Haribo macht die Gemeinde Grafschaft froh
Die Goldbären kommen nach Ringen
Auf 30 Hektar sollen im Innovationspark Rheinland ein Logistikzentrum und ein Produktionsstandort entstehen
Grafschaft. Groß war der Jubel auf der Grafschaft, als die Neuigkeit bekannt wurde: Der Bonner Süßigkeitenhersteller Haribo will einen weiteren Standort im Innovationspark Rheinland bei Ringen in der Gemeinde Grafschaft errichten. So steht es in einer gemeinsamen Pressemitteilung des Weltkonzerns und der rheinland-pfälzischen Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD). Auf einer gut 30 Hektar großen Fläche im Innovationspark sollen in den kommenden Jahren zunächst ein Logistikzentrum und anschließend ein weiterer Produktionsstandort entstehen. Über die Höhe der geplanten Investitionen hielt sich das Bonner Unternehmen mit einem geschätzten Jahresumsatz von zwei Milliarden Euro bedeckt, doch rechnen Experten mit Gesamtkosten in der Größenordnung einer halben Milliarde Euro.
Wenn alles gut laufe, sollen die Bagger dort bereits in einem halben Jahr mit den Bauarbeiten für das Logistikzentrum beginnen, das für die Belieferung der Kunden in Deutschland, Nordfrankreich und den Beneluxstaaten zuständig sein werde. In einem Hochregallager sollen dann auf 11.400 Palettenplätzen die Produkte des erfolgreichen Konzerns, von denen die „Goldbären“ wohl die berühmtesten sind, gelagert und weitertransportiert werden. Der Zeit- und Kostenersparnis wegen sollen zwar auch gleich in einem Aufwasch einige Produktionshallen mit errichtet werden, doch produziert werde dort voraussichtlich erst in einigen Jahren. Wann genau das sein wird, wollte das Unternehmen zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht verraten. Ohnehin sei mit der Fertigstellung des neuen Standorts nicht vor 2015 zu rechnen.
Logistisch geeigneter Knoten
Nach wie vor will Haribo seinen Firmenhauptsitz in Bonn-Kessenich beibehalten. Den neuen Standort direkt an der Autobahn A 61 bezeichnete der geschäftsführenden Gesellschafter Hans-Guido Riegel als „logistisch geeigneten Knotenpunkt, wodurch der Güterverkehr auf ein Minimum reduziert wird“. Mit dieser Weichenstellung für die Zukunft schaffe Haribo auch in den kommenden Jahren stetig zusätzliche Arbeitsplätze und stärke bewusst den Standort Deutschland, trotz alternativer Angebote aus dem Ausland. Im Innovationspark Rheinland sollen für den Anfang Arbeitsplätze im niedrigen dreistelligen Bereich entstehen.
„Heute ist ein guter Tag für Rheinland-Pfalz, für den Kreis Ahrweiler und die Gemeinde Grafschaft“, freute sich Ministerpräsidentin Malu Dreyer, dass die Entscheidung für Rheinland-Pfalz getroffen wurde. „Mein Dank geht an die Gesellschafter von Haribo, insbesondere an die geschäftsführenden Gesellschafter Dr. Hans Riegel und Hans Guido Riegel, sowie an all diejenigen, die den Weg für diese Investition geebnet haben. Es ist eine Investition in die Zukunft und in Arbeitsplätze. Wir sind stolz darauf, dass die kleinen Haribo-Goldbären den Weg in die weite Welt jetzt bald auch von Rheinland-Pfalz aus antreten werden.“ Der Innovationspark Rheinland sei ein äußerst geeigneter Standort in der Nähe vom Firmenhauptsitz in Bonn.
Wichtigste Firmenansiedlung in der Geschichte der Grafschaft
Bürgermeister Achim Juchem (CDU) konnte sich eine Reminiszenz an den berühmten Werbespruch des Goldbärchen-Herstellers nicht verkneifen: „Haribo macht die Grafschaft froh!“, gab er seiner Freude über den gelungenen Ansiedlungscoup Ausdruck. Er sei einfach nur glücklich, „denn das ist die wichtigste Firmenansiedlung in der Geschichte der Grafschaft, und wir sind voller Stolz, dieses Weltunternehmen begrüßen zu dürfen.“
Dem schloss sich auch Kreisstadt-Bürgermeister Guido Orthen (CDU) an: „Einen Weltmarktführer in unserer Nachbarkommune Grafschaft zu haben, kann der hiesigen Wirtschaftsstruktur und dem Arbeitsmarkt nur guttun. Das wird sich auch positiv auf Bad Neuenahr-Ahrweiler auswirken.“ Landrat Dr. Jürgen Pföhler ergänzte, er sehe dies als ein starkes Signal auch für weitere Investoren, sich im Kreis Ahrweiler anzusiedeln. „Wir haben uns gegen zahlreiche attraktive Mitbewerber aus Nordrhein-Westfalen durchgesetzt und sind Gewinner im harten Standortwettbewerb“.
„Ohne Bürgermeister Juchem wäre das nicht gelungen“
Die erfolgreiche Ansiedlung sei vor allem ein Verdienst von Bürgermeister Achim Juchem, unterstrichen nicht nur Michael Schneider und Thomas Schaaf von der Grafschafter CDU. „Ohne Juchem wäre das nicht gelungen!“, waren sie überzeugt. Damit habe sich der lange Atem der Gemeinde Grafschaft bezahlt gemacht. Bereits unter Bürgermeister Hubert Kolvenbach seien Ende der 1990er-Jahre erste Kontakte für das Projekt „Haribo-Ansiedlung“ geknüpft worden, und Kolvenbachs Nachfolger Achim Juchem habe Anfang 2005 das Thema übernommen. Es habe sich ausgezahlt, an den hervorragenden Standort im Innovationspark Rheinland zu glauben, so die CDU-Grafschaft. Auf die Gemeinde Grafschaft komme nun eine neue Ära zu, zeigten sich Schneider und Schaaf überzeugt. „Eine sehr große gewerbliche Investition mit mehreren Tausend Arbeitsplätzen und einem hohen Steueraufkommen wird unseren Gewerbestandort Grafschaft nachhaltig stärken.“ Die CDU-Bundestagsabgeordnete Mechthild Heil postete auf Facebook ein Foto von sich mit einer Tüte Gummibären und nannte die Entscheidung einen „tollen Erfolg der Gemeinde unter Federführung von Bürgermeister Achim Juchem.“
Einsatz von Ministerpräsidentin und Minister entscheidend
„Wir freuen uns ungemein und sind auch dankbar, dass Haribo sich für die Grafschaft als neuen Standort entschieden hat“, fanden auch der SPD-Ortsvereinsvorsitzender Udo Klein und Fraktionschef Hubert Münch. „Die Menschen auf der Grafschaft, aber auch im gesamten Landkreis und darüber hinaus werden enorm davon profitieren. Die positiven Auswirkungen sind nicht hoch genug anzusetzen.“ Dabei sei es sicherlich sehr hilfreich gewesen, dass im Entscheidungsprozess die SPD-Abgeordneten Petra Elsner und Andrea Nahles sowie die Grafschafter SPD insgesamt ihre guten und direkten Kontakte zur Landesregierung einsetzen konnten. „Am Ende waren es Ministerpräsidentin Malu Dreyer und Minister Roger Lewentz, die durch ihren persönlichen Einsatz den Ausschlag gegeben und den Weg für die Grafschaft geebnet haben“, erklärten Klein und Münch. Ihr Dank gelte aber auch Bürgermeister Juchem und den Kollegen des Rates. „Es war kein einfacher Weg, und viele haben uns manchmal auch belächelt. Aber wir wussten immer, dass wir Haribo ein gutes Angebot unterbreiten und es schaffen können, uns gegen starke Konkurrenz durchzusetzen, wenn alle an einem Strang ziehen.“ Die Grafschafter SPD-Landtagsabgeordnete Petra Elsner ergänzte: „Ich bin überzeugt, dass die Entscheidung für das Unternehmen goldrichtig ist.“
1500 Lastwagen pro Tag als Nebeneffekt
Sie sehe in der Ansiedlung dieses traditionsreichen Unternehmens eine Bestätigung für die ausgezeichneten Rahmenbedingungen, die die Grafschaft Unternehmen biete, fand auch Wirtschaftsministerin Eveline Lemke (Grüne) aus Bad Bodendorf. Der Grafschafter Grünen-Chef Mathias Heeb jubelte ebenfalls: „Das ist eine riesige Sache. Das ist wirtschaftlich gesehen der Coup, den die Gemeinde da gelandet hat. Diesen Erfolg kann sich aber auch Achim Juchem auf die Fahne schreiben.“ Allerdings werde die Ansiedlung auch Nebeneffekte haben: „1500 Lastwagen pro Tag sind kein Pappenstiel.“
Die FDP-Vorsitzende der Grafschaft, Christina Steinheuer, zeigte ebenfalls Begeisterung. Die Wirtschaftsredakteurin eines Fachverlages für Lebensmittel und Einzelhandel kenne das Unternehmen gut: „Dass Haribo zu uns in die Grafschaft kommt, ist die beste Nachricht der letzten Jahre. Es ermöglicht uns Perspektiven und eine Entwicklung, von der wir sonst nur träumen könnten.“ Dabei meint die FDP-Politikerin nicht nur die künftig sprudelnden Steuereinnahmen, die der Kommune Handlungsspielraum geben, sondern auch den mit der Ansiedlung verbundenen Imagegewinn. „Zu uns kommt ein Weltmarktführer. Haribo ist nicht nur in Deutschland und Frankreich, sondern in einer Vielzahl von Ländern Marktführer im Bereich Zuckerwaren, ein kerngesundes Unternehmen mit hervorragend positionierten Produkten.“ Das Unternehmen sei nicht nur für die Gemeinde Grafschaft, sondern für den gesamten Kreis Ahrweiler ein Wachstumsmotor. In der Grafschaft solle nicht nur produziert werden, es gebe auch Pläne, die Verwaltung und sogar das Haribo-Museum in die Grafschaft zu verlegen. Steinheuer freut sich auf eine gute Zusammenarbeit: „Was wir als Kommunalpolitiker tun können, werden wir tun, um dafür zu sorgen, dass sich das Unternehmen Haribo mit seinen Mitarbeitern bei uns wohl fühlt. Wir Liberalen setzen uns stets für ein unternehmerfreundliches Klima ein, denn Arbeitsplätze sind das beste Sozialprogramm.“
Rheinbach wollte mehr als ein Hochregallager
Gelassen reagierte derweil der Rheinbacher Bürgermeister Stefan Raetz auf die Entscheidung gegen Rheinbach, das ebenfalls lange im Rennen um die Ansiedlung war, er habe damit bereits gerechnet. Seit zehn Jahren sei man mit Haribo in Gesprächen gewesen, lange Zeit habe man sich Hoffnungen auf eine Ansiedlung gemacht. Doch die Verhandlungen über ein 25 Hektar großes Grundstück seien vor etwa einem Dreivierteljahr gescheitert. „Haribo sprach nur von einem Hochregallager, wir haben aber darauf bestanden, dass auch die Produktion hierherkommt.“ Diese Zusage habe das Unternehmen aber nicht gegeben, „nur für ein Lager mit relativ wenigen Arbeitsplätzen war uns die Fläche aber zu schade“, so der Verwaltungschef. „Ich bin aber froh, dass das Rumgeeiere beendet ist, denn nun können wir uns auf andere Interessenten konzentrieren. Bei uns gehen fortlaufend Anfragen ein.“ Allerdings habe er auch den Eindruck, dass das Land Nordrhein-Westfalen nicht alles getan habe, um Haribo zu halten, obwohl er das Wirtschaftsministerium mehrfach darum gebeten habe.
