Politik | 15.07.2013, 13:10 Uhr

Caritas Ahrweiler zur Erfolgsgeschichte

Tafeln müssen überflüssig werden

Private Hilfsinitiativen lindern die Not, doch beseitigen nicht die Armut

Kreis Ahrweiler. Mit der Gründung der ersten deutschen Tafel - ursprünglich eine Nothilfe für Obdachlose - begann vor 20 Jahren in Berlin eine Erfolgsgeschichte, die schnell ganz Deutschland erfasste. Heute gibt es bundesweit über 900 im Dachverband Deutsche Tafel zusammengeschlossene Einrichtungen mit mehr als 3000 Ausgabestellen, die hauptsächlich Lebensmittel sammeln und kostenlos oder gegen ein geringes Entgelt an Menschen mit niedrigem Einkommen abgeben. Die Tafellandschaft ist vielfältig. Die privat, unabhängig und/oder überkonfessionell organisierten Tafeln finanzieren sich ausschließlich über ihre Mitglieder, Sponsoren und aus Spenden. Einnahmen werden zur Deckung der Kosten verwendet, jedoch nicht zum Zukauf von Ware. Rund 50.000 ehrenamtliche Helfer sammeln jährlich etwa 100.000 Tonnen Lebensmittel und verteilen sie an 1,5 Millionen Bedürftige, von denen ein Drittel Kinder und Jugendliche sind. Bei einem gemeinsamen Austausch Ende Mai im Neubau der Caritas Geschäftsstelle Ahrweiler zwischen ehrenamtlichen Tafelmitarbeiterinnen und -mitarbeitern, der Steuerungsgruppe Tafel und Seelsorgerinnen und Seelsorgern des Dekanats Remagen-Brohltal wurde über die „Ahrweiler Tafel“ gesprochen.

Auch im Kreis Ahrweiler können zahlreiche Menschen von ihrem Einkommen oder unzureichenden staatlichen Minimalleistungen kaum noch leben. Für sie sind die Angebote der „Ahrweiler Tafel“ oft die letzte Möglichkeit, irgendwie über die Runden zu kommen. Die Arbeit der Tafeln ist heute von größerer gesellschaftlicher Bedeutung als je zuvor. Die direkte Hilfe mindert akute Notlagen, fördert Solidarität und soziale Kontakte, bewahrt Lebensmittel vor der sinnlosen Vernichtung und fördert ein Umdenken beim Einkaufsverhalten und Umgang mit Nahrungsmitteln. Bei dem Gespräch wurde deutlich, dass die einst als Nothilfe gedachte Tafelidee einen schleichenden Wandel erfahren hat. Die Tafel ist im Laufe der Zeit vielerorts zur Selbstverständlichkeit und zu einem umfassenden Zweitversorgungssystem geworden. Politik, Wirtschaft, Unterstützer, Mitarbeiter und selbst die Kunden der Tafel können sich eine Gesellschaft ohne die Hilfseinrichtungen kaum noch vorstellen und sehen keine Alternative. Die Tafeln sind bundesweit so sehr Bestandteil des Alltags geworden, dass manche Kinder den Einkauf von Lebensmitteln automatisch mit der Tafel verbinden und so an ihre Benachteiligung in der Gesellschaft gewöhnt werden. Die alleinige Konzentration vieler Tafeln Lebensmittel zu verteilen, lindert jedoch nur die Symptome der Armut, bekämpft nicht deren Ursache, darin waren sich alle beim gemeinsamen Austausch einig. Die in einem veränderten Sozialstaat, ohne ausreichende Grundsicherung und armutsfeste Löhne, entstandenen Lücken werden mit der Lebensmittelausgabe nur notdürftig gestopft. Freiwilligensysteme aber sind keine notwendige Garantie für ein menschenwürdiges Leben. Hier dürfe sich die Politik nicht weiter hinter Erfolgsmeldungen privater Hilfsangebote verstecken und müsse wieder mehr Verantwortung übernehmen, die in den letzten Jahren verlagert wurde, betonten die Tafelseelsorger. Die Daseinsfürsorge und das Ermöglichen sozialer und kultureller Teilhabe sind Kernaufgaben des Staates und dürfen nicht auf ein Almosensystem abgewälzt werden, welches auf Barmherzigkeit und dem Wohlwollen Einzelner beruht. Das schafft Abhängigkeiten auf persönlicher Ebene. Mit Blick auf die Ahrweiler Tafel stellte die Seelsorgergruppe einerseits das hohe Engagement der ehrenamtlichen und hauptamtlichen Tafelwerker positiv heraus. Sie leisten einen zur Zeit unverzichtbaren Beitrag zur Überbrückung individueller Not. Der zweite positive Aspekt der Ahrweiler Tafelarbeit liegt darin, den Zulauf der Menschen zu den Ausgabestellen zu nutzen, um ihnen durch Projekte von Tafel plus nachhaltige Hilfen zu ermöglichen. Alle Teilnehmer der Gesprächsrunde waren sich darin einig, dass der Weg der Tafel in Ahrweiler nur über die untrennbare Kombination von Lebensmittelausgabe und nachhaltigen Angeboten führen kann. Sie sollen die Lebenssituation der Tafelkunden nachhaltig verbessern, diese bei der Erschließung weiterer Hilfen unterstützen, Fähigkeiten und Ressourcen aktivieren und die Teilhabe am sozialen Leben fördern. Das wichtigste Ziel jedoch bleibt: gerechte Verhältnisse für alle Menschen zu schaffen, die Sozialpolitik so zu gestalten, dass es die Einrichtung der Tafeln für die Betroffenen zum Überleben nicht mehr geben muss. Eine Fortsetzung des Austausches zwischen Seelsorge und Tafel ist geplant.

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