2. Frauenfußball-Bundesliga: Interview mit dem Andernacher Chef-Trainer Florian Stein
SG 99-Trainer Stein ist stolz auf seine Bäckermädchen und sieht dringenden Handlungsbedarf in der Infrastruktur
Andernach. Zum Rückrundenauftakt der 2. Frauenfußball-Bundesliga ist die SG 99 Andernach am Sonntag um 14 Uhr beim Tabellenzehnten SC Freiburg II zu Gast. Die Bilanz der Bäckermädchen nach der Hinrunde kann sich sehen lassen: Mit acht Siegen, drei Remis und nur zwei Niederlagen belegen sie den zweiten Tabellenplatz. Eine starke Leistung.
BLICK aktuell unterhielt sich mit Chef-Trainer Florian Stein über den Verlauf der Hinrunde und die Ziele im neuen Jahr.
BLICK aktuell: Hallo Herr Stein, zuerst einmal Glückwunsch zu der bisher erfolgreichen Saison. Hätten Sie das bisherige Abschneiden und den zweiten Tabellenplatz vor der Saison unterschrieben?
Florian Stein: Definitiv! Aber es ist nicht nur der tolle Tabellenplatz in der zweithöchsten Spielklasse Deutschlands, der mich stolz macht. Es ist die Art und Weise, wie die Mädels es Spiel für Spiel schaffen, Fußball zu spielen und damit die Stadt Andernach in der ganzen Republik nachhaltig vertreten. Man fällt nicht einfach so nach 13 Spielen auf den zweiten Tabellenplatz. Das ist der Lohn für intensive Arbeit, der bundesweit wahrgenommen wird.
BLICK aktuell: Wo lagen die besonders positiven Knackpunkte?
Florian Stein: Es gibt eine Menge positiver Punkte rund um die Mannschaft. Zu allererst ist aber anzuführen, dass wir wenig personellen Aderlass hatten und uns im Sommer gezielt auf einzelnen Positionen verstärken konnten. Das Team kennt sich sehr gut, ist in den letzten Jahren gemeinsam gewachsen und hat eine unfassbar gute Entwicklung genommen. Darüber hinaus haben wir uns bemüht, die Strukturen in unserer Abteilung weiter zu professionalisieren und sind dabei mit viel Herzblut bewusst auch neue Wege gegangen. Die Installation eines eigenen Geschäftsführers, die Einberufung einer Projektgruppe, die sich um die Sanierung des völlig heruntergekommenen Stadions kümmert, oder die Gründung des eigenen Fördervereins „Bäckermädchen“ sind erste Erfolge, die sich zeigen lassen können. Damit sind wir aber noch lange nicht am Ende und haben weitere Ideen, die wir verwirklichen wollen.
BLICK aktuell: Wie bewerten Sie die Entwicklung in Andernach. Was lief gut und was muss besser werden?
Florian Stein: Sportlich gesehen bin ich rundum zufrieden. Unsere B-Juniorinnen spielen erfolgreich in der U17-Bundesliga, die 2. Mannschaft hat sich nach ihrem Aufstieg unheimlich schnell in der Regionalliga etabliert und was die Entwicklung der 1. Mannschaft angeht, fehlen einem manchmal die Worte. Es ist schön, zu sehen, dass wir uns in Andernach in der Tabelle der 2. Bundesliga eher nach oben orientieren und nicht wie früher mit Sorge auf den Abstand nach unten schauen müssen. Das zeigt die sportliche Entwicklung dieser Mannschaft.
Ein riesiges Verbesserungspotenzial sehe ich in der Infrastruktur des Sportstandortes Andernach. Hier spielen wir nicht in der Bundesliga, sondern vielmehr in der Kreisklasse! Unseren nächsten Heimspiel-Gegner heißen FC Bayern München, TSG Hoffenheimn, VFL Wolfsburg und RB Leipzig. Absolute Fußballgrößen aus ganz Deutschland. Und dann sieht man sich das Andernacher Stadion an, ein Schandfleck unserer schönen Stadt. Auf Initiative unserer Abteilung tut sich jetzt endlich etwas. Wir bemühen uns, die alte Holztribüne zu modernisieren, haben mithilfe unseres Hauptsponsors einen Rasenroboter angeschafft und versuchen in Eigenleistung zumindest ein wenig Fußballflair zurück ins Stadion zu bringen. Hier ist Jahrzehnte lang nichts passiert und so ist es nicht verwunderlich, dass wir im jährlichen DFB-Ranking zur Bewertung der Rasenqualität weit abgeschlagen auf dem letzten Platz stehen. Ich hoffe, dass unsere sportlichen Erfolge dazu beitragen den politischen Statements der letzten Wochen und Monaten auch Taten folgen zu lassen. Sportlich sind wir der Infrastruktur meilenweit voraus!
BLICK aktuell: Kommen wir zu einer negativen Nachricht. Ihre Abwehrchefin Magdalena Schumacher wird wegen einer Knieoperation bis zum Ende des Jahres ausfallen. Da auch die zweite Innenverteidigerin Zoe Brückel verletzungsbedingt bis zum Saisonende ausfällt, ist wohl das beste Abwehrduo der Liga gesprengt. Wie wollen Sie das kompensieren?
Florian Stein: Ich habe schon vor einigen Tagen gesagt, dass es unmöglich ist den Ausfall der beiden komplett kompensieren zu können. Aber wir werden es natürlich im Team versuchen. Da müssen die Aufgaben auf verschiedenen Schultern verteilt werden. Wenn die Mannschaft eins in den letzten Monaten gezeigt hat, dann wie man sportlich mit Rückschlägen umgeht. Die Ausfälle tuen extrem weh, geben aber wieder Raum für neue Spielerinnen. Für mich als Trainer wird es spannend sein zu sehen, wer diese Aufgaben übernimmt und die nächsten Schritte geht.
BLICK aktuell: Neuzugänge, Abgänge - welche personellen Veränderungen gab es in der Winterpause?
Florian Stein: Mit Antonia Hornberg hat uns ein prägendes Gesicht des Andernacher Frauenfußballs in der Winterpause endgültig verlassen. Durch den Ausfall von Maggi Schumacher und die studienbedingte Pause von Alina Wagner waren wir zum Handeln gezwungen. Mit Marie Schäfer, Carolin Asteroth und Selina Garofalo haben wir drei bekannte Gesichter zurückgewinnen können. Mit Dana Schüller (1. FC Köln II) und Tijana Duricek (Roter Stern Belgrad) sind zwei weitere Spielerinnen hinzugekommen. Das gibt uns in der Breite mehr Optionen, die wir für die Rückrunde brauchen werden.
BLICK aktuell: Wie verlief die Vorbereitung? Zwei Nachholspiele aus der Rückrunde fanden im neuen Jahr statt und haben den zweiten Tabellenplatz gefestigt. Welche Erkenntnisse haben sie gewonnen?
Florian Stein: Wir sind bisher recht zufrieden mit der Vorbereitung. Durch die extrem kurze Pause und die wenigen Trainingseinheiten im neuen Jahr war uns klar, dass es ein wenig dauern wird, bis wir ins Rollen kommen. In den ersten beiden Pflichtspielen, die aber noch zur Hinrunde zählten, konnten wir vier Punkte holen. Damit sind wir voll im Soll und bereit auch im Fußballjahr 2023 mit den „Bäckermädchen“ für Furore zu sorgen.
BLICK aktuell: Nur vier Punkte Rückstand auf Tabellenführer RB Leipzig. Ist der Bundesligaaufstieg ein Thema und welche Ziele verfolgen Sie für die Rückrunde?
Florian Stein: Sportlich wollen wir auch in der Rückrunde so viele Punkte wie möglich holen. Mit RB Leipzig können wir uns aber nicht wirklich vergleichen. Der Verein hat ganz andere finanzielle Möglichkeiten wie wir und spielt schon jetzt in einer eigenen Liga.
Für uns wird es wichtig sein die massiven personellen Rückschläge zu kompensieren und weiter attraktiven Fußball zu spielen. Ich möchte junge Spielerinnen besser machen und für höhere Aufgaben ausbilden. Dabei ist es toll, zu sehen, wie auch das Umfeld in Andernach unsere Entwicklung wahrnimmt. Wir konnten die Zuschauerzahlen im vergangenen Jahr deutlich steigern und freuen uns auf zahlreiche Unterstützung auch in 2023.
Was einen möglichen Bundesligaaufstieg angeht, habe ich mich als Trainer schon vor längerer Zeit klar geäußert. Dieser Schritt käme aus sportlicher Sicht meiner Ansicht nach noch etwas zu früh. Wie der Verein darüber denkt, wird er in Kürze in einer offiziellen Pressemitteilung veröffentlichen. Solch eine Mammut-Aufgabe kann aber nur gemeinsam angegangen werden. Und da sind, wie vorhin bereits beschrieben, zunächst einmal größere infrastrukturelle Veränderungen von Nöten. Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass der DFB bei dem Zustand des Stadions Erstligafußball in Andernach genehmigen wird. Wir können nur sportlich auf uns aufmerksam machen. Und wenn sich schon das Fußballfachmagazin KICKER mit unserer Situation und der Infrastruktur in Andernach beschäftigt, machen wir auf dem Platz sicher einiges richtig.
Blick aktuell: Herr Stein, vielen Dank für das informative Gespräch und viel Erfolg für den Verlauf der Rückrunde. LS
SG 99-Trainer Florian Stein. Foto: Tobias Jenatschek
