionsvorsitzende als gutes Beispiel bezeichnet, dann ist das nur ein Beispiel dafür, dass man selbst nicht mehr in der Lage ist den Unterschied zwischen "Ehrlichkeit u.Unehrlichkeit" zu erkennen.
juergen mueller:
Herr Bäker - neueste Erkenntnisse haben in Bezug auf Schutzmasken wie auch auf andere Bereiche Hochkonjunktur, der man nicht alles glauben sollte. Ich finde, dass jeder das tun sollte, was er für richtig hält und demzufolge selbstgefertigte Masken anfertigen/tragen sollte, wenn es denn beruhigt. Es liegt mir fern, den Bemühungen, dieser Krise etwas Gutes abzugewinnen u.etwas persönlich dagegen zu tun,negativ gegenüberzutreten.
Jens-Uwe Bäker:
Herr Müller: die einfachen Masken haben nach neuesten Erkenntnissen sowohl einen nennenswerten Schutz der Mitmenschen als auch einen kleinen, aber ebenso wichtigen Eigenschutz. In sofern in der Pflege und Betreuung ein wertvoller Schutz für alle. So bleiben die medizinischen Masken für die Personen, die in den Infektiösen Bereichen tätig sind.
juergen mueller:
Bei all der sicherlich gutgemeinten Hilfsbereitschaft sollte man nicht vergessen, dass diese vermeintlichen "Mundschutzmasken" KEINEN Schutz vor einer Infizierung darstellen, weil maßgebliche Inhalte wie z.B. FILTER oder angepaßte, schlußdichte Formgebung fehlen. Das alles unter stille Helden zu vermerken, entspricht nicht den Tatsachen u.halte es für übertrieben. Diejenigen, die wirklich für uns da sind, Ärzte, Pflegepersonal in Krankenhäusern/Alten- u.Pflegeheimen, caricative Einrichtungen etc.,das sind die denjenigen, die unsere Hochachtung und unseren Respekt verdienen. Wir neigen dazu, uns in Krisenzeiten etwas anzueignen, was uns ohne groß nachzudenken nicht zusteht, ohne darüber nachzudenken, ob es sinnvoll ist oder nicht.
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