Ein nachdenklich machender Theaterabend im Marienhaus St. Josef
„Demenz ist etwas Fließendes“
Fragen und Antworten um die Krankheit Demenz - bewegend dargestellt von Thomas Borggrefe
Bad Breisig. „Hat jemand meine Brille gesehen, weißt Du, wo ich den Hausschlüssel habe?“ Solche Zeichen von „Schusseligkeit“ kennt (fast) jeder, und man schiebt sie in der Regel auf „normale“ altersbedingte Vergesslichkeit. Aber sie können auch erste Anzeichen von einer beginnenden krankhaften Demenz sein. Und wohin diese Krankheit führen kann, das versuchte der Schauspieler Thomas Borggrefe einem hoch interessierten Publikum im Saal des Marienhaus Seniorenheims St. Josef, zu vermitteln. Der Mime ist zugleich protestantischer Geistlicher und lange Zeit als Seelsorger mit so betroffenen Kranken befasst. Sein Theater - Event „Dachstube“ war von Martina Gruber, der Sozialpädagogin und mit Hilfe des Fördervereins des Marienhauses organisiert. In dem von dem holländischen Regisseur Titus Tiel Groenestege inszenierten und durch Beschallungstechniker Clemens van Engelen stets punktgenau unterstützten Theaterstück erzeugte der Darsteller über eine Stunde lang atemlose Spannung, aber auch Betroffenheit und Anteilnahme. Borggrefe spielt mit großer Darstellungskunst das Schicksal von Gerd Mayer, einem bisher gefeierten Orchesterdirigenten, den die Musik durch alle Stationen seines Lebens und des dann einsetzenden Verfalls begleitet. An Johann Sebastian Bachs 6. Brandenburgischem Konzert macht das Spiel uns zunächst bewusst, wie sehr gute Musik das Gehirn und den Körper in gewisse Ordnung bringen und die menschliche Bewegung koordiniert steuern kann. Was Menschen bewegt, bleibt in der Erinnerung haften. Besonders das Positive.
Das logische Denken schwindet
Der beginnende Dämmerzustand des seiner verstorbenen Ehefrau nachtrauernden Musikers wird den Zeugen bewusst, wenn der Akteur Edward Griegs triste Melodien dirigiert. Der Umgang mit dem Orchester und der Komposition Antonin Dvoraks läuft aus dem Ruder. Sohn Paul merkt es, wird aufmerksam, stellt Fragen: „Wer ist die Frau neben Dir auf dem Foto?“ „Eine Sängerin.“ „Wusste Mama von Deiner großen Liebe?“ Die Sphären - Klänge aus der Feder Dvoráks erinnern an die Entwicklung der einstigen „großen“ Liebe - heute erkennt er die Geliebte nicht mehr. „Der Doktor hat dir Pillen verschrieben - wo sind sie? Warum hast du sie nicht genommen?“ Der langsame Abschied vom logischen Denken wird offenbar, der Verlust des vernunftvollen Handelns, der schwieriger werdende Umgang mit den alltäglichen Dingen. Lebensmittel veralten, werden verwechselt, der Patient wirkt konfus, verlegt immer häufiger Dinge, hat Wahnideen. Er sieht diebische Elstern im Baum, die ihm seine Uhr geklaut haben. Mayer hört Töne, die nicht sind. Der fortschreitende Verfall dokumentiert sich in der Brille, die er im Mülleimer deponiert, im Portemonnaie, das im Papierkorb liegt, im verschimmelten Brot, das er nicht in den Abfall wirft.
Hilfe wird nicht angenommen
Plötzlich erkennt Mayer alt bekannte Personen nicht mehr. Aber - Hilfe wird nicht angenommen: „Ich kann alles alleine!“ Selbst gegenüber Angehörigen: „Wer bist du?“ Sprachstörungen vermehren sich. Die Motorik verschlechtert sich. Wirre Gedanken tanzen im Kopf herum. Aber gottlob: Was man nicht behalten kann, das kann man auch nicht vergessen. Nur die Musik schwirrt wie eh und je durch das Gehirn, jetzt aber nur noch wirr und ungeordnet. Mozarts Zauber genialer Harmonien, Dvoráks hämmernde Rhythmen, alles vermengt, durcheinander, miteinander verwoben; der geistige Verfall des einstigen Meisterdirigenten ist erschreckend. Ganz wenig helle Momente. Dann wieder das Abdriften.
Nichts geht mehr ohne Hilfe
Pauls erschreckter Ruf: „Hast du etwa in den Blumentopf gepisst!?“ Es reicht: „Jetzt ist Schluss - du schaffst es nicht mehr allein!“ Die bedauernswerte Pflegerin, die der Patient auch nach Wochen nicht erkennt, geschweige denn akzeptiert. „Paul, wer ist diese Frau?“ Sie gibt sich dennoch Mühe: „Herr Mayer, sie haben schon drei Kekse gegessen, das ist genug.“ Aber jede Mahnung ist sinnlos. Das Gehirn ist wie eine Zwiebel: Schicht über Schicht. Die oberste Schale ist die Erinnerung, und die schwindet zuerst. Auch daran, dass es draußen friert, wenn man sich als „Engel“ in den Schnee legt. „Paul, wo ist die Mama, die war doch sonst immer für mich da.“ „Mama ist doch schon zehn Jahre tot.“ Ratten mit langen Schwänzen sieht er an der Decke, er hat Angst. Paul stellt sich vor ihn: „Ich bewache dich, dir passiert nichts! Dich holt keiner ab.“ Noch nicht! Von fern klingt die Totenglocke. Mayer in immer tieferem Dämmerzustand. Verwechselt das Besteck, isst Suppe mit der Gabel. Sieht imaginäre Erscheinungen, hört Stimmen, die es nicht gibt. Alles ist weg. Noch einmal ein Aufblitzen des Gehirns:
Tiefe Stille
Mayer holt seinen Frack aus der Truhe, schreitet an das Dirigentenpult, hebt den Stab und dirigiert - ein Orchester, das es längst nicht mehr gibt. Unter Rachmaninows aufrüttelndem Klavierquintett zieht das ganze Leben noch mal an Mayer vorbei, die schöne Jugend, der erfolgreiche Beruf, die Liebe in Variationen, die Geburt von Paul - ein letztlich erfülltes Dasein. Das Herz klopft, zuerst laut, dann immer leiser, dann tiefe Stille. Das war’s - das Herz hat aufgehört zu schlagen. Stumm steht der Mime und aus der Betroffenheit des Publikums löst sich erst langsam der lange, anerkennende Beifall, geschuldet der schauspielerischen Leistung.
So ist Demenz?
In der folgenden Unterhaltung des Darstellers mit dem Publikum schält sich heraus: So kann Demenz sein. Aber: Die Krankheit hat viele unterschiedliche Gesichter. Thomas Borggrefe: „Demenz ist etwas Fließendes“, fasst der aus langjährigem Umgang mit solcherlei Kranken zusammen. „Jeder Demenz-Kranke ist ein Schicksal für sich und braucht viel verständnisvolle Zuwendung. Der eine Kranke ist unruhig, der zweite fahrig, der dritte aggressiv. Niemand weiß so recht, was in dem Kranken vorgeht. In dem betroffenen Menschen bleibt eine große Innenwelt bestehen, die oft nicht bis zum kranken Gehirn vordringt.“ Bleibt die große Frage: „Wohin mit dem Demenz-Kranken?“ Natürlich sollte er möglichst lange zu Hause betreut werden - auch medizinisch, auf jeden Fall mit viel Liebe. Demenz ist nicht heilbar, der Fortgang ist aber medizinisch zu verzögern. Pater Rainer, der langjährige Hausgeistliche des Seniorenheims St. Josef sagt: „Auch als Geistlicher tut man sich schwer, diesen Dingen gerecht zu werden. Dafür fehlt uns einfach die Ausbildung. Wir können nur Zuneigung und im Rahmen unserer Aufgabe seelsorgerische Hilfe anbieten.“ Die Veranstaltung „Dachstube“ war ein großes Theater - Ereignis rund um die Krankheit Demenz, sie lässt letztlich mehr Fragen offen, als sie Antworten geben kann.
Von Schauspieler Thomas Borggreefe faszinierend dargestellt: Der einst gefeierte Orchesterdirigent Mayer verharrt in seiner Traumwelt, bevor er der zerstörerischen Demenz in die Hände fällt.
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