Politik | 20.11.2012, 15:59 Uhr

"Versöhnungsarbeit über den Gräbern"

Gedenkfeier auf dem Soldatenfriedhof in Bad Bodendorf

Zur zentralen Gedenkfeier des Kreises zum Volkstrauertag waren zahlreiche Teilnehmer zum Soldatenfriedhof nach Bad Bodendorf gekommen. RÜ
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Bad Bodendorf. „67 Jahre nach Kriegsende wissen wir, dass es immer noch unbelehrbare alte und junge neu verführte Menschen gibt, die die historische Lektion nicht gelernt haben“, stellte Uwe Bader auf der zentralen Gedenkfeier des Kreises zum Volkstrauertag fest, zu der unter anderem auch die stellvertretende Ministerpräsidentin Eveline Lemke zum Soldatenfriedhof nach Bad Bodendorf gekommen war. Der Leiter des NS-Dokumentationszentrums Rheinland-Pfalz der Landeszentrale für politische Bildung, der in diesem Jahr als Hauptredner auftrat, betonte, dass es daher um so wichtiger sei, dass junge Menschen aller Länder an Soldatenfriedhöfe wie in Bad Bodendorf herangeführt würden.

Erinnerungsarbeit

Wie bei der Erinnerungsarbeit an den Gedenkstätten und der Konzentrationslager gelte auch auf den Soldatenfriedhöfen, dass das Gedenken - verbunden mit der historisch-politischen Aufklärungsarbeit - wegweisend für eine den Frieden bewahrende Zukunft sei. Angebote wie etwa die Workcamps des Volksbundes der Deutschen Kriegsgräberfürsorge, die Jugendlichen verschiedener Länder die Möglichkeit bieten, sich an der Friedhofspflege zu beteiligen, verfehlten ihre Wirkung nicht. Sie rückten die Lebensschicksale der unbekannt gebliebenen Kriegstoten in den Mittelpunkt. Es ginge pädagogisch darum, an Einzelschicksalen darum aufzuzeigen, wohin frühere Regierungen ihre Untergebenen mit Kriegstreiberei und Menschenverachtung geführt hätten. Denn allzu gerne würden Zusammenhänge und Hintergründe des Geschehens in den alliierten Kriegsgefangenenlagern ausgeblendet.

Geschichtsfälschung entlarven

„Wenn die Schicksale Gefallener oder in Kriegsgefangenschaft zu Tode gekommener Soldaten in Geschichtsfälschungen ausgenutzt werden, dann muss das entlarvt und entschieden zurückgewiesen werden“, forderte der wissenschaftliche Experte für Gedenkstätten und die Erforschung von Kriegsgefangenenlagern des Zweiten Weltkriegs. Der von rechtsextremer Seite versuchte Vereinnahmung der Gedenkorte, wie dem ehemaligen Rheinwiesenlager, und der Instrumentalisierung der Gräber von Gefallenen müsse entgegengearbeitet werden. Eine wissenschaftliche Tagung, die im August dieses Jahres in der Gedenkstätte KZ Osthofen zum Thema „Kriegsgefangenschaft 1939 bis 1950“ durchgeführt worden sei, sei ein erster Anfang in diese Richtung gewesen. Die Dokumentation, die alle Formen von Kriegsgefangenschaft während und nach des Krieges unter die Lupe nehme, sei ab kommender Woche in der Landeszentrale erhältlich.

Dokumentation über Kriegsgefangenschaft

Darin würden etwa die auf wissenschaftlicher Basis ermittelten Opferzahlen veröffentlicht. Dabei gehe es nicht zuletzt auch um die Einbindung dieser Todesfälle und ihrer Dimensionen in den Gesamtkontext deutscher Politik der Jahre 1933 bis 1945. Es dürfe nicht vergessen werden, dass das persönliche Leid über die Opfer von Krieg, Diktatur und Gewaltherrschaft sei überall auf der Welt ähnlich. „Darum ist es so wichtig, dass die Versöhnungsarbeit über den Gräbern international erfolgt, und dass sich Deutschland besonders intensiv daran beteiligt“, so Bader.

Sachliche Aufklärung

Auch der vom Landrat zuvor angesprochene und vor drei Wochen von der Kreisverwaltung vorgestellte Film „Kriegsgefangenenlager Remagen/Sinzig 1945“ diene der sachlichen Aufklärung über das historische Geschehen. „Es ist ein wichtiges Medium zur Abwehr der auch zuletzt in der Ahr-Region mehrfach erfolgten Instrumentalisierung des ehemaligen Lagers für Geschichtsfälschung und erfundene Mythen“, führte Bader aus. Und weiter: „Die hier begrabenen Toten des Krieges können sich gegen die Nutzung ihrer Gräber für unfriedliche und unzulässige Zwecke nicht zur Wehr setzen. Darum stehen wir alle in der Pflicht, aufzupassen, dass das nicht mehr passieren kann.“

Keiner erzählte von den Grausamkeiten des Krieges

In den Erinnerungen des 80-jährigen Sinzigers Krottendorfer, der 1945 im Lager auf den Rheinwiesen gefangen war, heiße es: „Die Generation des Ersten Weltkrieges hätte uns besser aufklären müssen. Keiner der überlebenden Soldaten - meinen Vater eingeschlossen - erzählte uns von den Grausamkeiten des Krieges ... Man erzählte nur die angeblich eigenen Heldentaten.“ „Das zeigt uns, wie wichtig es war, ist und bleibt, an das Kriegsgeschehen, die dafür verantwortliche Politik und vor allem an die Leiden der Soldaten zu erinnern. Gewaltverherrlichung und -verharmlosung, Nationalismus, Rassismus und Legendenbildung gilt es kompromisslos abzuwehren“, forderte der Leiter des NS-Dokumentationszentrums, dem vor zehn Jahren die Auszeichnung eines „Ritters im Verdienstorden“ des Großherzogtums Luxemburg zuteil geworden ist.

Bibelzitat als Leitmotiv

„Liebt eure Feinde; tut denen Gutes, die euch hassen“. Das Bibelzitat aus dem Lukas-Evangelium (6,27) lautete diesmal das Leitmotiv der zentralen Gedenkfeier. Dazu zitierte Bade den Jesuiten Keller: „Nur wer sich bemüht, das gewiss nicht leichte Gebot Christi zu befolgen, kann einen Weg finden, der zu einem echten engagierten Frieden und zu wahrer Toleranz führt und nicht zuletzt allem Terrorismus den Boden entzieht“. Politisch gesehen, erfahre das Leitmotiv allerdings dort eine Einschränkung, wo Toleranz im Hinblick auf unterschiedliche Meinungen dafür ausgenutzt werde, den Frieden und die Demokratie zu untergraben. „Es ist eine Schande für den Kreis Ahrweiler, dass eine rechtsextreme Gruppierung mit dem sogenannten ’braunen Haus‘ auch bei uns eine Adresse hatte. Es beschämt uns, wenn rechtsextreme Propaganda diesen Friedhof und andere geschichtsträchtige Orte rund um Remagen immer wieder für ihre Geschichtsverfälschung zu nutzen suchen“, machte Landrat Jürgen Pföhler klar.

"Null Toleranz" gegenüber "Rechts"

Deshalb habe der Kreis in einer Resolution „Null Toleranz“ gegenüber rechtsextremistischen Aktivitäten angekündigt und einen Aktionsplan „gegen Rechts“ gestartet. „Gemeinsam mit unseren Kommunen, der Polizei, unseren Schulen, vielen engagierten Gruppierungen und Bürgern werden wir so immer wieder deutlich machen, dass Rechtsextremismus bei uns keine Chance hat“, betonte Pföhler, der seiner Hoffnung darüber Ausdruck verlieh, „dass seit der Aufklärung der NSU-Morde im letzten Jahr ein Ruck durch unsere Gesellschaft gegangen ist“. Der Landrat erinnerte in diesem Zusammenhang an die „großen Demonstrationen im Frühjahr in der Kreisstadt und den Protest gegen den November-Aufmarsch in Remagen beides zeuge eindrucksvoll von einem breiten Konsens gegen „Rechts“. So werde man 24. November in Remagen gemeinsam wieder ein deutliches Zeichen für Demokratie und Frieden setzen.

Musikalischer Rahmen

Den musikalischen Rahmen der Gedenkfeier haben der Posaunenchor der Evangelischen Kirchengemeinde Bad Neuenahr sowie die Männergesangvereine Bad Bodendorf und Löhndorf gestaltet. Während der Pastor der katholischen Pfarreiengemeinschaft Sinzig, Achim Thieser, das Eingangsgebet sprach, war Pfarrerin Kerstin Laubmann von der der Evangelischen Kirchengemeinde Remagen-Sinzig für das Schlusswort und Gebet ans Mikrofon getreten. Gemeinsam mit der stellvertretenden Ministerpräsidentin Eveline Lemke, Sinzigs Bürgermeister Wolfgang Kroeger, Brigadegeneral Jürgen Setzer, den beiden Obersten Hans-Peter Kaufmann und Peter Hanika sowie Vertretern des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge und des Sozialverbandes VdK schloss der Landrat die Gedenkfeier mit der Kranzniederlegung.

LÜ

Zur zentralen Gedenkfeier des Kreises zum Volkstrauertag waren zahlreiche Teilnehmer zum Soldatenfriedhof nach Bad Bodendorf gekommen. Foto: RÜ

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