Allgemeine Berichte | 08.02.2016

Verhaftungen und Narrengericht in Sinzig

Selbst die hohe Geistlichkeit saß auf der Anklagebank

Bundestagsabgeordnete Mechthild Heil musste sich erstmals vor dem Sinziger Narrengericht verantworten.

Sinzig. „Bist du aus Spaß an der Freude da, oder hat Du auch eine Vorladung?“ In dieser oft gestellten Frage schwang am Samstagmorgen im „Laguna“ am Kirchplatz immer ein leichter Hauch von Ungewissheit mit. Denn das Sinziger Narrengericht kommt recht harmlos daher: „Es gelten alle Regeln des rheinischen Frohsinns“, heißt es da niedlich. Aber es gilt auch der Rechtsgrundsatz: „Saftige Geldstrafen sind immer angemessen.“ Und dieses Gericht ist grundsätzlich für alles zuständig. Und dies in dieser Form bereits seit zwölf Jahren.

Für den „Roten Fuchs“ und „Richter Gnadenlos“ Franz-Hermann Deres und „Generalstaatsanwalt“ Herbert Holstein ist das Erscheinen vor den Schranken des Gerichts fast schon so etwas wie ein Schuldspruch. Und beide närrische Juristen widmeten sich ungerührt ihrem ersten Beruhigungskölsch. Eine flankierende getränketechnische Maßnahme, die übrigens auch jedem Angeklagten zusteht. Und bei den Sinziger Jecken sitzt man schneller auf der Anlagebank, als man „Alaaf“ sagen kann.

Nur Sentiaca Kristina I. (Friedsam) konnte ganz entspannt lachen. Amtierende Tollitäten genießen närrische Immunität. Aber nicht solche aus der Vergangenheit. Und so landeten dann Prinz Johannes I. und Prinzessin Heike I. (Ehepaar Adams) auf der Anklagebank. Dort fand sich auch Feuerwehrchef Andreas Braun wieder. Obwohl die Anklage nicht immer ganz deutlich wurde, müssen beide bei der nächsten Sitzung eine Büttenrede halten. Braun übrigens im Zwiegespräch mit Bürgermeister Wolfgang Kroeger. Thema natürlich: das Feuerwehrgerätehaus.

Guido Ernst (CDU-MdL) stand erstmals vor Gericht. Der erwies sich bei der Frage nach dem Beruf recht schlagfertig und antwortete „Ein Enkel“. Auch CDU-Bundestagsabgeordnete Mechthild Heil kam erstmals in Sinzig vor den Kadi. Ihre Ablehnung eines Männerbeauftragen wurde von Sentiaca Kristina flankierend unterstützt: „Ich brauch ja auch keinen Kerl an meiner Seite.“

Anklage: „Zu schnell Kamelle geworfen“

Die stellvertretende Ministerpräsidentin Eveline Lemke ist mittlerweile Kern „der üblichen Verdächtigen“ und sozusagen Stammgast auf der Anklagebank. „Zu schnell Kamelle geworfen“, lautete einer der fast schon absurden Anklagepunkte. Es wurde kolportiert, dass die Wirtschaftsministerin bei ihrer letztjährigen Zugteilnahme ihren Süßigkeitenvorrat bereits am Markt unters Volk gebracht hatte und sich fortan aus den Vorräten von Buben-Chef Volker Thormann bediente. „Sie ist ja noch in der Ausbildung“, verteidigte der blau-gelbe Thormann die grüne Kamellenwerferin. Sei‘s drum, am Dienstag ist Lemke wieder mit von der Partie.

Und vor allem die Jecken am Zugweg werden wohl darauf setzten, dass Lemke ihr Wurftempo beibehält.

Unverhofft vor dem Narrengericht stand auch Sinzigs neuer SPD-Vorsitzender Axel Friedrich. „Er ist Vorsitzender der SPD, also schuldig“, brachte es Generalstaatsanwalt Holstein auf den Punkt. „Wir können nicht alle Parteivorsitzende verknacken, da ist auch das Gericht nicht mehr handlungsfähig“, gab es Unterstützung für den Angeklagten von Richter Deres. Dazu muss man wissen, dass Franz-Hermann Deres im zivilen Engagement Vorsitzender der Sinziger CDU ist. Der neue SPD-Chef lernte aber dann doch die etwas die krude Logik der Sinziger Narrenrichter kennen. Es gab einen Freispruch und ein Tänzchen mit der Sentiaca. „So ein Tanzkurs ist natürlich richtig teuer, die Gerichtskasse befindet sich rechts“, hieß es da zackig.

Das Geschehen lebt von närrischer Spontaneität, genehmigten und ungenehmigten Zwischenrufen sowie netten Wortgefechten und sorgt für viele spontane Lacher. Im jecken Sinzig genießt das Verfahren längst einen gewissen Kultstatus.

„Zwei Toren vor den Türen von Sankt Peter“

Nur gefeit ist vor dem Gericht niemand. Und so landeten dann auch Dechant Achim Thieser, Sinzigs ehemaliger Pastor Gerd Hensel und Pater Paul Antoni auf der Anklagebank. Verlesen wurde das Antwort-Schreiben von Pastor Hensel. „Ihr zwei Toren vor den Türen von Sankt Peter könnt mich mal gern haben“. Überhaupt gab sich die Geistlichkeit bei ihrer Verteidigung wortgewaltig wie in einer überlangen Predigt. Und kam recht glimpflich davon.

Und über die Geldstrafen kommt ja auch Einiges für die blau-gelbe Vereinskasse zusammen. Übrigen Sinn und Zweck der Veranstaltung, bei der man immer ein dickes Portemonnaie dabei haben sollte.

Bundestagsabgeordnete Mechthild Heil musste sich erstmals vor dem Sinziger Narrengericht verantworten.
Auch der ehemalige Pfarrer Gerd Hensel (2. v. r.) und Hans-Werner Adams, Vorsitzender der CDU-Stadtratsfraktion, hatten eine Vorladung erhalten, und auch der Sinziger SPD-Vorsitzende Axel Friedrich (hinten, Mitte) musste vor dem Kadi erscheinen.

Auch der ehemalige Pfarrer Gerd Hensel (2. v. r.) und Hans-Werner Adams, Vorsitzender der CDU-Stadtratsfraktion, hatten eine Vorladung erhalten, und auch der Sinziger SPD-Vorsitzende Axel Friedrich (hinten, Mitte) musste vor dem Kadi erscheinen.

Bundestagsabgeordnete Mechthild Heil musste sich erstmals vor dem Sinziger Narrengericht verantworten.

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