Wirtschaft | 13.03.2017

20 Jahre regionale, individuelle und vernetzte Neurologische Rehabilitation in Ahrweiler

Eine hochkarätige Tagung zum Jubiläum

Zahlreiche Gäste waren zu dem informativen Symposium angereist .privat

Ahrweiler. Kürzlich hat das Team des Neurologischen Therapiezentrums Rhein Ahr aus der Schülzchenstraße in Ahrweiler zu einem gesundheitspolitischen und wissenschaftlichen Symposium eingeladen. 120 Gäste aus der Region sowie Partner und Kollegen aus der ganzen Republik waren angereist. In seiner Begrüßungsrede zeichnete der Geschäftsführer Udo Bergermann, Physiotherapeut aus Bad Neuenahr, den Weg des Therapiezentrums der letzten 20 Jahre nach: Mitte der 90er Jahre wurde die regionale Reha-Einrichtung durch einen Facharzt und Vertreter fünf lokaler Therapiepraxen gegründet. Vorbild dieser damals in einer Flächenregion noch einmaligen Einrichtung war Prof. Wolfgang Fries mit seinem Team in München. In den letzten 20 Jahre konnten im Ahrweiler Therapiezentrum über 3000 Patienten mit erworbenen Hirnschädigungen, mit Folgen von Schlaganfällen, Schädelhirntrauma, Parkinson und Multiple Sklerose (MS), aber auch Querschnittlähmung, rehabilitiert werden. Weitere 1000 Patienten wurden durch das Zentrum zu ihrem individuellen Versorgungsbedarf und Hilfen überwiegend ehrenamtlich beraten.

Schwerpunkte in der Zukunftsentwicklung

Richard Fischels, Leiter der Unterabteilung Prävention und Rehabilitation des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales, stellte die neuen Schwerpunkte in der Zukunftsentwicklung der Rehabilitation in Deutschland vor. Rehabilitation müsse regionaler, individueller und vernetzter stattfinden. Fischels betonte dabei, dass man im Ministerium die modellhafte Arbeit des Therapiezentrums in Ahrweiler kenne und sehr zu schätzen wisse. Harald Diehl aus dem Landessozialministerium in Mainz wollte eigentlich über die regionale Versorgung von Menschen mit schwergradigen, auch neurologischen Behinderung im Land und in den Kommunen berichten. Das Referat fiel jedoch krankheitsbedingt kurzfristig aus.

Neues Bundesteilhabegesetz

Bernd Giraud, Vertreter der Bundesarbeitsgemeinschaft für Rehabilitation in Frankfurt, skizzierte die Rehabilitation der Zukunft durch die Kostenträger, durch Krankenversicherung, Rentenversicherung, Arbeitsverwaltung und Eingliederungshilfe. Eine wesentliche Verbesserung in diesem unübersichtlichen System der Reha-Versorgung ist vor allem für Schwerbetroffene durch das neue Bundesteilhabegesetz BTHG erkennbar . Der Patient selbst, seine Angehörigen und seine Berater können ab 2018 individuelle Anträge auf Rehaplanung und Bedarfsfeststellung stellen und die Träger MÜSSEN dann tätig werden und einen Hauptverantwortlichen Träger für den gesamten Rehabilitationsprozess benennen.

Dr. Matthias Schmidt-Ohlemann, Leitender Arzt der Kreuznacher Diakonie, berichtete über die Aufgaben der ambulanten und mobil aufsuchenden Rehabilitation besonders schwer betroffener Menschen. Besonders wichtig sei es, die Kommunikation des Betroffenen mit seiner Umwelt mit allen erdenklichen Mitteln zu ermöglichen. Auch die Erarbeitung der sicheren und ausdauernden Sitzfähigkeit, eine vermeintlich banale Aufgabe, sei eine weitere wesentliche Aufgabe der Rehabilitation bei Schwer- und Schwerstbetroffenen, denn nur, wer mindestens 6 Stunden außerhalb des Bettes sitzend verbringen kann, habe die Möglichkeit, am sozialen Leben teilzuhaben. Engagiert appellierte Schmidt-Ohlemann, der auch erste Vorsitzende der deutschen Vereinigung für Rehabilitation ist, dass es bei den heutigen Möglichkeiten der Rehabilitation „einen im Bett liegenden, hilflosen pflegebedürftigen Menschen nicht mehr geben darf“ und dass Rehabilitation und Pflege vor Ort - auch angesichts der bekannten Alters- und Gesundheitsentwicklung in Deutschland - besonders gefordert seien.

Vorstellung praktischer Aspekte

Im zweiten Vortragsblock stellten Referenten praktische Aspekte der neurologischen Reha vor. Prof. Claudia Wendel von der Hochschule Magdeburg-Stendal berichtete über hoffnungsvolle Ansätze der multidisziplinären und mehrdimensionalen Rehabilitation Demenzerkrankter Menschen. Die Referentin ging auch auf neue Erkenntnisse zur Bedeutung von frühkindlichem Stress für die Entwicklung von hohem Blutdruck und Schlaganfall im späteren Leben und die besondere Reha-Erfordernisse für diese früh traumatisierten Menschen ein. Mit großer Begeisterung wurde der Vortrag von Maria Dotzler, Sozialpädagogin aus dem neurologischen Rehazentrum Regensburg und Vorsitzende des dortigen Vereins „Zweites Leben e.V.“, aufgenommen. In Regensburg gibt es seit einigen Jahren das neurologische Nachsorgezentrum (NNZ), welches in ehrenamtlicher Initiative mit einem Spendenaufkommen von 3.8 Mio Euro erbaut und dann der regionalen Eingliederungshilfe zum Betrieb geschenkt wurde. Bis zu 150 Menschen mit erworbener Hirnschädigung können dort sehr alltagspraktische Tagesstrukturierung und langfristige Rehaförderung erhalten. Neben diesem bundesweit beispielhaften Projekt baut der Verein „Zweites Leben“ in der Innenstadt von Regensburg zur Zeit eine Wohneinrichtung mit vielen Wohnungen für Menschen mit Behinderung durch erworbene Hirnschäden. Eine Erfolgsgeschichte, die in vielen Regionen Nachahmer finden sollte.

Vernetzte Arbeitsweise

Barbara Börkel, von Beginn an Sozialpädagogin und organisatorische Leiterin des Neurologischen Therapiezentrums in Ahrweiler, stellte die vernetzte Arbeitsweise des Reha-Teams vor. Zunächst geht es darum, alle für die Rehabilitation des Patienten relevanten Bezugspersonen und Umweltbedingungen zuerkennen und vernetzen, um damit den Patienten medizinisch, psychisch und sozial ganzheitlich fördern zu können. Zum Anderen bemüht sich das Reha-Zentrum darum, regional mit möglichst vielen Institutionen, mit den Krankenhäusern, mit Ärzten, mit Therapeuten und anderen möglicherweise notwendigen Leistungserbringern eng vernetzt zu sein und fallbezogen aktiv zu kommunizieren. Mit dieser zweiten Ebene der Vernetzung wird versucht, die Fortschritte der Rehabilitation in die Lebenswelt des Patienten zu transportieren und nachsorgende Maßnahmen vorzubereiten. Erfolgreiche Rehabilitation vor Ort bedeutet also erfolgreiches Netzwerken.

Psychische und physische Minderbelastbarkeit

Gerd Risse, der Neuropsychologe des Reha-Zentrums in Ahrweiler, berichtete über einen besonders wichtigen, aber oft übersehenen Aspekt der beruflichen Rehabilitation von neurologischen Patienten. Es geht um die häufige, oft aber nicht ausreichend berücksichtigte Form der psychischen und physischen Minderbelastbarkeit, auch Wochen und Monate nach einer relativ gut geglaubten neurologischen Erkrankung. Betroffene Patienten müssen diese heimtückische Minderbelastbarkeit, das Nachlassen von Energie und Aufmerksamkeit, aber auch das Auftreten von Kopfschmerzen und Müdigkeit kennen und durch frühzeitiges Pausenmachen berücksichtigen. Auch die gesunde Umwelt, Familie und Arbeitgeber, müssen über dieses besondere Problem informiert sein und es im Rahmen der Rückkehr ins Leben nach neurologischer Krankheit berücksichtigen. Der Prozess der beruflichen Wiedereingliederung muss wegen dieser Minderbelastbarkeit, aber auch anderen - nicht direkt erkennbaren kognitiven Problemen - mehr als bisher üblich, von neurokompetenten Fachleuten begleitet werden, sonst droht der Patient zu scheitern.

Monika Böhm-Lus von den INTEC Betrieben der Caritas in Bad Neuenahr, einem Teilbetrieb der Werkstätte für behinderte Menschen St. Elisabeth in Sinzig, berichtete dann darüber, wie berufliche Rehabilitation und Wiedereingliederung Schwerbetroffener im zweiten Arbeitsmarkt gelingen kann, wenn der Weg zurück auf den eigenen Arbeitsplatz durch die Hirnschädigung krankheitsbedingt nicht mehr möglich ist. In Zusammenarbeit mit dem Neurologischen Therapiezentrum RheinAhr und den INTEC Betrieben konnten in den letzten Jahren über 25 Personen trotz schwerer Behinderung, den Weg zurück in die Arbeitswelt finden.

Langfristige Sicherung

Zum Abschluss der Tagung berichtete Dr. Paul Reuther, Mitbegründer, Geschäftsführer und langjähriger ärztlicher Leiter des Neurologischen Therapiezentrums in Ahrweiler, dass seit Anfang diesen Jahres das Therapiezentrum in eine gemeinnützige Trägerschaft überführt werden konnte, um den Bestand langfristig zu sichern. Neuer Träger ist ein Verbund von fünf regionalen gemeinnützigen Organisationen. Dieser neue Trägerverbund wird das Neurologische Therapiezentrum in Ahrweiler weiterführen und dessen Aufgabenfelder Zug-um-Zug erweitern. Der gleiche Trägerverbund, die Kreisvereinigungen der Lebenshilfe Ahrweiler und Mayen, Landesverband der Lebenshilfe, Heiltherapeutisches Zentrum Neuwied und St. Hildegardis-Haus eGmbH Düngenheim, wird sein im Aufbau befindliches Medizinisches Zentrum für Erwachsene mit Behinderung Rhein-Land-Pfalz-Nord mit dem Therapiezentrum in Ahrweiler zusammenführen und damit die medizinische Versorgung für erwachsene Menschen mit Behinderung im Norden von Rheinland-Pfalz gewährleisten. Es geht immerhin um 2000 bis 3000 Menschen mit schwerster Behinderung in einem Einzugsgebiet von etwa einer halben Million Einwohnern und 500 bis 600 Menschen im Ahrkreis. Dabei ist ein wesentlicher Gesichtspunkt des neuen MZEB und des Reha-Zentrums, das Angebot von Beratung für erwachsene Menschen mit geistigen und mehrfachen, aber auch schweren neurologischen Behinderungen und ihren Angehörigen regional einfach erreichbar zu machen.

Die neue Einrichtung ist bereits von den Krankenkassen zugelassen. Die ersten Patienten werden voraussichtlich in der zweiten Jahreshälfte 2017 versorgt werden.

Zahlreiche Gäste waren zu dem informativen Symposium angereist .Foto: privat

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