Zweiter Teil der Artikelreihe zur Flüchtlingssituation in Andernach
Asylbewerber in Andernach - die Ränder der Gesellschaft zur eigenen Mitte machen
Das Haus der Familie in Andernach - Menschlichkeit und kompetentes Engagement in einem Zentrum der Hilfe
Andernach. Im Mai informierten wir umfassend über die aktuelle Asylbewerber-Situation in Andernach, stellten dar, dass die Verantwortung für die Unterbringung und Versorgung von Flüchtlingen beim Sozialamt liegt. Heute berichten wir über das weitere Instrumentarium von Starthilfen in der Stadt. Wir geben einen Einblick in die Arbeit haupt- und ehrenamtlich „helfender Hände“ im sozialen Netzwerk des „Hauses der Familie“. Viele aktiv Beteiligte versuchen in Andernach, zusammen mit den Bürgerinnen und Bürgern ein Klima der Akzeptanz und menschlichen Solidarität für die Migranten zu schaffen. „Blick aktuell“ wollte wissen, wie es um die sogenannte „Willkommenskultur“ in der Bäckerjungenstadt bestellt ist.
„Häuser der Familien“ stehen in rheinland-pfälzischen Landkreisen und kreisfreien Städten seit Jahren als Anlaufstellen nicht nur Familien offen. Auch die Arbeit mit Migranten zählt vielfach zu deren Aufgaben-Repertoire. In dieser Einrichtung, seit 2009 auch in Andernach, finden Interessierte soziale Angebote unter einem Dach. Das „Haus der Familie“, im ersten Obergeschoss der Gartenstraße 4, wird von der Stadt getragen und durch das Landes-Ministerium für Integration, Familie, Kinder, Jugend und Frauen gefördert. Es ist sicher der herausragende soziale und pädagogische Anlaufpunkt im Umkreis Andernachs. Den Verantwortlichen gelang es, dort in den vergangenen Jahren ein beeindruckendes und effektives Netzwerk an Beratungsstellen, karitativ und pädagogisch wirkenden Einheiten und Teams zu entwickeln, das sich auch den Herausforderungen unserer Gesellschaft im Zusammenhang mit der Migration (Einwanderung) von Menschen stellt. Zur Gruppe der Migranten in Andernach zählen auch die, nach jetzigem Stand, bis Ende des Jahres rund 300 anerkannten bzw. auf ein Asylverfahren wartenden Flüchtlinge, auf die wir in unserer Betrachtung den Fokus richten. Weitere Informationen zu den vielfältigen internen und externen Funktionseinheiten und Partnern des HdF finden Sie im Internet unter www.andernach.de. Mit Vertreterinnen und Vertretern des HdF-Netzwerks sprach Michael Krupp über ihre Arbeit und Erfahrungen.
Bei Janine Schäfer laufen die Fäden zusammen
Als pädagogische Leiterin des Hauses der Familie koordiniert Janine Schäfer (Amt für Jugend und Soziales) seit 2012 die zahlreichen Netzwerkaktivitäten, stimmt diese mit Partnern und Teams konzeptionell ab. Indem sie auch in kommunalen Planungsgremien mitwirkt, ist sie ein Bindeglied zu den sozialpolitisch Verantwortlichen. Janine Schäfer blickt zurück auf ihren Start im HdF. Die Arbeit für und mit Migranten hat sich in ihrem Verantwortungsbereich seitdem zu einem Schwerpunkt entwickelt: „Damals kamen etwa 100 Besucher zu unserem Mittagessen am Europafest, im vergangenen Jahr waren es schon 250. Auch beim Ferienprogramm ist das Interesse stark gewachsen.“
Janine Schäfer freut sich über die wachsende Bereitschaft der Andernacher, sich in den Dienst der Sache zu stellen. Ein Beispiel: An einem Informationsabend zum Thema Sprachpatenschaft nahmen über 40 Personen teil. Mehr als 30 standen dem HdF danach für das Feld „Sprachförderung“ zur Verfügung. Im HdF hat sich zwischenzeitlich eine effektiv einsetzbare ehrenamtliche „Mannschaft“ für die Bewältigung der neuen Herausforderungen aufgestellt. Zurzeit werden notwendige Schulungs- und Informationsmaßnahmen zu unterschiedlichen Themenbereichen durchgeführt, um den Ehrenamtlichen eine tragfähige Ausgangsbasis zu geben. Das „Café Treffpunkt“ im HdF, das von der Perspektive gGmbH betreut wird, ist für Janine Schäfer sozusagen das Herzstück. Hier treffen sich Menschen unterschiedlichster Kulturen, fühlen sich hier ein bisschen zu Hause. Im „Café Treffpunkt“ werden auch neu eintreffende Asylbewerber begrüßt und erste Kontakte geknüpft. Das Café, in dem es auch eine Spielecke für Kinder gibt, ist montags bis donnerstags von 8 bis 16.30 Uhr und freitags bis 11.30 Uhr geöffnet und steht jedem offen (Eingang: Gartenstraße 4).
Migrationsarbeit - Ehrenamtliche bringen sich ein
Die ehrenamtliche Mitarbeiterin Mahnaz Loosen kam mit ihrem Sohn 1987 als politisch bedingter Flüchtling nach Deutschland. Damals habe es die heutige Willkommenskultur und das soziale Angebot noch nicht gegeben, sagt sie. Die beherzte Iranerin ist aufgrund ihrer eigenen Erfahrungen nah an der Gefühlswelt und den Bedürfnissen der Asylbewerber, von denen sie jeden Einzelnen kennt. Mahnaz Loosen ist verantwortlich für die Organisation, die Beratung und Betreuung im Rahmen der Migrationsberatung im HdF. Mit einer Reihe von Mitstreiterinnen und Mitstreitern gibt sie den „Schützlingen“ die erforderlichen Orientierungshilfen, koordiniert die Aktivitäten der Ehrenamtlichen und vermittelt Rat- und Hilfesuchende bei Bedarf an die zuständigen Netzwerkpartner.
Die Migrationsberatung im HdF verfügt mittlerweile über ein mit ausländischen Mitbürgern gut besetztes Übersetzer-Team. Weitere Kräfte haben sich der Sprachförderung der Ankömmlinge angenommen. Außerdem gibt es Helferinnen und Helfer, die den Migranten beim Ausfüllen von Formularen behilflich sind sowie Arbeitsgruppen, die mit Sachleistungen zur Verbesserung der Lebenssituation von Migranten beitragen oder sich nach positivem Abschluss eines Asylverfahrens um die Wohnsituation ihres Klienten kümmern. Mahnaz Loosen beschreibt ein Phänomen: „Migranten neigen dazu, in große Städte zu gehen. Früher haben die meisten daher Andernach verlassen. Heute möchte niemand mehr aus Andernach wegziehen. Sie fühlen sich hier geschützt, haben Vertrauen gefunden.“
Geschulte und von der Persönlichkeit her geeignete Ehrenamtliche nehmen sich als Familienpaten einfühlsam und wirkungsvoll der Probleme von Flüchtlingen an. Eine anspruchsvolle Aufgabe, die ein hohes Maß an Sensibilität erfordert. Mahnaz Loosen sieht im Engagement aller Beteiligten auch eine gewisse Vorbildhaltung für die Empfänger der menschlichen Zuwendungen: „Wenn die Kette der Menschlichkeit nicht bricht, wenn das, was die Betreuten bei uns erleben, auf sie abfärbt und sie in ihrem Umfeld so weitermachen, dann haben wir was erreicht.“
Wir fragen, woran es der Migrationsarbeit noch fehlt. „An Geld, zum Beispiel für die Anschaffung von Wörterbüchern in verschiedenen Sprachen oder für die Unterstützung unserer Ferienprogramme“, sagt uns Mahnaz Loosen. Das Haus der Familie freut sich also über Spenden auf das Konto der Stadtverwaltung Andernach, Kennwort „Flüchtlingsarbeit im Haus der Familie“ IBAN: DE 7557 6500 1000 2000 3802, BIC: MALADE51MYN bei der Kreissparkasse Mayen.
Eine „Lobby“ für rund 2.500 Menschen
Wolfgang Lübke ist seit 2012 Vorsitzender des Beirats für Migration und Integration. Dieses Gremium, das aus 15 Beiräten besteht, vertritt in der, so Wolfgang Lübke, „Multi-Kulti-Stadt“ Andernach (Menschen aus 89 Nationen leben hier) die Interessen der ausländischen Mitbürgerinnen und Mitbürger, auch der Asylbewerber. Alle fünf Jahre werden in der Stadt rund 2.500 Menschen ausländischer Herkunft zur Wahl aufgerufen. Wolfgang Lübke beschreibt die Zielsetzung der Interessenvertretung: Der Beirat fördert die Verständigung untereinander. Er setzt sich vor allen Dingen für die Gleichstellung von ausländischen und deutschen Einwohnerinnen und Einwohnern ein, fördert auch die kulturelle Vielfalt in Andernach. Dabei ist ihm die Zusammenarbeit mit dem Kompetenz-Center „Haus der Familie“ sehr wichtig. Wolfgang Lübke möchte seinem Gremium „ein Gesicht geben“, damit der Bekanntheitsgrad der Zielsetzungen und Mitwirkenden wächst. Als angehender Ruheständler freut sich der Beiratsvorsitzende darüber hinaus, sich künftig mehr als Ehrenamtlicher im Haus der Familie einbringen zu können.
Caritas - Christliche Nächstenliebe
Unter der Überschrift „Caritas“ finden Interessierte im Organigramm des HdF nicht nur die Ansprechpartnerinnen der Migrationsberatung und des Migrationsprojekts des katholischen Wohlfahrtsverbands Caritas, sondern auch Diakon Peter Helmling. Dr. Peter Helmling, approbierter Arzt, jetzt Diakon der katholischen Pfarreiengemeinschaft, kam im Jahr 2013 nach Andernach. Er orientierte sich zunächst im „sozialen Raum“ der Stadt, fand dann den Schwerpunkt seines Wirkens in der Arbeit mit Flüchtlingen. Peter Helmling begründet sein Engagement in einer Asylbewerber-Unterkunft in der Nähe des Rheinhafens, in der junge alleinstehende Männer wohnen: „Die Ränder einer Gesellschaft zur eigenen Mitte zu machen, gehört zum Wesen des Diakonats. Diesen Menschen die Distanz zur Mitte der Gesellschaft etwas zu verkürzen, darin sehe ich eine reizvolle Aufgabe.“
Derzeit leben 16 Asylbewerber in dem Haus, überwiegend aus Afghanistan. Viele der Bewohner trifft Peter Helmling dienstags bei der Tafel. Das Wohnheim besucht er ein- bis zweimal in der Woche. Peter Helmling fühlt sich ähnlich, wie ein Herbergsvater: „Meine Jungs wissen, dass ich für die katholische Kirche arbeite, aber in puncto Unterstützung spielt die Religionszugehörigkeit keine Rolle.“
Interreligiöse Toleranz zu lernen, so Peter Helmling, sei notwendig, wenn mehrere Glaubenskulturen auf engstem Raum aufeinandertreffen. Ernsthafte Schwierigkeiten habe es bisher nicht gegeben. Er achtet darauf, dass die Bewohner pünktlich zu Terminen erscheinen, dass anfallende Anträge ordnungsgemäß ausgefüllt werden, dass die Männer in einigermaßen sauberer Kleidung unter die Leute gehen, genügend zu essen und zu trinken haben. Im Auftrag der Pfarreiengemeinschaft darf er auch Waren- und Essensgutscheine abgeben. Am Wichtigsten erscheint ihm aber, etwas Zeit für die Bewohner zu haben, ihnen zuzuhören, vor allem Interesse für die Geschichte ihrer Flucht zu zeigen. „Daraus entwickeln sich dann die Aufgaben wie von selbst“. Der „Schutzengel“, wie Mahnaz Loosen ihn liebevoll nennt, sieht sich auch in einer Brückenfunktion zu den städtischen Gremien und zum Haus der Familie und lobt den allgemein herrschenden Geist der Kooperation.
Für die Verständigung mit syrischen Flüchtlingen unterstützt ihn eine Übersetzungs-App. Wenn Peter Helmling auf Deutsch ins Smartphone spricht, kann sein Gegenüber die elektronische Übersetzung in arabischer Sprache hören. „Umgekehrt funktioniert es genauso, trotzdem sind die Übersetzungen manchmal sehr witzig.“ Aus Spendengeldern der Pfarreiengemeinschaft soll in Kürze in Zusammenarbeit mit städtischen Bediensteten ein Carport aufgebaut werden, damit Fahrräder nicht mehr in den Zimmern und Fluren der Unterkunft stehen. Außerdem, so stellt der erlebbare Menschenfreund in Aussicht, sollen noch Receiver angeschafft werden, damit es den Bewohnern möglich sei, TV-Informationen aus ihren Heimatländern zu empfangen. Der katholische Diakon begrüßt es, dass er als ein Vertreter der Kirche in der städtischen Einrichtung ehrenamtlich mitwirken kann: „Das ist in der heutigen Zeit, zwischen Kirche und Welt, keine Selbstverständlichkeit.“
Peter Helmling hat eine Vision: „Wer das Wohnheim für männliche Asylbewerber in Andernach sucht, muss sich ganz an den Stadtrand begeben. Er findet es hinter dem Tierheim. Für mich liegt darin eine gewisse Symbolik. Darin keine endgültige Tatsache zu sehen, betrachte ich als Motivation für meine künftige Arbeit.“
Das Schlusswort haben Betroffene
Janine Schäfer, Mahnaz Loosen, Peter Helmling und Wolfgang Lübke sind sich einig, wenn sie nach ihrer Bewertung der Asylbewerber-Situation in Andernach gefragt werden. Sie loben übereinstimmend die gute Atmosphäre und betrachten das, was in Andernach in diesem Bereich geleistet wird, als Vorbild für andere Kommunen. Eine gute Motivation für alle, sich weiter für die Migrationsarbeit im „Haus der Familie“ zu engagieren.
Während wir das Gespräch führen, warten im Flur bereits einige Rat und Hilfe suchende Menschen. Unter den Wartenden die Familie Mausavi, die vor etwa drei Monaten in Andernach eintraf. Vor ihrer Flucht aus dem von Krieg und Gräuel durchzogenem Afghanistan, war die Mutter von zwei Söhnen als Lehrerin tätig. Ihr Mann arbeitete als Handwerker in einem US-Camp. Der Gefahr der politischen Verfolgung und der Folgen des Krieges ausgesetzt, verkaufte die Familie ihr Haus, um das erforderliche Geld für die Schlepper aufzubringen.
Auf dem Landweg, tagelang auch zu Fuß, kamen die damals mit ihrem zweiten Sohn schwangere Frau und ihr Mann sowie der ältere Sohn über den Iran, die Türkei, Griechenland, Ungarn und den Kosovo in unser Land. Wir fragen (Mahnaz Loosen übersetzt), wie sie bei uns empfangen wurden, wie die Familie sich hier aufgehoben fühlt. Frau Mausavi: „Wir haben auf unserem langen Weg viel erlebt. In Deutschland erfuhren wir wirklich Menschlichkeit. Wir sind froh, dass wir Asylbewerber in ihrem Land so freundlich und menschlich aufgenommen werden.“
