Eröffnungskonzert Mittelrhein Musik Festival
„Bilder einer Ausstellung“
Bendorf-Sayn. Modest Mussorgsky komponierte seinen Klavierzyklus „Bilder einer Ausstellung“ im Jahr 1874, neun Jahre zuvor hatte Alfred Krupp das Eisenhüttenwerk in Sayn gekauft, auf dessen Gelände - heute Industriedenkmal - er Jahre später eine Ziegelstein-Werkhalle, die so genannte Krupp’sche Halle, errichtete.
Eine fulminante Aufführung
In ihr erfuhr das zehnsätzige Werk des Komponisten zur Eröffnung des 15. Mittelrhein Musik Festivals eine fulminante Aufführung durch Jourist-Quartett und Elbtonal Percussion. Nach der Teilnahmemöglichkeit an einer Führung über das seit 2004 der Stadt Bendorf gehörende Denkmalareal Sayner Hütte mit der historischen Gießhalle, wurden die Konzertbesucher zur vielleicht letzten Veranstaltung in die kurz vor ihrem Umbau stehende Krupp’sche Halle geladen. Die Festival-Eröffnung war in Form einer Trilogie gestaltet. Die Kraft der Musik ließ Bilder im Kopf entstehen; zeitgleich entstanden Tusche-Zeichnungen auf Papier – die Koblenzer Grafikerin Anja Bogott, studierte Keramikerin mit eigenen Ateliers in Koblenz-Ehrenbreitstein, ließ sich von der Musik inspirieren. Flankierend gab es auf großformatigen Fotografien die schönsten Bilder der vergangenen Festivaljahre zu betrachten - eine Ausstellung des renommierten Presse- und Auftragsfotografen Herbert Piel. Festivalleiterin und Intendantin Ulrike Piel eröffnete die Veranstaltung, wobei sie besonders all jenen dankte, ohne die die Durchführung des Festivals gar nicht möglich wäre: dem Freundeskreis, den Partnern und Sponsoren. Michael Kessler, Bürgermeister in Bendorf, empfand es als eine Auszeichnung für die kleine Stadt, einen derartig kreativen Festival-Auftakt als „Baustellenkonzert“ hier auszurichten. Als Schirmherr und Mitbegründer schaute der Koblenzer Oberbürgermeister, Prof. Dr. Joachim Hofmann-Göttig, zurück auf die Geburt des Festivals als ein mit Kultur gestaltetes Symbol für Zusammengehörigkeit im Oberen Mittelrheintal. Er schätze das hohe Niveau der Veranstaltungen und die Auswahl der besonderen, als Kulturort oft eher unbekannten Aufführungsorte. Prof. Ingeborg Henzler, stellvertretende Vorsitzende des Festival-Freundeskreises und gebürtige Saynerin, freute sich besonders, dass Bendorf-Sayn als Ort der ersten Veranstaltung gewählt wurde.
Hören, sehen und staunen
Sie habe den Traum, dass eines Tages die Sayner Hütte als UNESCO-Welterbe eingetragen werde. Das Programm des Abends stellte Henzler als eines vor, das zum Hören, Sehen und Staunen anrege. Dazu habe Herbert Piel, der sich selber eher als Handwerker als als Künstler betrachte, mit seinen Fotografien eine wahrhaftige Reminiszenz an das Festival geschaffen. Die in Schwarz-Weiß gehaltenen Bilder zeigen Landschaften des Mittelrheintals, Portraits einzelner Künstler und Begegnungen am Rande der Festivals. Piel beschrieb sie als auf Papier gebannte Erinnerungen, in die viel Emotionalität geflossen sei durch persönliche Erlebnisse voller Nähe und Intimität. Er sei sehr dankbar dafür, seine 34-teilige Bilderstrecke „Faces of Festival“ bei dem diesjährigen Festival, dem der Kulturstaatssekretär „ein tolles Programm, das beste in seiner Geschichte“, bestätigt habe, präsentieren zu dürfen.
„work in progress“
Nach dem Rede-Marathon durfte Anja Bogott schließlich, ausgerüstet mit Papier und Tusche, ihren kunstschaffenden Platz auf dem Boden der Bühne einnehmen, wo eine Kamera ihr „work in progress“ aufnahm, so dass ihr Wirken auf einer Leinwand über der Bühne zu sehen war. Zu der Künstlerin gesellten sich die sechs Musiker, die „Bilder einer Ausstellung“ in einer eher unbekannten Bearbeitung (als die bekannteste gilt die von Maurice Ravel), mit Knopfakkordeon und Geige als dominierende Instrumente, interpretierten. Edouard Tachalow an der Violine, Andrey Golski am Bajan (Knopfakkordeon), Igor Trekusov an der E-Gitarre, Johannes Huth am Kontrabass, Olivier Stritt an Marimba- und Vibraphon sowie Stephan Krause am Schlagwerk nahmen die Gäste mit auf die von dem russischen Komponisten erdachte Entdeckungsreise durch ein imaginäres Museum. Mussorgsky komponierte das Werk in Erinnerung an seinen Freund, den Maler und Architekten Viktor Hartmann. Angeregt dazu wurde er wohl durch eine Gedächtnisausstellung, die nach Hartmanns Tod im Jahr 1873 veranstaltet wurde. Der ukrainische Komponist und Bajan-Virtuose Efim Jourist, der sein Quartett im Jahr 1992 gründete, bearbeitete im Jahr 2003, vier Jahre vor seinem Tod, die „Bilder einer Ausstellung“ für das Sextett, für das das Stück zu einem festen Projekt auf dem Spielplan wurde.
Unter die Haut
Die musikalisch eher heiteren Promenaden, die Mussorgsky einigen der Sätze voranstellte, vermittelten deutlich Bilder von dem zwischen den Kunstwerken umhergehenden Betrachter. Die Fülle an Klangfarben, kombiniert mit dem dynamisch-kraftvollen Spiel des Sextetts ließ die Bilder „der Gnom“, „der Ochsenkarren“ oder „das Heldentor von Kiew“ lebendig werden. Eine unter die Haut gehende, sehr besondere Erfahrung. Träumerische, schwermütige, behäbige, manchmal sogar bedrohlich klingende Passagen, nicht unerheblich beeinflusst durch den Einsatz der Schlagzeuger, wechselten sich ab mit einem unruhigen Klanggewusel, einem mit hohem Spieltempo erzeugten, scheinbar wilden, aber doch sehr bewusst konstruierten Durcheinander, aus dem heraus der Zuhörer dank der expressiven Kraft des Spiels glauben konnte, tobende Kinder, muntere Küken oder lebhaftes Marktgewirr zu sehen. Die musikalische Bildinterpretation endete in einem grandios ausgeführten, gewaltigen und berauschenden Finale.
Den Pinzel tanzen lassen
In der Zwischenzeit hatte Anja Bogott, sich von den Klängen der Musik treiben lassend, fünf Tusche-Zeichnungen vollendet. Nach der Pause konnte sie zu Schostakowitschs bekannter „Suite für Varieté-Orchester“ ihren Pinsel noch einmal tanzen lassen. In einem launigen Spiel bot das Sextett vier der acht Sätze des Werkes dar. Nach Marsch, Kleine Polka, Walzer Nr. 2 und Tanz Nr. 1 wurde das Orchester vom Publikum euphorisch gefeiert. Dafür gab es als Zugabe den russischen Schlager „Dorogoi dlinnoju“, bei uns besser bekannt als „Those were the days“. Ein Eröffnungskonzert dieser Güte macht Appetit auf den Besuch weiterer Veranstaltungen des bis zum 11. September laufenden Festivals.
Die Ausstellung des Fotografen Herbert Piel war an den Seitenwänden der Halle und auf der Galerie oberhalb des Publikums installiert.
Als Schirmherr und Mitbegründer schaute der Koblenzer Oberbürgermeister, Prof. Dr. Joachim Hofmann-Göttig zurück auf die Geburt des Festivals als ein mit Kultur gestaltetes Symbol für Zusammengehörigkeit im Oberen Mittelrheintal.
Anja Bogott zeigt ihre Arbeiten, die sie zu den Klängen von „Bilder einer Ausstellung“ schuf.