Ein Vortrag von Günter Haffke im Sitzungssaal des Historischen Rathauses
Der Erste Weltkrieg – die Urkatastrophe?
Andernach. Der Frage „Der Erste Weltkrieg - die Urkatastrophe?“ stellte sich der Referent, Günter Haffke, in seinem interessanten Vortrag zum Ersten Weltkrieg als ersten Programmpunkt des Historischen Vereins Andernach im gut besuchten Sitzungssaal des Historischen Rathauses.
In der Literatur zum Ersten Weltkrieg kann man immer wieder lesen, dass die Ermordung des österreichischen Thronfolgers Franz Ferdinand am 26. Juni 1914 in Sarajewo zur Begründung eines österreichischen Ultimatums und der Kriegserklärung (28. Juli 1914) an Serbien führte und damit zum Anlass der Ersten Weltkriegs wurde.
Wie und warum kam es zum Ersten Weltkrieg?
Aber warum blieb dies nicht ein begrenzter Konflikt, sondern weitete sich zum Flächenbrand und zum „Weltkrieg“ aus? Günter Haffke wusste dies schlüssig durch die damalige Bündnispolitik der sogenannten „Mittelmächte“ (Deutsches Reich und Österreich-Ungarn), infolge auch das Osmanische Reich und Bulgarien, gegen die „Entente“ genannten europäischen Staaten Frankreich, England, ab 1907 auch Russland und Italien zu erklären. Eine vorausschauende, diplomatische Politik – vor allem des Deutschen Reiches- hätte aber zu jeder Zeit, da ist sich der Referent sicher, die Weichen anders stellen können.
Der Krieg war nicht unvermeidlich, aber die Gegensätze zwischen den europäischen Großmächten im Zeitalter des Imperialismus - verstärkt durch den Rüstungswettlauf und die deutsch-britische Flottenrivalität – und die seit der Abtrennung von Elsass-Lothringen bestehende Gegnerschaft zwischen Frankreich und Deutschland, schließlich auch der Interessengegensatz zwischen Russland und Österreich auf dem Balkan ließ Europa in einen Krieg „schlingern“, der sich nach und nach zum Weltkrieg entwickelte, der Arabien, Japan, Indonesien, die Kolonien Frankreichs, Englands und Deutschlands und die USA mit einschloss.
Haffke beleuchtet diesen Krieg in all seinen Facetten – auch als Materialschlacht einer modern aufgestellten Waffenindustrie. Da die Männer sich im Krieg befinden, stehen Frauen an den Maschinen und in den Produktionshallen – ein Aspekt, der bei der Einführung des hart erkämpften Frauenwahlrechts nach dem Krieg eine nicht unerhebliche Rolle spielte.
Erfindung neuer Waffen verlängerte sinnlosen Stellungskrieg
Die Erfindung neuer Geschütze, des Panzers und des Jagdflugzeugs sorgten nicht für eine Verkürzung des Kriegsgeschehens, sondern für eine enorme Verlängerung eines sinnlosen Stellungskrieges, der letztlich rund neun Millionen Soldaten das Leben kostete. Dazu kommen etwa sechs Millionen Zivilisten und fast 20 Millionen Verwundete. Darunter viele mit Amputationen jeglicher Art, die die Greuel des Krieges im Straßenbild der Weimarer Republik deutlich machten – ganz zu schweigen von den traumatisierten und psychisch geschädigten Menschen. Neu und hinterhältig nennt Haffke den Einsatz von Giftgas, welches ein Forscher der BASF erfunden hatte. Der „unsachgemäße“ Gebrauch führte auch immer wieder zu Opfern in den eigenen Schützengräben.
Einsatz neuer Medien für Propaganda
Selbstverständlich gehörte zur Kriegsführung auch der Einsatz neuer Medien im Sinne der Propaganda. Die Erfindung einer kleinen, handhabbaren Rollfilmkamera dokumentierte den Krieg in bis dahin nicht gekannter Weise, aber bietet auch ein beredtes Beispiel zum Einsatz manipulierter Bilder. Dazu kamen Plakate oftmals in Form eingängiger Karikaturen, um den Gegner als unmenschliches Monster zu diffamieren, politische Legenden zu illustrieren (man denke an die berühmte „Dolchstoßlegende“) und den Durchhaltewillen der Bevölkerung zu manipulieren.
Manipulierten Kriegsdenkmäler die Massen?
Für die Zivilbevölkerung war der Krieg eine Katastrophe. Mangelwirtschaft, Krankheit und Hunger waren Alltag und schrumpfende Rationen nicht geeignet die anfängliche Kriegsbegeisterung weiter zu befeuern. Doch die Propaganda bleibt auch nach dem Krieg ein beliebtes Instrument zur Manipulation der Massen. Zählen Kriegsdenkmäler dazu? Der Referent bekennt sich zu seinen Vorbehalten gegenüber solcher Gedenkstätten, seien es Soldatenfriedhöfe, Ehrenmale für Gefallene und verweist auf die Gefahr der Verklärung gefallener Soldaten zu „Helden des Vaterlands“, die nachfolgende Generationen gern als Rechtfertigung neuer kriegerischer Auseinandersetzungen benutzt haben.
Gerechter Frieden bleibt idealistische Vorstellung
Nach dem Krieg wird Deutschland im „Vertrag von Versailles“ allein für den Krieg verantwortlich gemacht und zu Reparationszahlungen und Gebietsabtretungen gezwungen, das Heer auf eine Mindestgröße reduziert. Die Vorstellungen des damaligen amerikanischen Präsidenten Wilson von der Schaffung eines gerechten Friedens auf Grundlage des Selbstbestimmungsrechts der Völker bleibt idealistische Vorstellung. Allein die schwierige Definition von Volk (Menschen einer gemeinsamen Sprache oder einer gemeinsamen Abstammung oder eines gemeinsam bewohnten Gebietes?) und Selbstbestimmung in welcher Form (demokratisch oder mit gewähltem Autokraten?) zeigt die Schwierigkeit in der Umsetzung und hat letztlich bei der Neuordnung keine Rolle gespielt. Neu kreierte Vielvölkerstaaten wie die „Tschechoslowakei“ oder „Jugoslawien“ lassen grüßen. Die bis heute nachwirkenden Versuche Frankreichs und Englands Arabien unter sich aufzuteilen, was zu bis heute anhaltenden Konflikten im „Nahen Osten“ führte - die Reihe der Auswirkungen auf die Welt ließe sich weiter fortführen…
Wer profitierte vom Ersten Weltkrieg?
Wer aber hat vom Ersten Weltkrieg profitiert? Zu nennen wären da neue Nationalstaaten wie Polen, Kriegsgewinner, vor allem Waffenproduzenten und durch die Zuweisung neuer Rollen in der Weltpolitik z. B. die USA als neuer „Global-Player“. Die Zuhörer bedankten sich beim Referenten mit einem ordentlichen Applaus.
