Politik | 13.09.2013

Bürgerentscheid zur Grundschullösung in Mülheim-Kärlich

Wir sind Mülheim-Kärlich!

Nicht noch ein Leserbrief!

Zugegeben, das ist hin und wieder auch mein erster Gedanke. Überall ist das Thema präsent: in den Zeitungen, beim privaten Zusammenkommen und im Verein. Ich stelle mir die Frage: Was stört an dem andauernden Schlagabtausch?

Wahrscheinlich ist es die eigene Unschlüssigkeit, das Auseinandersetzen mit den vielen guten (und auch weniger guten) Argumenten beider Seiten und schließlich die am Ende stehende schwierige persönliche Entscheidung. Als Vater zweier kleiner Kinder bin ich in der Jugendarbeit und in Vereinen unserer Stadt engagiert und stehe keiner Partei besonders nahe. Nach reiflicher Überlegung werde ich am 22. September mit „JA“ für die zentrale Lösung stimmen.

Die teilweise emotional vorgetragenen Argumente der 3-Standort-Befürworter erblassen bei objektiver Betrachtung im Lichte sachlicher Argumente. Zum Beispiel wird immer wieder vorgetragen, dass die Klassen einer zentralen Schule zwangsläufig größer sein werden. Sicher ist strittig, ob das stimmt - aber ist auch wichtig?

Wer sich einen Moment Zeit nimmt, sich mit dem Thema konkreter auseinanderzusetzen, wird nach kurzer Recherche feststellen, dass dem nicht so ist. Die empirische Bildungsforschung hat in unzähligen Untersuchungen der vergangenen Jahre festgestellt, dass der Lernerfolg gerade nicht von der Klassengröße abhängt.

Experten sind sich hier ganz überwiegend einig und sprechen bei der Annahme des Gegenteils von einer „Binsenweisheit“.

Vielmehr hängt der Lernerfolg im Wesentlichen von der Lehrperson und dessen Verhältnis zur Klasse ab - nicht aber von der Klassengröße (die in Rheinland-Pfalz ohnehin mit max. 24 Schülern sinnvoll begrenzt ist).

“Nestwärme“ auf Klassenebene

Hier setzt gleich das nächste Argument der dezentralen Befürworter an: das soziale Gefüge. „Nestwärme“ entsteht nach meiner Einschätzung insbesondere auf Klassenebene.

Weder die Größe des Schulhofs, noch die Zahl der Parallelklassen haben maßgeblichen Einfluss darauf, ob Kinder sich in ihrer Klasse wohl und geborgen fühlen.

Ich werde mir für die bevorstehende Schulzeit meiner Kinder vornehmen, mit jedem in der Schule Kontakt zu pflegen, der dazu beitragen kann, meinen Kindern die Schulzeit positiv gestalten zu können. Beherzt man diesen Vorsatz, so kann eine große Schule mit menschlicher Vielfalt punkten. Hilfreiche Vernetzungen zu ortsansässigen Unternehmen, zu Kitas oder Vereinen und nicht zuletzt besondere Fertigkeiten einzelner Lehrer oder gar Eltern stehen dann allen potenziell zur Verfügung und bereichern das Schulleben.

Konstruktive persönliche Zusammenarbeit

Die oft zitierte Kooperation zwischen Kitas und Schulen lässt sich nicht in Metern zwischen den einzelnen Einrichtungen, sondern vielmehr an der konstruktiven persönlichen Zusammenarbeit der Erzieher und Lehrer messen. Wer anderer Auffassung ist, muss dann folgerichtig beipflichten, dass künftig die ebenso wichtige Zusammenarbeit mit den weiterführenden Schulen gefördert wird.

Der Schulweg zu einer zentralen Schule ist ein Nachteil - das ist unbestritten. Bekannte aus kleineren Ortsgemeinden berichten mir aber, dass die Kinder bereits mit dem Bus in den Kindergarten gefahren sind und das völlig unspektakulär war.

Selbstbewusstsein entwickeln Kinder ebenso beim selbstständigen Busfahren wie beim Fußweg. Diesem nennenswerten Nachteil stehen aus meiner Sicht gewichtigere Vorteile gegenüber.

Räumliche Lösung

Ein ganz wesentlicher Aspekt wird bei der zentralen Schule die räumliche und bauliche Lösung sein.

Durch die ausreichende räumliche Trennung zwischen dem bestehenden Schulkomplex und dem geplanten Grundschulstandort an der Kita Schillerstraße sowie durch eine gute bauliche Gestaltung des neuen Schulhofes kann die notwendige Trennung von „den Älteren“ ermöglicht werden.

Neben vielen anderen Vorteilen des zentralen Standorts hätten unsere Kinder auf den Sportplätzen auch wieder eine geeignete Möglichkeit, Sport im Freien zu erleben.

Aus meiner Sicht ist auch nicht wegzudiskutieren, dass aufgrund der demografischen Entwicklung drei Standorte nicht dauerhaft zu halten sind. Hierauf hat Joachim Rünz, der als Führungskraft im Statistischen Landesamtes durchaus als Experte gelten kann, in seinem Leserbrief ganz richtig und überzeugend hingewiesen.

Mit Befremden habe ich einzelne Argumente für die 3-Standort-Lösung wahrgenommen, wie zum Beispiel „Vereinsleben und Brauchtum bleiben erhalten“ und die zentrale Grundschule werde „auf jeden Fall ein gefährlicher Ort für unsere Kinder sein“.

Auch die Verschwörungstheoretiker, die die Gutachten der Fachleute in Frage stellen, sollten Maß halten: Nicht auszudenken, wenn eine Schule über dem Kopf unser Kinder einstürzt.

Ich beantworte die Frage, warum die Mehrheit unserer Ratsmitglieder für einen Zentralen Standort ist, wie folgt: weil es richtig und zukunftsfähig ist. Dass die Fraktionen Geld für eine Plakatierung aufwenden, ist aus meiner Sicht absolut legitim und ein demokratisches Instrument der politischen Meinungsbildung.

Unwohl ist mir bei Aussagen wie „Eine Grundschule für Kärlich!“ Kommt hier des Pudels wahrer Kern zum Vorschein? Geht es manchen um falsch verstandenen Ortsteilpatriotismus unter dem Deckmantel der Kinderinteressen?

Ich wünsche mir für unsere schöne Stadt weiter eine sachliche Diskussion, getragen von dem Leitgedanken „Wir in Mülheim-Kärlich“.

Andreas Mattlener,

Mülheim-Kärlich

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