Lokalsport | 13.10.2022

TV Urbar

Ultra Trail du MontBlanc 2022

Frank Hardt  Foto: privat

Urbar. Seine Laufschritte sind gleichmäßig, sein Puls ist etwas erhöht. Er weiß nicht, wie viele Schritte er in den vergangenen 45 Stunden gelaufen ist. Es lässt sich kein klarer Gedanke mehr fassen. Als er die ersten Jubelschreie hört, hebt er seinen Kopf und registriert, dass er sich 800m vor der Ziellinie des Ultra Trail du MontBlanc befindet. Der Ultra Trail du MontBlanc, die Championsleauge des Trailrunning, wird seit 2003 jedes Jahr in Chamonix ausgetragenen. Frank Hardt vom Lauftreff TV Urbar wollte sich diesen Traum vom UTMB schon lange erfüllen. Nach vielen Qualifikationen und einem nicht ganz einfachen Vergabe-System hatte er dann endlich den ersehnten Startplatz für 2022. Dann stand er in Chamonix am Start. „Ultra Trail du MontBlanc“ – Eine 171 km lange Strecke, von Frankreich nach Italien von dort in die Schweiz und wieder nach Frankreich, mit je 10.040 Höhenmetern im Auf- und Abstieg. Um 18 Uhr starteten die fast 2.600 Ultraläufer. Die ersten 8 Kilometer verliefen noch relativ flach, bis es nach dem Ort Les Houches steil nach oben ging. Nach einer längeren Passage bergab liefen die Läufer in die erste große Verpflegungsstation bei Kilometer 21 in St. Gervais. Danach ging es weiter nach Les Contamines. Auf diesem Streckenabschnitt begann, zum Einbruch der Nacht, der lange Anstieg zum Gipfel Croix du Bonhomme. Der VP Les Chapieux wurde gegen 4 Uhr passiert und mit dem Col de la Seigne auf 2.500 Höhenmetern wartete der nächste Pass auf die Ultraläufer, der bis zum Sonnenaufgang bewältigt wurde. Die folgenden 15 Kilometer bis Courmayeur verliefen größtenteils bergab. Die letzten 3,8 Kilometer, mit einem Höhenunterschied von 1210m, führten brutal steil nach unten in den Ort. Bei der Ankunft in Courmayeur wartete Peter Stubbe auf Frank, als support an einem der 6 festgelegten VP´s. Peter versorgte Frank mit allem, was er zu diesem Zeitpunkt benötigte. Nach einer 30 minütigen Pause ging es weiter. Die folgenden 15 Kilometer bis zum VP in Arnouvaz liefen für Frank nicht gut. Bei dem Aufstieg zum Refuge Bertone zerbrach einer der Trail-Stöcke, was dazu führte, dass er für diesen Abschnitt länger brauchte als geplant. Jede der Stationen, die von den Läufern passiert wird, hat eine feste Cut-Off-Zeit, kommt man zu spät, wird man aus dem Rennen genommen. Frank hatte immer ein Zeitpolster von 45-60 min, doch nun lief ihm die Zeit davon und er hatte nur noch 16 min um nach Arnouvaz zu kommen. Der Pfad wand sich über viele Serpentinen hinab. Zweifel kamen auf, ob die Strecke in der vorgegebenen Zeit noch zu schaffen ist. Frank konnte den Sprecher aus dem Tal hören, wie er die noch verbleibenden 8 Minuten ansagte. Als er die Zeitmatte passierte, dachte er, dass für ihn das Rennen hier zu Ende sei, doch 30 Sekunden blieben ihm noch, um diesen VP zu durchlaufen. Angefeuert von den Helfern, schaffte er es, im Rennen zu bleiben. Auf ihn wartete nun der Grand Col Ferret mit 2.550 Metern Höhe. Nach der Überschreitung des Gipfels führte die Strecke noch 21 km über La Fouly in die Schweiz Richtung Champex Lac. Dort wartete Peter für den nächsten Support. Die Stirnlampe wieder aufgesetzt, ging es in die zweite Nacht. Von Müdigkeit war zu diesem Zeitpunkt noch nichts zu spüren. Nach ca. 32 Stunden war Frank am VP in Champex Lac, wo sich Peter erneut als optimaler Support erwies. Nach 10 Minuten ging es wieder auf die Strecke. Am See vorbei und auf den folgenden Kilometern ging es leicht abwärts, und hier setzte mit einem Mal die Müdigkeit ein. Seit fast 44 Stunden wach und einer Laufzeit von 33 Stunden nicht verwunderlich. Zuerst fallen die Augen zu, später gaukelt der Verstand einem Trugbilder – und das alles im Laufschritt. Ein Schild kündigte den nächsten VP in Trient an: „Trient in 9,6 Kilometer Höhenmeter +860/ -860“. Kurz vor der Morgendämmerung war auch dieser Aufstieg geschafft. In Trient angekommen wartete Peter wieder auf Frank für 15 Minuten Pause und ein Becher Suppe. Die bleierne Müdigkeit war plötzlich wie verflogen. Nach 11,6 km, in Vallorcine, bei Kilometer 153 wartete Peter ein weiteres Mal auf Frank. An diesem letzten Support Punkt machte Frank noch einmal 15min Pause und ging wieder auf die Strecke mit dem Ziel zu finishen in greifbarer Nähe. Was sind schon 18 Kilometer, wenn man bereits 153 gelaufen ist? Der finale Aufstieg über den Col des Montets zum Tet aus Vents lag vor Frank. Mit dem Satz: „Das nächste Mal, wenn wir uns sehen, bist du im Ziel“, jagte Peter Frank aus dem VP. Dieser letzte Berg hatte es in sich. Im unteren Bereich führte der Trail noch in kurzen Serpentinen hinauf, im späteren Verlauf ging es über Felsen sehr steil weiter, doch ein Ende war in Sicht. Der letzte VP mit Cut-off befand sich in La Flegere an einer Bergstation nur 8 Kilometer vom Ziel entfernt. Bis zu diesem Punkt macht Frank noch einmal richtig Druck! In La Flegere kurz noch einmal die Trinkflaschen aufgefüllt und dann hinab nach Chamonix, dort wo alles vor 45 Stunden begann. Um ca. 15.50 Uhr überquerte Frank den Fluss Arve, bog nach rechts ab in Richtung Centrum Chamonix. Eine Absperrung hier, ein Hinweisschild dort. Plötzlich sind überall Menschen und schreien seinen Namen, treiben Ihn an „Allez, Frank“. Hier wird jeder Läufer, wie der erste Läufer empfangen. Noch 400 Meter, plötzlich taucht Peter aus der Menge auf, zückt das Handy und läuft die letzten Meter mit. Bald ist der Zielbogen vor Ihm, er ruft noch einmal alle Reserven ab, reißt die Arme nach oben und dann ist es endlich geschafft. Finish, nach 46 Stunden. Der „Ultra Trail du MontBlanc“ ist bezwungen. Die Emotionen gewinnen die Überhand. Lachen, Tränen alles um Ihn verschwimmt. Für Frank endete der längste Tag nach etwas mehr als 62 Stunden in einem zufriedenen Tiefschlaf. Und was bleibt? Viele Emotionen, phantastische Ausblicke, Zufriedenheit und natürlich ein dickes Lob an den besten Support aller Zeiten. Pit, ohne den er das nicht gerockt hätte!

Frank Hardt Foto: privat

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