Allgemeine Berichte | 12.03.2013

Vortragsabend des „Forum Kultur“ in Bad Breisig

„Sprechen ist eine Wohltat“

Dr. phil. Mathias Jung begeisterte sein Publikum in der Christuskirche

Dr. Mathias Jung bei seinem Vortrag.FA

Bad Breisig. „Wie redest Du eigentlich mit mir?“ war die provokante Frage, mit der Dr. phil. Mathias Jung seinen eineinhalbstündigen Vortrag zum Thema „Meine Sprache - meine Seele“ auf den Weg brachte. Die Ankündigung seines vierten Solo-Auftritts hatte die Evangelische Christuskirche bis auf den letzten Platz gefüllt. Das Gastspiel wurde organisiert durch Brigitte Kiblitzky von der städtischen Tourist - Info, zusammen mit der Inge Gaebel, Pfarrerin der Christus - Pfarrei. Die Idee und Einladung zu dem Vortrag gingen aus vom „Forum Kultur“ der Quellenstadt unter Bernd Lang. Bernd Lang stellte den Vortragenden in seiner beruflichen Aufgabe als Verhaltens -Therapeut und Philosoph am Gesundheitszentrum „Bruker - Haus“ auf der Lahnhöhe vor, dazu als Autor von mehr als 40 Ratgeber - Büchern. Dr. Mathias Jung selbst wies auch diesmal wieder nach, dass die in den Medien gelesenen Vorschusslorbeeren völlig zutreffend waren; er ist nicht nur ein überaus kenntnisreicher Mann seines Fachs, sondern auch ein Rhetoriker, der das Publikum in seinen Bann zieht. Sein Thema war der zwischenmenschliche Alltag. „Sprich mit mir, und ich sage Dir, wer Du bist!“ Viele Konflikte entstehen durch fehlende oder unzureichende Konversation. Der erfahrene Paar - Therapeut schildert viele Beispiele aus seiner Praxis, gibt den Akteuren Namen. Zum Beispiel die überaus geschwätzige Erika und Horst, der große Schweiger. Sie formuliert 100 Vorwürfe wie ein Wasserfall. Am Ende die Frage: „Horst, Hast Du mich verstanden?“ Er kurz und bündig: „Nein!“ Dr. Jung macht es lustig, er zitiert Tucholsky, der solche starke Wortkaskaden mit dem Ausspruch charakterisiert: „Sie sprach so viel, dass die Zuhörer heiser wurden.“ Die Ursache für Erikas Probleme: Schon der erste Mann in ihrem Leben, der Vater, hat ihr nie zugehört. Er handelte nach dem Urteil „Kindermund tut Unsinn kund!“ Dabei ist die Wort-Intelligenz von Kindern überaus zu beachten und gibt viele Hinweise auf spätere Umgangsformen. Dr. Jung fordert beispielhaft Achtung und Wertschätzung untereinander. Wenn besagte Erika sich - wie hier - weiterbilden will zur Gemeindereferentin hat man dies zu akzeptieren. Auf der anderen Seite sollte sie von Horst nicht verlangen, dass er am Samstagmorgen die Wohnung staubsaugt und Großeinkäufe macht. Und ein bisschen mehr liebevoller Umgang könnte die Atmosphäre beruhigen: Küsschen beim Weggehen und beim Heimkommen fördert die Partnerschaft. Erika und Horst sind gerettet. Der falsche verbale Umgang ist die Falle für Zerwürfnisse untereinander. Schon eine liebevolle Anrede hilft, Ärger zu vermeiden. Und wie schnell entstehen Streitereien. Beispiel: Er mürrisch, verschlossen, abweisend. Ihre Bemühungen, ihn aufzulockern, haben nur mäßigen Erfolg. Sie ist überzeugt: Er hat ein Verhältnis und sie verzweifelt. Dann findet sie sein Tagebuch mit dem Eintrag: „Schalke nur 3:3, aber trotzdem guten Sex.“

So sind die Männer, stellt sie beruhigt fest. Um die Zuhörer zu fesseln und sie angesichts des oft wenig lustigen Themas bei Laune zu halten, scheut sich der clevere Protagonist auch nicht vor dem Einstreuen von pointenreichen Wortspielen bis hin zum Kalauer. Zum Beispiel: „Hör mir gefälligst zu, wenn ich Dich unterbreche!“ Oder das Treffen zweier Freunde nach 20 Jahren. „Was macht Deine Frau?“ „Sie ist gestorben.“ „Was hat sie denn gehabt ?“ „Eine Boutique.“ „Wie kam sie ums Leben?“ „Genick gebrochen. Auf der Treppe ausgerutscht, als sie im Keller Sauerkraut holen wollte.“ „Und was hast Du gemacht?“ „Nudeln…“. Lachsalven lockern auf und machen aufmerksam für weitere Paar - Probleme aus dem Alltag. Er erläutert verschiedene Verfahren zur Problembewältigung: Der heimliche Appell, der paradoxe Appell, der offene Appell, und Beispiele dazu. Ob Appelle auch beim krankhaften Alkoholismus helfen? Alle Alkoholiker leugnen doch ihre Probleme. Sechs Millionen Deutsche leiden an Alkohol-Missbrauch. „Es ist keine Schande, Alkoholiker zu sein, aber es ist eine Schande, nichts dagegen zu tun!“ Dr. Jung schildert ein Beispiel, wo und wie ein Mann die Alkohol - Abhängigkeit seiner Partnerin besiegt hat. Der Vortragende fordert weiter guten Sprech-Stil. Ob in der Ehe oder wo auch immer: Von den ständigen „Du“ - Botschaften (Du musst, Du darfst, Du sollst) abrücken zu Gunsten von mehr „Ich“ - Botschaften (Ich empfehle, ich würde, ich darf). Das entspannt das Zusammenleben. Lustige Einlage: „Können Sie mir sagen, wie ich zum Bahnhof komme?“ „Kann ich leider nicht, aber es ist schön, dass wir einmal darüber gesprochen haben.“ Weitere Auskunft: „Über Sex weiß ich gar nichts - ich war immer verheiratet!“ Zurück zum eigentlichen Thema: Sprechen. Wichtige Feststellung: Sprechen ist eine hohe Kunst, Zuhören ebenfalls. Beides muss man bewusst pflegen. Beides kann zu gegenseitigem Respekt ausgebaut werden. Über allem aber steht die Liebe - auch die Eigenliebe. Wer sich nicht selbst liebt, der kann auch nicht geliebt werden. Und viel angemessenes Sprechen ist ein wahrer Motor der Liebe! Langer Beifall dankt Dr. Mathias Jung für den lehrreichen, aber auch höchst unterhaltsamen Abend.

Dr. Mathias Jung bei seinem Vortrag.Foto: FA

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