Dringend Landärzte gesucht!
Informationsveranstaltung zur ärztlichen Versorgung im ländlichen Raum
KREIS MYK. Am Weltgesundheitstag lud Landrat Dr. Alexander Saftig zu einem Informations- und Diskussionsabend, welcher sich mit der zukünftigen Situation der ärztlichen Versorgung im ländlichen Raum beschäftigte, in die Kolliger Hochkreuzhalle ein. Im Mittelpunkt stand das von der Bundesregierung angestrebte Versorgungsstärkungsgesetz und die damit verbundenen Möglichkeiten, eine gute und flächendeckende medizinische Versorgung für alle Patienten, ambulant wie stationär, zu erhalten. In einer Diskussionsrunde stellten der Kreischef, Gemeinschaftsklinikum-Geschäftsführer Bernhard Mauel, Gesundheitspolitiker Erwin Rüddel und die Vorstandsvorsitzende der rheinland-pfälzischen Kassenärztlichen Vereinigung Dr. Sigrid Ultes-Kaiser ihre Standpunkte zu verschiedenen Zukunftskonzepten vor. Die ausführliche sowie lebhafte Debatte mit zahlreichen Wortmeldungen der Zuhörer bewies: Das Thema brennt unter den Nägeln!
Mit Blick auf die demographische Entwicklung der älter werdenden Gesellschaft mit einem stetig anwachsenden medizinischen Versorgungsaufwand richtet der Landkreis Mayen-Koblenz sein Hauptaugenmerk auf die hausärztliche Versorgung. Dazu der Landrat: „Es ist kein Geheimnis, dass auch Hausärzte älter werden und irgendwann ihren wohlverdienten Ruhestand genießen möchten. Wenn sich dann kein Nachfolger für die Praxis findet, dann muss diese geschlossen werden. Das passiert auf dem Land leider häufiger als in der Stadt. Für die Patienten bedeutet das, dass sie deutlich längere Wege zur nächsten Behandlungsmöglichkeit bewältigen müssen. Es muss uns also in Zukunft gelingen, dem bereits absehbaren Hausärztemangel mit attraktiven Anreizen zu begegnen, um junge und gut ausgebildete Hausärzte für den Flächenkreis zu gewinnen.“
Ausreichend Nachfolger sind jedoch nicht in Sicht: Bis zum Jahr 2025 werden bundesweit 80 Prozent der heute praktizierenden Hausärzte das Rentenalter erreicht haben; lediglich 10 Prozent der aktuell an deutschen Hochschulen eingeschriebenen Medizinstudenten belegen die Fachrichtung „Allgemeinmedizin“.
Der Berufsalltag eines niedergelassenen Hausarztes bringt eine enorme Arbeitbelastung mit sich. 60 Wochenstunden lassen wenig Raum für Freizeit und Familie. Hinzu kommt, dass in inhabergeführten Praxen oft moderne Arbeitszeitmodelle, wie Teilzeit, kaum umsetzbar sind. Auch die hohe Verantwortung der Freiberufler gegenüber seinen Angestellten, gepaart mit dem steigenden Bürokratieaufwand, macht für viele jüngere Mediziner den Beruf als angestellter Arzt im Krankenhaus oder in anderen Versorgungseinrichtungen attraktiver als die Hausarzttätigkeit.
Ziel des von der Bundesregierung angestrebten Versorgungsstärkungsgesetzes ist es, die Rahmenbedingungen für die Tätigkeit von Hausärzten zu stärken und die Regelversorgung in Krankenhäusern zu verbessern. Erwin Rüddel, Westerwälder Bundestagsabgeordneter und Mitglied im zuständigen Gesundheitsausschuss stellte den Gesetzentwurf, der noch in der ersten Jahreshälfte beschlossen werden soll, vor: „Wir haben in Deutschland eines der weltweit besten Gesundheitssysteme und wollen unseren gewohnten Standard erhalten. Ziel ist es, die Kassenärztlichen Vereinigungen dazu zu bringen, dass sie ihre Kompetenzen anwenden und medizinisch unterversorgte Regionen stärker unterstützen, denn die Zuständigkeit für die Niederlassung liegt alleine bei der ihnen.“ Durch die Einrichtung eines Strukturfonds sollen Anreize zu ärztlichen Niederlassung geschaffen werden. Rüddel betont: „Wir wollen keine bestehende Praxis schließen. Praxen sollen vielmehr künftig dorthin verlagert werden, wo sie tatsächlich gebraucht werden.“
Die angedachten Regelungen des Gesetzesentwurfs mit staatlichen Regulierungen oder Zulassungsbeschränkungen stellen jedoch für viele Ärzte einen Widerspruch zur freiheitlichen ärztlichen Berufsausübung dar. Ultes-Kaiser macht deutlich, dass die Politik Rahmenbedingungen schaffen muss, um eine Zukunftsperspektive für junge Ärzte und ihre Familien zu bieten. Familienfreundlichkeit und allgemeine Lebensqualität seien wichtige Faktoren bei der Standortwahl. „Wenn sich der Dorfladen in einer Gemeinde nicht mehr lohnt, dann macht möglicherweise auch die Praxisübernahme keinen Sinn mehr“, so die Vorstandsvorsitzende der rheinland-pfälzischen Kassenärztlichen Vereinigung. Der Geschäftsführer des Gemeinschaftsklinikums-Mittelrhein Bernhard Mauel sieht in Medizinischen Versorgungszentren eine Möglichkeit, auf akuten Hausarztbedarf zu reagieren: „Auch wenn private Lösungen immer Vorrang haben, so dürfen wir nicht völlig außer Acht lassen, dass im Einzelfall auch die kommunale Hand als Träger ein solches Zentrum etablieren kann. Die Patienten haben einen Anspruch auf eine gute wohnortnahe Versorgung.“
Für den Landrat steht fest, dass es keinen Musterweg gibt, der allgemeingültig den Hausärztemangel bewältigen kann. Alle Akteure, ob Politik oder Kassenärztliche Vereinigung, stünden vor großen Herausforderungen. Daher sei es ungemein wichtig, dass man sich immer wieder an einen Tisch setze und die unterschiedlichen Standpunkte vorbringe. „Mit kreativen Lösungen kommt man vielleicht auch an einen Teil des geplanten Innovationsfonds ran.“ Das Versorgungsstärkungsgesetz sieht einen 300 Millionen Euro-Fonds für die Entwicklung von Versorgungsstrukturen und Versorgungsforschung vor.
Bei der Podiumsdiskussion wurden unter-schiedliche Standpunkte zum geplanten Versorgungsstärkungsgesetz deutlich. Von links nach rechts: Gemeinschaftsklinikum-Geschäftsführer Bernhard Mauel, Landrat Dr. Alexander Saftig, Moderator Alexander Böttner, Gesundheitspolitiker Erwin Rüddel und die Vorstandsvorsitzende der rheinland-pfälzischen Kassenärztlichen Vereinigung Dr. Sigrid Ultes-Kaiser.
