Jürgen Pföhler und Hans Boes besuchen ländliche Betriebe im Kreis Ahrweiler
„Landwirte dürfen nicht am Tropf der Politik hängen“
Trotz der guten Ernte sind die Bauern unzufrieden wegen der Reglementierungsflut aus Brüssel
Kreis Ahrweiler. Die wichtigste Nachricht vorab: Die Landwirtschaft hat eine gute Ernte eingefahren und stellt sich erfolgreich den immer höheren Anforderungen. So bestehen sie in „schwierigen Zeiten“, wie es Hans Boes, Chef des Bauern- und Winzerverbbandes, bei der Kreisbereisung von Landrat Jürgen Pföhler formulierte. Spezialisierungen, Aussiedlungen und höhere Effektivität bei geringerem Personaleinsatz sind nötig, um im harten Konkurrenzkampf nicht unterzugehen. Das zeigten zwei fortschrittliche Landwirtschaftsfamilien einen Vormittag nicht nur Pföhler und Boes, sondern Verwaltungsfachleuten und Kommunalvertretern. Erste Station war in Brohl-Lützing der Hof von Lothar und Brunhilde Godert, die mit ihrem Sohn das 170 Hektar große Areal bearbeiten - mit 70 Mutterkühen, Pferdezucht und Fleckvieh. Seit 33 Jahren Familienbetrieb, steht jetzt schon die dritte Generation in den Startlöchern, stellte der Bauer stolz vor. Hans Boes hatte die Delegation eingeladen und lobte, dass Landrat und Kreis immer gut mit den Gemeinden und der Politik zusammenarbeiteten. „Der ländliche Raum bekommt 23.000 Euro im Jahr für seine Weiterentwicklung. Es ist auch einmalig, dass ein Kreis in einem Bauern- und Winzerverband Mitglied ist. Das zeigt die Verbundenheit, hier läuft es optimal.“ Als „gut aufgestellt“ stufte Jürgen Pföhler die Landwirtschaft im Kreis ein, sprach aber auch von einem „schwierigen Geschäft“. So kritisierte er scharf, dass die Grüne Woche abgesagt worden sei, ohne mit den Bauern zu reden. Auch die politischen Rahmenbedingungen aus Europa machten den Landwirten das Leben schwer. „Sie sind abhängig von der hohen Politik und haben keine Möglichkeit, sich dagegen zu wehren.“
Die Konkurrenz ist stark
Mutterkuhhandel und Ackerbau betreiben Lothar Goder und seine Familie. Sie seien ausgesiedelt und mit dem Haus aufs Feld gezogen, um nah an der Produktion zu sein. Eine Besonderheit ist seine Ziegenherde, die dafür sorgt, dass die Weiden nicht zu hoch wachsen. „Das dient auch dem Landschaftsschutz“, führte der Landwirt an. „Mit diesen 40 bis 50 Tieren haben wir ganzjährig einen guten Erfolg.“ Seine Pferdezucht habe sich gewandelt. „Freizeitpferde sind heute nicht mehr gefragt. Viele Reiter hatten früher ihr eigenes Pferd, stellten es dann professionell unter. Heute fehlt oft das Geld für dieses Hobby. Die Nachfrage nach Dressurpferden ist hingegen groß, liegt bei 90 Prozent der Tiere. Allerdings suchen die Reiter hoch qualifizierte Pferde, und große Zuchten bieten entsprechend viele Tiere an. Die Konkurrenz ist sehr stark. Von den fünf Fohlen in diesem Jahr haben wir vier bereits verkauft, unser Gestüt hat einen guten Namen.“
Der Bauer als Allroundtalent
„Die Landwirte dürfen nicht am Tropf der Politik hängen. Wir müssen uns allein durchsetzen. Viele Bauern haben sich in die Hand der Politik gegeben und selbst die Schuld, dass sie nun danach springen müssen. Wer nicht nach Subventionen geschielt und sich abhängig gemacht hat, der ist heute eher in der Lage, sich unabhängig auf dem Markt zu bewegen“, erklärte Hans Boes und ergänzte: „Die Bauern haben heute durch Technik und Betriebsvergrößerungen, durch moderne Fuhrparks und Spezialisierungen einen höheren Lebensstandard, bessere Arbeitszeiten. Allerdings kommen auch neue Belastungen hinzu. Wer erfolgreich sein will, muss Betriebswirt sein, Computerfachmann, Biologe, Chemiker und Fachmann auf etlichen anderen Gebieten. Er ist alles vom Manager bis zum Knecht.“ Am liebsten seien den Landwirten als Kunden Menschen mit Garten, so Boes. Denn wer selbst anbaut, der weiß auch, was wie wächst. Zum Beispiel auch, dass eine Frucht nicht genormt, sondern auch schon mal unansehnlich aussieht. „Doch sie schmeckt trotzdem.“
Soja neu im Angebot
Bei der zweiten Station der Kreisbereisung ging es nach Heimersheim auf den Hof von Peter und Cornelia Schlagwein. Ganz neu im Angebot ist Soja. Nach Raps, Weizen, Gerste und Roggen. „Wir wollen neue Wege beschreiten und haben eine Marktlücke erschlossen“, erklärte der Bauer. Sohn Niklas erläuterte: „Die Sojabohnen aus unserer Produktion sind gentechnikfrei und daher für laktosefreie Milch geeignet. Die großen Sojanationen Brasilien und Argentinien produzieren zum größten Teil gentechnisch verändertes Getreide. Wir haben bereits feste Abnehmer mit hohen Qualitätsansprüchen. Soja dient auch als Kraftfutter für Schweine, Hühner und Puten. Im ersten Jahr erwarten wir drei Tonnen. Nach dem Preis wird sich entscheiden, ob sich das rechnet und wir dann mehr als zehn Hektar Fläche mit Soja bepflanzen.“ Peter Schlagwein zeigte sich sehr zufrieden mit der gesamten Ernte, Regen und Sonne seien zur richtigen Zeiten gekommen. So erwies sich für die Landwirtschaftsfamilie in dritter Generation der Bau der 840 Quadratmeter großen Halle hoch über Ehlingen als Glücksgriff. „Es war im Ort zu eng geworden. Zufahrt und Abfahrt der Althofställe wurden einfach immer problematischer. Die rund 20 Maschinen standen überall verstreut, die Wege von den 130 bewirtschafteten Hektar waren zu weit. Das Alles ist nun viel praktikabler“, meinte Cornelia Schlagwein. Lob für beide Betriebe sprachen Landrat und Bauernführer aus. Die Familien Godert und Schlagwein hätten sich erfolgreich der Konkurrenz gestellt und auf ihren Höfen neue Wege beschritten.
Sojaanbau im Kreis Ahrweiler - Die Familie Schlagwein hat eine Marktlücke für deutsche Produzenten entdeckt.
