Politik | 28.08.2013

Stellungnahme zum Thema: Bauprojekt am Rheindörfer Platz

Tief getroffen von den Reaktionen der Nachbarn

Mit Bezug auf die bisherige Berichterstattung im „Blick aktuell“ - Ausgabe Weißenthurm Nr. 34/2013 - möchte ich als Vorsitzende des Vereins für Menschen mit Behinderung Neuwied/Andernach e.V. zu den nachbarschaftlichen Reaktionen auf das Bauprojekt der Förder- und Wohnstätte gGmbH in Sankt Sebastian und der bisherigen Berichterstattung Stellung nehmen. Unser Verein ist gemeinnützig und mit vielen, auch inklusiven Freizeit- und Betreuungsangeboten in der Behindertenhilfe tätig. Als Gesellschafter der Förder- und Wohnstätte gGmbH in Kettig sind wir an dem Neubau in St. Sebastian beteiligt und haben das Projekt in Rahmen der Erfüllung unserer satzungsgemäßen Aufgaben maßgeblich mitgestaltet. Der Vorstand und auch etliche unserer Vereinsmitglieder, insbesondere die rund 300 Familien aus unserer Region mit Familienangehörigen mit Behinderungen die wir betreuen, beobachten mit Sorge die nachbarschaftlichen Reaktionen aus Kaltenengers auf die neuen Wohngemeinschaften in St. Sebastian. Die Vereinsmitglieder, deren Kinder in eine Wohngemeinschaft in St. Sebastian ziehen werden und die dort ihre Hoffnung auf ein Stück Lebensqualitätfür ihren erwachsenen Sohn, ihre erwachsene Tochter setzen, sind persönlich tief getroffen von den Reaktionen der Nachbarn - angefangen von Pfeifkonzerten beim Spatenstich bis hin zu Darstellungen in Schriftsätzen im Rahmen der mannigfaltigen Prozesse, mit denen unseren Kindern ein selbstbestimmtes Leben am Rheindörfer Platz verwehrt werden soll. Ich habe zwar Verständnis dafür, dass den Nachbarn um Herrn Bräuer der Zustand der Nachbargrundstücke vor Baubeginn besser gefallen hat. Wenn diese zukünftigen Nachbarn aber behaupten, durch das Bauprojekt würden „Wohnqualität und Wohnwert der angrenzenden Grundstücke erheblich beeinträchtigt“, so ist dies ein Schlag ins Gesicht für mich und alle anderen Eltern, deren Kinder von einer schweren Beeinträchtigung betroffen sind. Dass das Oberverwaltungsgericht sagt, „das bloße Interesse, nicht mit dem Anblick und den Lebensäußerungen behinderter Menschen konfrontiert zu werden, ist nicht schutzwürdig“, habe ich deshalb mit Freude zur Kenntnis genommen. Es gibt mir ein wenig das Vertrauen zurück, dass es sich bei der ablehnenden Haltung der zukünftigen Nachbarn in St. Sebastian nicht um eine allgemeine gesellschaftliche Strömung, sondern um einzelne Meinungen von Menschen handelt, die ihre eigenen individuellen Interessen verfolgen. Das diese Interessenverfolgung neuerdings durch die Vereinsgründung der Anwohner unter dem Deckmantel sozialen Engagements geschieht, ist der - hoffentlich untaugliche - Versuch, der Öffentlichkeit Sand in die Augen zu streuen und das egoistisch motivierte Vorgehen von Menschen, die bei den Verwaltungsgerichten vortragen lassen, sie müssten vor dem Anblick behinderter Menschen durch die Gerichte - und zwar per Baustopp - geschützt werden, als etwas anderes darzustellen als es tatsächlich ist: nämlich unsozial und inhuman. Der Vorstand des Vereins ist vom Konzept der „selbst organisierten Wohngemeinschaften“ vom Baukonzept in St. Sebastian überzeugt. Wir stehen als ehrenamtlich Tätige und gleichzeitig betroffene Eltern hinter diesem Konzept und der Umsetzung durch unseren Geschäftsführer, Herrn Dr. Marmann. Wir schauen stets sehr kritisch und verantwortungsbewusst hin, bevor wir unsere erwachsenen Söhne und Töchter in fremde Hände geben. Mit der Förder- und Wohnstätte in Kettig (FWS) sowie den selbst organisierten Wohngemeinschaften, die es bereits gibt, machen unsere Vereinsmitglieder sehr gute Erfahrungen. Dass Herr Bräuer besser zu wissen glaubt, was für unsere Kinder gut und richtig ist, ist für uns nicht nachvollziehbar. Gefragt, ob er unsere Interessen und die unserer Kinder vertreten soll, hat er uns zumindest nicht. Wir verzichten auch gerne. Ebenso gut verzichten können wir auf die Unterstellung, wir würden als gemeinnütziger Verein aus Profitgier handeln, wie beispielsweise auf den Plakaten anlässlich des Richtfestes zu lesen. Weder wir, noch die anderen gemeinnützigen Gesellschafter der Förder- und Wohnstätte, nämlich der Verein zur Betreuung blinder und sehbehinderter Kinder Neuwied e. V. und das Heilpädagogisch-Therapeutische Zentrum Neuwied gGmbH verfolgen wirtschaftliche Interessen. Wir haben bisher kein Öl ins Feuer gießen wollen, weil wir im Interesse der zukünftigen Bewohner in St. Sebastian an einer Befriedung der Situation interessiert sind. Dies erscheint zur Zeit jedoch vor dem Hintergrund der Aktivitäten der Eheleute Bräuer und anderer zukünftiger Nachbarn aussichtslos, so dass wir weitere haltlose Angriffe auf uns als Verein und Gesellschafter der Förder- und Wohnstätte nicht mehr hinnehmen werden.

Kristina Münstermann

Vorsitzende des Vereins

für Menschen mit Behinderung Neuwied/Andernach e.V.

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