Professor Dr. Sell redete beim Neujahrs-Empfang der Kreis-CDU
Ohne Zuwanderung überlebt die Gesellschaft nicht
Bad Breisig. Die CDU des Kreises Ahrweiler hatte zum traditionellen Neujahrsempfang eingeladen. Nach dem Sektempfang mit vielen gegenseitigen guten Wünschen zum Neuen Jahr ging es zum zweiten Teil des CDU-Treffens, zur Vortragsveranstaltung mit Landrat Dr. Jürgen Pföhler und Professor Dr. Stefan Sell. Viele Ehrengäste wurden durch Ingrid Näkel-Surges und ihre Stellvertreterin - zugleich Bad Breisigs Stadtbürgermeisterin - Gabriele Hermann-Lersch begrüßt, so die Bundestagsabgeordnete Mechthild Heil, Ex-Landrat Egon Plümer,viele Bürgermeister, Ortsvorsteher, Mandatsträger, Funktionäre aus Wirtschaft und Schulbereichen. Dann gehörte das Mikro Dr. Jürgen Pföhler. Der äußerte sich in erster Linie zu seiner erneuten Bewerbung für das Amt des Landrats. In Rückblick und Ausblick schilderte er zunächst, wie er sein Amt erlebt hat. „Mich interessiert in erster Linie die Begegnung mit den Menschen unserer Region. Ich hatte in meiner Amtszeit mehr als 1000 Auswärts-Termine. Ich habe mein Amt gerne wahrgenommen und möchte noch einmal viel bewegen - mindesten soviel, wie bisher.“ Der Ahrkreis stehe ausgezeichnet da. Er sei eine Region mit großer Lebensqualität. Beispiele: Der Kreis sei hinsichtlich Schulen und Kitas hervorragend aufgestellt. Immerhin habe man 180.000 Millionen in kreiseigene Schulen investiert zusätzlich immerhin 65.000 Mio in Kitas. Seit Beginn der Vorschrift habe man 1000 U-3 Kita-Plätze geschaffen. Weiter liege ihm die Unterstützung des Ehrenamts am Herzen. In der Förderung sei der Kreis vorbildlich. Man denke nur an Feuerwehren, sowie an Jugend- und Seniorenarbeit. Ein drittes großes Anliegen sei ihm, Dr. Pföhler, die niedrige Arbeitslosigkeit. Zur Zeit vier Prozent, das sei so gut wie Vollbeschäftigung. Dies sei in erster Linie ein Verdienst des Mittelstands, der Kreis und die Kommunen könnten nur das dazu notwendige günstige Klima beitragen. Pföhler: „Unser Kreis steht gut da. Aber: Stillstand wäre tödlich. Die Probleme des demografischen Wandels könne man nicht weg diskutieren.“ Damit war die Brücke geschlagen zum Referat von Professor Dr. Stefan Sell. Der Volkswirtschaftler und Sozialpolitiker gestand angesichts des Terrors in Paris: „Was einem in meiner Aufgabenstellung nie passieren dürfte: Ich bin sprachlos. Hier stoßen Konflikte an die Oberfläche, die unser heutiges Thema berühren: Die demografische Entwicklung…“ Viele damit zusammenhängende Dinge könne man nicht beeinflussen. Dabei sei die Überalterung nicht in jedem Fall negativ zu sehen. Allerdings, von der Mentalität, der Staat sorge für alles, auch im Alter, müsse man sich verabschieden In 2014 gehen in Deutschland 290.000 Männer zusätzlich in Rente, bei den Frauen 140.000. Und die Zahl der Zuwanderer: 27.000. Für jeden müssten wir dankbar sein. Wir brauchen jeden - Polarisierung gegenüber Zuwanderern ist Unsinn. Was die Pegida - Demonstrationen Dresden angeht: Haben die vergessen, dass ein Araber in Dresden der größte, hochgeschätzte Arbeitgeber ist? Der muss sich komisch berührt fühlen, wenn er die Sprüche hört. Unsinn ist die Überflutung der Hochschulen. Allgemeine These: Ohne Studium bist du nichts. So ein Unsinn. „Es wird demnächst zwar genügend Akademiker geben, aber keinen, der die Toilette repariert.“ Es gibt demnächst zwar ausreichend Ärzte - aber deren Arbeitsmoral hat sich extrem gewandelt. Es will keiner mehr 70 Stunden den Kranken helfen, selbst Ärzte wollen pünktlich Feierabend haben. Das duale Bildungssystem ist für die Zukunft unverzichtbar: Wir müssen wieder mehr Handwerker heranziehen, mehr Fachleute statt Akademiker. Viel mehr junge Leute müssen wieder einen einträglichen Beruf lernen. Dazu gehört ein Schulabschluss, der viel zu oft fehlt. Klarstellung - auch für die Region: Es werden viel zu wenig Kinder geboren - die Schulen werden leerer, die Klassen kleiner. Die Bildungslandschaft wie bisher kann sich der Kreis auf die Dauer nicht leisten. Generationenproblem: Vor 50 Jahren, also 1964, wurden 64.000 Kinder geboren. Die Kindergärten und Grundschulen waren in der Folge überfüllt. Heute, bei 1,4 Kindern je Frau, sind es zu wenige. Damals gab es zu wenige Lehrstellen für die vielen Bewerber; heute ist es umgekehrt: Die Handwerker suchen dringend Nachwuchs. Allerdings: Er müsste die Voraussetzungen mitbringen, mindestens Schulabschluss. Und wenn sich aktuell ein Babyboom einstellte - es wäre schon zu spät. Er würde sich für die gegenwärtige Generation nicht mehr auswirken. Also: Wir brauchen Migranten, wir brauchen Zuwanderer, wir brauchen Weiterbildung für ungelernte Arbeitskräfte. Schon heute würde alles zusammenbrechen, wenn osteuropäische Hilfskräfte nicht bei der Pflege helfen würden - in Krankenhäusern und Altenheimen. Wir würden im Müll ersticken und die Straßen wären nicht gereinigt, wenn wir nicht auf Ausländer zurückgreifen könnten. Es ist durchaus angebracht, möglichst viele Migranten zu veranlassen, dass sie sich bei uns niederlassen und die Lücken schließen. Aber: „Nehmen Sie die Zuwanderer so, wie sie sind. Auch wenn die Pflegerin ein Kopftuch trägt, kann sie eine hilfreiche Kraft und tüchtig sein.“ Immerhin schrumpfe der Kreis Ahrweiler bis zum Jahr 2030 um 36 Prozent seiner Menschen im ausbildungsfähigen Alter, habe dafür aber 54 Prozent mehr Bürger über 80. Die Konsequenzen müsse man sich bewusst machen. Viel Beifall dankte dem Referenten. Bei dem folgenden Imbiss wurden die Aussagen von Prof, Dr. Sell eifrig diskutiert und manche Rückschlüsse gezogen.
Prof. Dr. Stefan Sell bei seinem Referat.
